{"id":4797,"date":"2017-05-08T10:01:37","date_gmt":"2017-05-08T10:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/zeitungsartikel-freie-presse-kunst-und-kampf-copy\/"},"modified":"2020-10-30T08:10:57","modified_gmt":"2020-10-30T08:10:57","slug":"artikel-junge-welt-sturm-auf-die-atomfestung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/artikel-junge-welt-sturm-auf-die-atomfestung\/","title":{"rendered":"Vierzig Jahre Schlacht von Grohnde"},"content":{"rendered":"<p>Junge Welt, Thema, Seiten 12 und 13, Mittwoch, 15. M\u00e4rz 2017<\/p>\n<h1>Sturm auf die Atomfestung<\/h1>\n<h2><strong>Vor 40 Jahren tobte die Schlacht um den Bauplatz des AKW Grohnde \u2013 eine der militantesten Auseinandersetzungen der Nachkriegsgeschichte<\/strong><\/h2>\n<h3>Von Bernd Langer<\/h3>\n<p>Samstag, der 19. M\u00e4rz 1977: Bis zum Erbrechen ist die Luft mit Tr\u00e4nengasschwaden durchsetzt, es \u00e4tzt und bei\u00dft in Augen und Lunge. Kampfesl\u00e4rm dringt in die Ohren. Geschrei, kleinere und gr\u00f6\u00dfere Explosionen. Gasgranaten schlagen ein. Laut knatternd man\u00f6vrieren Hubschrauber um aufgelassene Drachen aus Staniolpapier, Wasserwerfer sind im Einsatz.<\/p>\n<p>In diesem Chaos stehen f\u00fcnf Vermummte wenige Meter vom Bauzaun entfernt. Sie tragen Gasmasken und haben die Kapuzen ihrer gr\u00fcnen und orangen \u00d6ljacken \u00fcber die Helme gezogen. Der NATO-Draht ist \u00fcberwunden. Nun gilt es, die Stahlverbindungen zu zertrennen. Die Gruppe bereitet ihre Schwei\u00dfausr\u00fcstung vor. Einer der Aktivisten hat einen gelben Mopedhelm auf und tr\u00e4gt statt \u00d6lzeug eine schwarze Lederjacke, er braucht Bewegungsfreiheit. Konzentriert entz\u00fcndet er den Schneidbrenner. Mit ein paar Schritten ist die Gruppe am Zaun. Drei Genossen stemmen gro\u00dfe Blechschilde gegen den Strahl des Wasserwerfers, einer k\u00fcmmert sich um die mitgebrachten Gasflaschen. Die Atemmaske macht dem Aktivisten schwer zu schaffen, zus\u00e4tzlich muss er mit der linken Hand den Schwei\u00dfschild hochhalten. Schwierige Sichtverh\u00e4ltnisse, aber es geht, sie haben das vorher ausprobiert. Er legte das Sauerstoffventil des Schneidbrenners um. Sofort geht das Fauchen des austretenden Acetylens in ein trockenes Zischen \u00fcber, und in einem Funkenregen fliegt gl\u00fchendes Metall Richtung Bauplatz.<\/p>\n<p>Etwa 20.000 Demonstrantinnen und Demonstranten haben gegen 14 Uhr den Bauzaun des geplanten AKW Grohnde nahe der nieders\u00e4chsischen Gemeinde Emmerthal erreicht, und ungez\u00e4hlte Kleingruppen berennen nun die mit rotbrauner Rostschutzfarbe gestrichene \u00bbAtomfestung\u00ab. Es gilt, eine Bresche in den Stahlzaun zu schlagen.<\/p>\n<p>Um das Gel\u00e4nde hat die Kraftwerksbetreiberin, die Preu\u00dfen-Elektra, f\u00fcr 1,8 Millionen DM ein angeblich un\u00fcberwindbares Bollwerk errichten lassen. Die Stahlkonstruktion besteht aus einem drei Meter hohen, doppelten Bauzaun, basierend auf schweren, in Betonfundamenten verankerten Doppel-T-Tr\u00e4gern. Hinzu kam eine Sicherung aus Weidezaun, Maschen- und reichlich NATO-Draht.<\/p>\n<p>Auf dem Bauplatz befinden sich 2.000 Polizisten und Bundesgrenzschutz-Einheiten (heute Bundespolizei). 20 Wasserwerfer, die mit Tr\u00e4nengas angereichertes Wasser verspritzen, und mindestens vier Panzersp\u00e4hwagen sowie Hubschrauber sind aufgeboten. Zus\u00e4tzlich steht eine Reserve von weiteren 2.000 Polizisten mit einer Reiter- und Hundestaffel au\u00dferhalb des umz\u00e4unten Gel\u00e4ndes bereit.<\/p>\n<h3><strong>Die fr\u00fche Anti-AKW-Bewegung<\/strong><\/h3>\n<p>Ziel der AKW-Gegnerinnen und -gegner war die Bauplatzbesetzung. Sie waren auf eine Konfrontation mit der Staatsmacht eingestellt. Au\u00dferdem hatten der maoistische KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschland), der KB (Kommunistischer Bund) sowie militante, undogmatische Gruppen, auf diesen Tag hin mobilisiert. Das war eine neue Entwicklung in der noch jungen Anti-AKW-Bewegung. Denn die Proteste gegen die Atomindustrie waren Anfang der 1970er Jahre zun\u00e4chst von lokalen B\u00fcrgerinitiativen (BI&#8217;s) ausgegangen. Die BI&#8217;s waren so etwas wie eine bodenst\u00e4ndige Entsprechung zur Au\u00dferparlamentarischen Opposition und schafften es mittels juristischer Einspr\u00fcche bis hin zu zivilem Ungehorsam, den Bau einiger Atomkraftwerke zu verhindern bzw. an andere Standorte zu verdr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Mit zivilem Ungehorsam hatte 1975 auch der Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk Wyhl in der N\u00e4he von Freiburg begonnen. Wie andernorts stammte ein Gro\u00dfteil der s\u00fcdbadischen AKW-Aktiven aus dem konservativen Lager einschlie\u00dflich der CDU. Die ortsans\u00e4ssige Bev\u00f6lkerung beunruhigte vor allem, dass der Wasserdampf der K\u00fchlt\u00fcrme negative Auswirkungen auf den Weinbau haben k\u00f6nnte. \u00c4hnlich bangten etwas sp\u00e4ter, als es um den Bau des AKWs Brokdorf ging, viele norddeutsche Bauern um den Ruf ihrer landwirtschaftlichen Produkte.<\/p>\n<p>Die konservative Grundstimmung der Protestbewegung machte sie auch f\u00fcr Rechtsradikale anschlussf\u00e4hig. So mischte sich von Anfang an der \u201eWeltbund zum Schutz des Lebens\u201c (WSL), eine von alten Nazis 1960 gegr\u00fcndete \u00fcberregionale Organisation, in die Proteste ein. Der WSL basierte auf v\u00f6lkischer Ideologie, was aber erst allm\u00e4hlich verstanden und ruchbar wurde. Einfl\u00fcsse gingen auch von der Kirche aus, was dazu f\u00fchrte, dass Pfarrer in Talaren bei den Demonstrationen auftauchten. Demgegen\u00fcber hatten Linke mit der aufkommenden Umweltbewegung ihre Probleme. Ideologisch waren sie immer noch mehr auf die Arbeiterklasse fixiert. Eine Ann\u00e4herung fand durch die undogmatische Szene statt, die keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit dem neuen \u201eTeilbereichskampf\u201c kannte.<\/p>\n<p>Die sogenannten K-Gruppen taten sich damit schwerer. Im KB kam es zun\u00e4chst zu einer Kontroverse, ob es richtig sei, sich in der Antiatomkraftbewegung zu engagieren, weil in dieser eben auch fortschrittsfeindliche Einstellungen zu Hause waren. Solch qu\u00e4lenden Diskussionen brauchte man sich im KBW nicht zu stellen. Die Organisation verstand ihr Engagement rein taktisch. Die Maoisten waren gegen AKWs im Kapitalismus, nicht jedoch im \u201eRoten China&#8220;, wo sie sich in der Hand des Volkes befanden. So argumentierten auch KPD\/ML und KPD\/AO.<\/p>\n<h3><strong>Die Vorl\u00e4ufer<\/strong><\/h3>\n<p>Nach l\u00e4ngerem juristischen Tauziehen war der Baubeginn f\u00fcr Wyhl auf den 17. Februar 1975 festgelegt worden. Sechs Tage sp\u00e4ter machten sich 25.000 Menschen auf, um den Bauplatz in Augenschein zu nehmen und drangen an mehreren Stellen auf das Gel\u00e4nde vor. Die dort befindlichen rund 1.000 Polizisten zeigten sich \u00fcberfordert, bereitstehende Wasserwerfer kamen nicht zum Einsatz, schlie\u00dflich r\u00fcckten die Beamten ab. Im Anschluss blieb das Gel\u00e4nde mehrere Monate besetzt, und das AKW Wyhl wurde nicht gebaut. Ein gro\u00dfer Erfolg!<\/p>\n<p>Ein anderes Bild zeigte sich wenig sp\u00e4ter am Baugel\u00e4nde des AKW Brokdorf. In der Wilstermarsch wollten die Landesregierung Schleswig-Holstein und die AKW-Betreiber Preu\u00dfen-Elektra und Hamburgische Electricit\u00e4ts-Werke AG auf keinen Fall ein zweites Wyhl zulassen. Der Bauplatz wurde mit einem Doppelzaun, Graben und Stacheldrahtrollen versehen. Wenige Tage nach Baubeginn kam es am 30. Oktober 1976 zur ersten Brokdorf-Demo mit mehr als 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Wie in Wyhl versuchte man, auf das Gel\u00e4nde zu kommen. Dem stellten sich 500 Polizisten, verst\u00e4rkt durch Werkschutz, entgegen. Trotzdem gelang es den AKW-Gegnerinnen und -Gegnern, einen Teil des Platzes f\u00fcr einige Stunden zu besetzen. Nach der R\u00e4umung wurde die Baustelle in eine \u00bbAtomfestung\u00ab verwandelt. Diese bestand aus einem stabilen Stahlzaun von 2,50 Metern H\u00f6he samt NATO-Drahtrollen. Zudem wurde der umliegende Graben auf mehr als zwei Meter verbreitert und geflutet.<\/p>\n<p>Nach der Brokdorf-Demo entwickelte sich die Anti-AKW-Bewegung mit ungeheurer Dynamik. Binnen weniger Tage entstanden \u00fcberall im norddeutschen Raum B\u00fcrgerinitiativen. Einen Schwerpunkt bildete Hamburg mit allein 30 \u201eB\u00fcrger-Inis\u201c. Hinzu kam, dass nun die K-Gruppen, die in Hamburg und Bremen stark vertreten waren, das Thema Antiatomkraft f\u00fcr sich entdeckten.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund kam es am 13. November 1976 zur zweiten Brokdorf-Demo, die mit einem Feldgottesdienst begann. Nach der Abschlusskundgebung zogen rund 20.000 Menschen zur \u201eAtomfestung&#8220;, um das Motto \u201eDer Bauplatz muss wieder zur Wiese werden\u201c in die Tat umzusetzen. Mit Holzplanken und Kn\u00fcppeln, Sand und abmontierten Leitplanken \u00fcberwanden einige hundert Entschlossene den Graben und gingen mit Brechstangen, Bolzenschneidern und Rammb\u00f6cken gegen die Absperrungen vor. Es folgten mehrst\u00fcndige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Zwar erwies sich die \u201eAtomfestungW als uneinnehmbar, aber Brokdorf wurde endg\u00fcltig zum Medienereignis.<\/p>\n<p>Im Dezember 1976 verf\u00fcgte das Verwaltungsgericht Schleswig einen vorl\u00e4ufigen Baustopp. Als dieser auslaufen sollte, wurde f\u00fcr eine neue Demonstration mobilisiert. Die beteiligten Gruppen konnten sich jedoch nicht auf ein einheitliches Vorgehen einigen. Schlie\u00dflich gab es zwei verschiedene Orte, an denen am 19. Februar 1977 gegen das AKW protestiert wurde: einmal in der Kreisstadt Itzehoe und direkt am Gel\u00e4nde, wo die Demo verboten war. Insgesamt beteiligten sich 50.000 Menschen. An diesem Tag blieb es friedlich. Zum Abschied hie\u00df es \u201eAuf Wiedersehen in Grohnde\u201c.<\/p>\n<h3><strong>\u201eSchafft zwei, drei, viele Brokdorf!\u201c<\/strong><\/h3>\n<p>Nachdem das Gericht den Baustopp f\u00fcr Brokdorf im Februar 1977 verl\u00e4ngert hatte, lautete die Parole \u00bbSchafft zwei, drei, viele Brokdorf!\u00ab. Dieser Aufruf verband sich nun mit der geplanten Gro\u00dfdemonstration am Bauplatz von Grohnde, nahe der Rattenf\u00e4ngerstadt Hameln. Delegierte von \u00fcber 50 B\u00fcrgerinitiativen hatten sich auf den 19. M\u00e4rz als Termin geeinigt. Der Ort lag zentral und nicht allzuweit von Hannover, G\u00f6ttingen und Bielefeld entfernt. Alles St\u00e4dte mit gro\u00dfen linken Szenen. Daher wurde nicht von ungef\u00e4hr als Demo-Ziel die Bauplatzbesetzung proklamierte. Das f\u00fchrte zu un\u00fcberbr\u00fcckbaren Differenzen mit Vertretern des \u201eWeltbundes zum Schutz des Lebens\u201c und den \u00f6rtlichen Gruppen der BI Weserbergland. Schlie\u00dflich distanzierten sich der WSL und die BI von der geplanten Demonstration und riefen zu einer Kundgebung im zwei Kilometer entfernten Dorf Kirchohsen auf.<\/p>\n<p>Die Organisation der Grohnde-Demo lag damit weitgehend in den H\u00e4nden von ausw\u00e4rtigen Gruppen, in denen radikale Linke Einfluss hatten. Untereinander waren sich die meisten linksradikalen Organisationen und Gruppen zwar spinnefeind, zum Zweck der Demo aber kooperierten sie. in Grohnde spielten vor allem undogmatische Gruppen eine Rolle, welche von KB und KBW abwertend als Spontis bezeichnet wurden. W\u00e4hrend die K-Gruppen in den folgenden Jahren ihren Niedergang erleben sollten, fiel der Begriff Spontis bald unter den Tisch, weil eine neue politische Generation die Bezeichnung Autonome f\u00fcr treffender hielt. Entsprechend erkl\u00e4rte die Demonstrationsleitung: \u201eDas Hauptziel der Kundgebung ist, die Forderung \u203aKein AKW in Grohnde und anderswo\u2039 praktisch zu erf\u00fcllen. Deshalb ist die Aufgabe der Demoleitung, die Besetzung des Baugel\u00e4ndes in Grohnde zu koordinieren. (&#8230;) Die Demoleitung setzt ihre Beschl\u00fcsse nicht durch Ordner oder Demonstranten in \u00e4hnlicher Funktion durch. Sind die Beschl\u00fcsse den Demonstranten einsichtig, so werden die Demonstranten diese Beschl\u00fcsse zur Grundlage ihres Handelns machen \u2013 sind die Beschl\u00fcsse nicht einsichtig, so d\u00fcrfen sie nicht durchgesetzt werden.\u201c<\/p>\n<p>Delegierte aus elf St\u00e4dten bildeten eine r\u00e4tedemokratische Leitung. Dazu geh\u00f6rte auch ein Verkehrsausschuss, der die Anreise in zwei gro\u00dfen Konvois aus dem Norden und dem S\u00fcden koordinieren sollte. Ein \u201eSani-Ausschuss&#8220; und ein Ermittlungsausschuss, der sich um die Folgen der zu erwartenden staatlichen Repression k\u00fcmmern sollte, entstanden ebenfalls. Vor allem aber wurde das Gel\u00e4nde um den Bauzaun genau studiert und \u00fcberlegt, wie dieser zu knacken w\u00e4re. Einige Aktivistinnen und Aktivisten simulierten das sogar praktisch. Bei den \u00fcberregionalen Vorbereitungstreffen wurde abgesprochen, wie sich die Gruppen am Bauzaun verteilen und welche Funktionen sie \u00fcbernehmen sollten. Als Sammel- und Orientierungspunkte wurden Fahnen und Schilder mit Buchstaben mitgef\u00fchrt bzw. auf die Kleidung geklebt. Vom tats\u00e4chlichen Umfang dieser Vorbereitungen bekam der Polizeiapparat nichts mit oder nahm sie nicht ernst.<\/p>\n<h3><strong>Chaos im Ernstfall<\/strong><\/h3>\n<p>Vor der Zuckerfabrik an der Bundesstra\u00dfe 83 in Kirchohsen beginnt der Morgen des 19. M\u00e4rz harmlos. Einige Redner, wenige neugierige Einwohner, viele Demonstrantinnen und Demonstranten mit Blumen und Liedern finden sich ein. Alles scheint so zu verlaufen, wie von der Polizei gedacht. Die Einsatzleitung will den S\u00fcdkonvoi bis Grohnde und den Nordkonvoi bis Kirchohsen fahren lassen. In den beiden Orten, die keine vier Kilometer auseinanderliegen, sollen sich die beiden Demoz\u00fcge formieren k\u00f6nnen. An den Ortsausg\u00e4ngen in Richtung AKW-Baustelle hat die Polizei jedoch Sperren errichtet. Erst nach vorheriger Durchsuchung und ohne Fahrzeuge will man die AKW-Gegner passieren lassen.<\/p>\n<p>Allerdings ger\u00e4t die Planung bereits am Vormittag durcheinander. Ursache ist die Versp\u00e4tung der rund 90 Busse und zahllosen Pkws des Nordkonvois. Au\u00dfer Reichweite f\u00fcr die CB-Funkger\u00e4te des Verkehrsausschusses, kann kein direkter Kontakt hergestellt werden. So entsteht das Ger\u00fccht, der Nordkonvoi werde an der Autobahnabfahrt durch die Polizei festgehalten und jedes Fahrzeug, jede Demonstrantin und jeder Demonstrant werde durchsucht. Es hilft nichts, dass die Polizei mehrfach erkl\u00e4rt, das stimme nicht. Schlie\u00dflich \u00fcbermittelt ein Pfarrer ein Ultimatum: Entweder die Busse erscheinen, oder die Haupteisenbahnstrecke Hannover\u2013Altenbeken, die neben dem Kundgebungsplatz die B 83 \u00fcberquert, werde besetzt. Tats\u00e4chlich blockiert gegen 11.45 Uhr eine gro\u00dfe Menschenmenge die Schienen des Bahn\u00fcbergangs, und der gesamte Zugverkehr auf dieser wichtigen Verkehrsverbindung f\u00e4llt f\u00fcr Stunden aus.<\/p>\n<p>Das geht der \u00f6rtlichen B\u00fcrgerinitiative zu weit. In Panik ruft der Versammlungsleiter Punkt zw\u00f6lf ins Mikrofon: \u201eIch schlie\u00dfe die Kundgebung und lehne alle Verantwortung f\u00fcr die weiteren Vorf\u00e4lle ab.\u201c Schrille Pfiffe und Buhrufe sind zu h\u00f6ren: \u201eGeh doch nach Hause!\u201c oder \u201eDu hast ja die Hosen voll!\u201c<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt greift die Polizei ein, um die Anfahrt des Nordkonvois, in dem sich \u00fcber 10.000 Menschen gesammelt haben, zu beschleunigen. Mit Polizeieskorte vorweg wird die Kolonne durch Hameln geschleust. Tosender Beifall kommt auf, als der Konvoi endlich in Kirchohsen eintrifft. Schnell formiert sich der Demonstrationszug auf der gesamten Breite der Bundesstra\u00dfe. Helme in den verschiedensten Farben und Formen, wetterfestes \u00d6lzeug in Gelb, Gr\u00fcn und Orange sowie dunkle Lederjacken bestimmen das Bild. In den vorderen Reihen geht der KBW. Seine Mitglieder scheinen dem Spottnamen der Organisation, \u201eKB-Wuppdich\u201c, alle Ehre machen zu wollen. Viele halten Kn\u00fcppel in den H\u00e4nden und sind mit selbstgemachten Schilden ausger\u00fcstet.<\/p>\n<p>In dichten Reihen geht es Richtung Bauplatz. Die \u00f6rtliche B\u00fcrgerinitiative schaut hinterher. Bis zum Ortsausgang Richtung Grohnde ist es nicht weit. Dort wird die Demo von einer aus Lkw der Polizei zusammengeschobenen Sperre gestoppt. Es bedarf keiner langen Diskussion. Mit drei Hundertschaften ist die Polizei hoffnungslos unterlegen. Rasselnd scheppern die Absperrgitter vor den Lkw zu Boden und mit Stahlseilen ziehen Militante einen der Lastwagen aus der Sperre. Zwar dreschen beide Seiten kurz mit Kn\u00fcppeln aufeinander ein, aber f\u00fcr die Polizei ist da nichts zu halten. Die Uniformierten geben den Weg frei, was in der gesamten Demonstration Euphorie ausl\u00f6st. Z\u00fcgig geht es weiter, viele k\u00f6nnen es kaum abwarten, den Bauzaun anzugehen. Dazu befinden sich im Demonstrationszug au\u00dfer dem Lautsprecherwagen mehrere Pkw, deren Kennzeichen sorgf\u00e4ltig durch Klebestreifen unleserlich gemacht wurden. Die Wagen sind mit technischem Ger\u00e4t vollgestopft, darunter Schneidbrenner, gro\u00dfe Zangen, Scheren, Drahtseile, Taue, Enterhaken.<\/p>\n<p>Aus Grohnde n\u00e4hert sich gleichzeitig der Demozug des S\u00fcdkonvois mit 4.000 Menschen. Sie haben \u00fcber eine Stunde vor der Polizeisperre debattiert. Es ging erst weiter, nachdem sich die Demoleitung mit der Durchsuchung des Lautsprecher- und Saniwagens einverstanden erkl\u00e4rt hatte. Dadurch ging viel Zeit verloren, und Teile des G\u00f6ttinger Blocks sind kurz davor, die Demoleitung abzusetzen und quer \u00fcber die Felder zu laufen. Letztlich gelangt der S\u00fcdkonvoi geschlossen an den Bauzaun.<\/p>\n<p>\u00dcberraschenderweise steht kein einziger Polizist vor der \u201eAtomfestung\u201c. Die Staatsmacht vertraut auf die un\u00fcberwindlichen Absperrungen. Selbst auf einen Graben, wie um den Bauplatz in Brokdorf, hat man verzichtet.<\/p>\n<h3><strong>Erbitterte Konfrontation<\/strong><\/h3>\n<p>Unmittelbar nach ihrem Eintreffen gehen Aktivistinnen und Aktivisten den Zaun auf der gesamten Breite von 200 Metern an. Die hinter dem Zaun postierte Polizei feuert massiv Tr\u00e4nengas und Rauchgranaten. Das h\u00e4tte den Ansturm normalerweise gestoppt, es ist fast windstill und niederschlagsfrei. Die chemischen Kampfstoffe aber zeigen keine Wirkung, denn die Leute am Zaun tragen Gasmasken. So k\u00f6nnen die ersten Rollen des NATO-Drahts z\u00fcgig mit Wurfankern und Drahtscheren beiseite ger\u00e4umt werden. Gleichzeitig \u00fcbersch\u00fctten andere Gruppen die Polizei mit einem Stein-, Matsch- und Farbbeutelhagel, auch Zwillen kommen zum Einsatz.<\/p>\n<p>Nun geht die Initiative vollst\u00e4ndig auf die am Zaun aktiven Gruppen \u00fcber, von einer Demonstrationsleitung ist nichts mehr zu bemerken. Kleingruppen attackieren die \u201eAtomfestung\u201c mit gro\u00dfen Eisens\u00e4gen und Trennschleifern, w\u00e4hrend andere versuchen, die Fundamente mit Spitzhacken und blo\u00dfen H\u00e4nden auszugraben. Taktisch vorgehende Aktivisten zerst\u00f6ren die Wasserrohre zum Baugel\u00e4nde. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Wasserwerfer nicht mehr einsatzbereit sind. Auch wird das Wellblechklo eines nahen Kieswerks abgebrochen, um damit die Sabotage am Zaun zu decken.<\/p>\n<p>Der Durchbruch aufs Gel\u00e4nde erfolgt von der B 83 aus. Wasserwerfer richten ihre Strahlen direkt auf die am Zaun Arbeitenden, und Polizisten stechen mit drei bis vier Meter langen, rostigen Eisenstangen zu. Dadurch gibt es u. a. f\u00fcnf Bauch- und eine Genitalverletzung. Mit aufgeblendeten Scheinwerfern und schrillem Martinshorn bahnen sich Krankenwagen den Weg durch das Get\u00fcmmel, um die Verletzten herauszubringen.<\/p>\n<p>Endlich k\u00f6nnen Segmente, aus denen sich der Stahlzaun zusammensetzt, abgetrennt und Haken mit Seilen daran befestigt werden. Hunderte bilden, unerreichbar f\u00fcr die Wasserwerfer, lange Schlangen an den Seilen und rei\u00dfen die ausgeschnittenen Teile der Stahlkonstruktion nieder. Nachdem zwei \u00e4u\u00dfere Elemente gefallen sind, gelingt schlie\u00dflich, was angeblich unm\u00f6glich ist: Auch ein inneres Zaunst\u00fcck f\u00e4llt durch die Kraft und unter dem Jubel einiger hundert. Es klafft eine L\u00fccke von 15 Metern.<\/p>\n<p>Die AKW-Gegnerinnen und -gegner str\u00f6men zum Durchbruch. Unter Einsatz von Feuerl\u00f6scher kontert die Polizei mit einem Angriff, der abgeschlagen werden kann. Jetzt steht der Kampf aus Messers Schneide. Den abgek\u00e4mpften Polizeihundertschaften droht das Wasser f\u00fcr die Werfer auszugehen. Der R\u00fcckzug vom Bauplatz, eine blamable Niederlage, steht unmittelbar bevor. In der 20 Kilometer entfernt liegenden Polizeizentrale Hameln beschlie\u00dft die Einsatzleitung, die au\u00dferhalb des Gel\u00e4ndes in Reserve liegenden Einheiten vorr\u00fccken zu lassen. \u201eWir fordern die friedlichen Demonstranten auf, sich von den Verbrechern zu trennen!\u201c dr\u00f6hnt es mehrfach aus den Lautsprechern. Doch nur die wenigsten folgen dieser Aufforderung, statt dessen stellen sich viele gegen die Polizei. \u201eLasst euch von den Bullen nicht zersprengen!\u201c lautet die Parole, und es beginnt eine erbittert gef\u00fchrte Auseinandersetzung. Durch Ger\u00fcchte, ein Kollege sei erschlagen und einem anderen sei eine Mistforke in den Hals gestochen worden, aufgebracht, schlagen die Beamten zu. Von besonderer Brutalit\u00e4t ist der Einsatz der Hunde und der Reiterstaffel Hannover, ca. 30 berittene Polizisten. Im vollen Galopp preschen sie in die Menge und hieben mit langen Kn\u00fcppeln auf die Demonstranten ein. Aber auf den weiten Feldern zerfleddert der Angriff, an einigen Stellen wird die Polizei zur\u00fcckgeworfen.<\/p>\n<p>Nach drei Stunden ist alles vorbei. Der Demosanit\u00e4tsdienst z\u00e4hlt 800 Verletzte, sieben davon m\u00fcssen station\u00e4r behandelt werden. Es gibt 80 Festnahmen.<\/p>\n<p>Nachdem die Demonstrantinnen und Demonstranten abgezogen sind, l\u00e4sst sich der nieders\u00e4chsische Ministerpr\u00e4sident Ernst Albrecht (CDU) in Begleitung seines Innenministers mit dem Hubschrauber zu dem umk\u00e4mpften Bauplatz fliegen. Vor dieser Kulisse setzt sich Albrecht in Szene und verk\u00fcndet, pr\u00fcfen zu lassen, ob die K-Gruppen als kriminelle Organisationen verboten und aufgel\u00f6st werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Das Fazit des Staatsapparats nach der Schlacht um Grohnde war: mehr Repression. Die Demonstration gegen den sogenannten Schnellen Br\u00fcter im niederrheinischen Kalkar im September 1977 bekam dies sp\u00fcren. Dort kam es zum gr\u00f6\u00dften Polizeiaufgebot in der Geschichte der Bundesrepublik. Die staatliche Drangsalierung der Anti-AKW-Bewegung ist indes nur ein Teil der Geschichte. Grohnde vertiefte die Gr\u00e4ben zwischen Gewaltfreien und Militanten. Einige Jahre sp\u00e4ter manifestierte sich das in der Gr\u00fcndung der Gr\u00fcnen \u2013 w\u00e4hrend die Autonomen weiterhin auf Militanz setzten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Junge Welt, Thema, Seiten 12 und 13, Mittwoch, 15. 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