{"id":4805,"date":"2017-05-08T10:19:04","date_gmt":"2017-05-08T10:19:04","guid":{"rendered":"http:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/artikel-junge-welt-sturm-auf-die-atomfestung-copy\/"},"modified":"2017-05-08T13:40:46","modified_gmt":"2017-05-08T13:40:46","slug":"artikel-junge-welt-1-mai-von-rechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/artikel-junge-welt-1-mai-von-rechts\/","title":{"rendered":"Die Nazis und der 1. Mai"},"content":{"rendered":"<p>Junge Welt, Thema, Seiten 12 und 13, Freitag, 28. April 2017<\/p>\n<h1>1. Mai von rechts<\/h1>\n<h2>Die Besetzung des internationalen Kampftages der Arbeiterklasse durch die Faschisten und andere Rechte hat eine lange Tradition \u2013 ein \u00dcberblick<\/h2>\n<h3>Bernd Langer<\/h3>\n<p>\u00bbArbeiterkampftag\u00ab, \u00bbKapitalismus zerschlagen\u00ab ist auf Transparenten zu lesen und dr\u00f6hnt es aus den Lautsprechern. Hochgezogene Transparente, Vermummte dahinter schwenken Pyros, die Polizei ist dicht am schwarzen Block. Rangeleien, die Staatsmacht schl\u00e4gt zu, erste Verhaftungen. Eine Situation, wie sie bei 1.-Mai-Demos nicht selten zu finden ist. Der erste Blick kann jedoch tr\u00fcgen.<br \/>\nVom \u00e4u\u00dferen Erscheinungsbild sind die Demonstrationen der Neonazis kaum noch von \u00bbrevolution\u00e4ren\u00ab linken Manifestationen zu unterscheiden. Die Rechten w\u00fcrden einfach alles von den Linken klauen, meinen letztere. Als historisches Beispiel gilt die rote Fahne, die Adolf Hitler ganz bewusst \u00fcbernahm, um sein Hakenkreuz darauf zu plazieren. \u00c4hnlich war es mit dem Parteinamen. Die SDAP, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, war die erste linke, marxistische Partei in Deutschland, gegr\u00fcndet von Wilhelm Liebknecht und August Bebel. Hitler setzte einfach ein \u00bbN\u00ab davor, mit der Absicht, den Namen und Teile der Tradition zu kassieren. Denn Form und Inhalt k\u00f6nnen nur bedingt voneinander getrennt werden. Das Thema ist komplexer. Symboliken setzen Bez\u00fcge.<br \/>\nBereits zu Zeiten der aufkommenden Arbeiterbewegung musste man genau hinschauen. Klasse an sich ist eben nicht Klasse f\u00fcr sich und nicht jeder Arbeiter automatisch ein Revolution\u00e4r. Immer schon standen diverse politische Strategien in Konkurrenz zueinander. Doch gab die Orientierung am Klassenkampf eine Richtung und einigende Symbole und Traditionen \u2013 vor allem den 1. Mai als internationaler Kampftag der Arbeiterinnen und Arbeiter. Das \u00e4nderte sich mit dem Ersten Weltkrieg. Sp\u00e4testens seit 1918 waren SPD und Linksradikale zwei deutlich getrennte Lager. Hier liegt einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass es die in den Anfangszeiten der Weimarer Republik starke linke Bewegung nicht schaffte, den 1. Mai als Feiertag durchzusetzen.<br \/>\nUnterlassung mit Folgen<br \/>\nAuch sp\u00e4ter, als die Sozialdemokraten Regierungsverantwortung trugen und zudem in ihrem R\u00fccken den m\u00e4chtigen Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) hatten, wurde der Maifeiertag nicht eingef\u00fchrt. Eine Unterlassung, deren Folgen freilich nicht abzusehen waren \u2013 genauso wie man das, was der Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler folgen sollte, untersch\u00e4tzte. Ein gemeinsamer antifaschistischer Kampf der linken und demokratischen Kr\u00e4fte kam jedenfalls nicht zustande.<br \/>\nLieber bek\u00e4mpfte man sich weiter gegenseitig oder versuchte gar, sich den Gegebenheiten anzupassen. So erkl\u00e4rte der Gewerkschaftsbund im Februar 1933 seine Neutralit\u00e4t gegen\u00fcber den neuen faschistischen Machthabern. Besonders drastisch zeigte sich der gewerkschaftliche Unterwerfungskurs dann am 1. Mai 1933. Hitler deklarierte den symboltr\u00e4chtigen Kampftag zum \u00bbTag der nationalen Arbeit\u00ab um und machte ihn zum Feiertag. Eine alte Forderung der Arbeiterbewegung wurde ausgerechnet von den Nazis umgesetzt, und Hitler konnte sein Image als \u00bbnationaler Sozialist\u00ab aufpolieren. Statt Klassenkampf sollte nun die sogenannte Volksgemeinschaft gefeiert werden und \u00bbdeutsch\u00ab an erster Stelle stehen. Das widersprach zwar komplett dem urspr\u00fcnglichen Sinn dieses Tages, begr\u00fcndete aber die faschistische Tradition, mit der der 1. Mai seit dieser Zeit belastet ist.<br \/>\nZu diesem Anlass gab es Kundgebungen und eine zentrale Massenveranstaltung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. In der Reichshauptstadt str\u00f6mten bis zu 1,5 Millionen Menschen zur Maifeier, deren H\u00f6hepunkt eine Rede Hitlers war. Ihren Legalit\u00e4tskurs befolgend, riefen auch Gewerkschafter zu den Nazi-Maiveranstaltungen auf und marschierten hinter Hakenkreuzfahnen.<br \/>\nDoch alle Anbiederungsversuche nutzten nichts, am 2. Mai 1933 besetzten SA-Trupps die Gewerkschaftsh\u00e4user, -banken usw. Das Gewerkschaftsverm\u00f6gen wurde beschlagnahmt, einige missliebige Funktion\u00e4re verhaftet. An die \u00fcbrigen Angestellten erging die Aufforderung, unter den Kommissaren der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) loyal weiterzuarbeiten. Wer dies tat, und das waren die weitaus meisten, behielt Posten und Auskommen.<br \/>\nIn dieser Zeit gab es noch relevante sogenannte nationalrevolution\u00e4re Str\u00f6mungen in der NS-Bewegung. Vor allem in proletarischen Teilen der SA fanden Parolen, die sich gegen \u00bbdie Bonzen\u00ab richteten, Anh\u00e4nger. Als nationalrevolution\u00e4re Symbolfigur galten die beiden Br\u00fcder Gregor und Otto Strasser. Gregor Strasser war bis 1932 ein Konkurrent Hitlers innerhalb der NSDAP gewesen. Hinter dem Streit zwischen Hitler und Strasser, was unter Nationalsozialismus zu verstehen sei, standen auch pers\u00f6nliche Rivalit\u00e4ten.<br \/>\nOhne Zweifel hatte der nationalrevolution\u00e4re Fl\u00fcgel in der NSDAP klare Bez\u00fcge zur Arbeiterklasse. Dies erkl\u00e4rt die \u00c4hnlichkeit bzw. \u00dcbernahme von Parolen, Emblemen und Rhetorik. Zum 1. Mai 1934 gaben die Nazis sogar eine Mai-Plakette mit Hakenkreuzadler, Hammer und Sichel heraus.<br \/>\nAber mit solcher Art von Symbolik und Fraktionen wie dem sogenannten Strasser-Fl\u00fcgel in den eigenen Reihen sollte es ein schnelles Ende haben. Hitler lie\u00df die gesamte SA-F\u00fchrung und andere Parteirenegaten Ende Juli 1934 verhaften und von der SS massakrieren. Insgesamt kostete der sogenannte R\u00f6hm-Putsch 83 Personen das Leben. Unter ihnen auch Gregor Strasser und der SA-Chef Ernst R\u00f6hm.<br \/>\nAus diesen Morden resultierte der Mythos, dass die Tr\u00e4ger des echten, wahren Nationalsozialismus vom Hitlerismus vernichtet worden w\u00e4ren. Das ist offensichtlich unzutreffend. Es gibt keinen guten oder schlechten Nationalsozialismus. Einzelne Str\u00f6mungen erkl\u00e4ren sich aus taktischen Nuancen oder gehen auf bestimmte F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten zur\u00fcck. Rechtsradikalismus basiert immer auf v\u00f6lkischer Ideologie und verfolgt die Idee der Volksgemeinschaft. Der Kern ist Rassismus. Dies zeigt sich vor allem, wenn man sich ansieht, welche Rolle die historischen Geschehnisse f\u00fcr das Hier und Heute haben.<\/p>\n<h3>Die Neonazis<\/h3>\n<p>In 1970er Jahren trat eine neue Generation von Neonazis auf die politische B\u00fchne. Sie versuchten, die NPD rechts zu \u00fcberholen und die NSDAP wiedererstehen zu lassen. Wesentliche Impulse dazu kamen aus Hamburg, von einer Gruppe um Michael K\u00fchnen. Ziel war es, eine bundesweite, \u00bbnationalsozialistische\u00ab Partei zu gr\u00fcnden. K\u00fchnen beschwor den \u00bbrevolution\u00e4ren Geist der SA unter Ernst R\u00f6hm\u00ab, marschierte in SA-\u00e4hnlichen Uniformen auf und verwendete Embleme nach historischem Vorbild. 1983 gelang es, verschiedene Gruppen zur Aktionsfront Nationaler Sozialisten\/Nationale Aktivisten (ANS\/NA) zu vereinen, die noch im selben Jahr verboten wurde. Daraufhin unterwanderten die ANS\/NA-Mitglieder die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) und machten sie zur f\u00fchrenden Neonazipartei in der Bundesrepublik. Ihr Verbot erfolgte 1995.<br \/>\nAls Reaktion entstanden die Kameradschaften bzw. die sogenannten Freien Kr\u00e4fte, die sich lediglich regional vernetzen. Durch weitere Verbote von lokalen Gruppen st\u00e4ndig geschw\u00e4cht, konnten die Neonazis keinen bundesweiten Zusammenschluss mehr erreichen. Ihr politischer Ort wurde die rechtsradikale Subkultur. Man definiert sich heute als Bewegung. Dennoch bleibt der Traum von der \u00bbnationalsozialistischen\u00ab Partei bestehen.<br \/>\nEine Zeitlang wurde die NPD ein Orientierungspunkt in dieser Hinsicht. Interne Machtk\u00e4mpfe und der Legalit\u00e4tskurs der vom Verbot bedrohten Partei f\u00fchrten jedoch dazu, dass die Kameradschaftsszene ihr wieder den R\u00fccken kehrte. Heute, wo der rechtskonservative Rand der Bev\u00f6lkerung eher die \u00bbAlternative f\u00fcr Deutschland\u00ab w\u00e4hlt, ringt die Partei um ihre Bedeutung. In Mecklenburg-Vorpommern verlor sie 2017 ihre letzten Landtagssitze und rechnet f\u00fcr ihre 1.-Mai-Demo dieses Jahr in Stralsund mit lediglich 250 Teilnehmern. Die \u00bbFreien Kr\u00e4fte\u00ab aus Mecklenburg-Vorpommern mobilisieren jedenfalls zur 1. Mai-Demo von \u00bbDie Rechte\u00ab nach Halle\/Saale.<br \/>\nDie 2012 gegr\u00fcndete Partei \u00bbDie Rechte\u00ab, spielt mit ihrem Namen auf Die Linke an und schreibt sich wie diese offiziell in Gro\u00dfbuchstaben. Au\u00dferdem hat sie demonstrativ das rote Wimpeldreieck \u00fcber dem \u00bbI\u00ab \u00fcbernommen. Es weist bei \u00bbDie Rechte\u00ab nat\u00fcrlich nach rechts. Vorsitzender ist Christian Worch, ein ehemaliger Gefolgsmann von Michael K\u00fchnen und seit langem aktiver Neonazi. \u00bbDie Rechte\u00ab bem\u00fchte sich, als Reinkarnation der 2011 in der NPD aufgegangenen Deutschen Volksunion (DVU) aufzutreten, inhaltlich also zwischen NPD und AfD zu rangieren. Dem F\u00fchrungsmann Worch und anderen Parteimitgliedern aus der sogenannten Borussenfront in Dortmund nahm das aber niemand so richtig ab. Zumindest verprellte die \u00bbDie Rechte\u00ab mit ihrem legalen Kurs Gruppen aus der Kameradschaftsszene, namentlich das \u00bbAntikapitalistische Kollektiv\u00ab (AKK). W\u00e4hrend des letzten Jahres n\u00e4herte man sich jedoch wieder an. Ein Grund d\u00fcrfte darin liegen, dass \u00bbDie Rechte\u00ab allein nur ein geringes Mobilisierungspotential hat. Sie bringt maximal 150 Leute auf die Stra\u00dfe. Zuletzt im M\u00e4rz 2017 in Leipzig. Zum 1. Mai in Halle\/Saale soll das anders werden.<br \/>\nZu der geplanten Demonstration ruft n\u00e4mlich nicht nur die \u00f6rtliche Kameradschaftsszene in Form der \u00bbBrigade Halle\u00ab auf, sondern auch das AKK. Es versteht sich als Vernetzung verschiedener rechtsradikaler Gruppen und trat erstmals mit Agitationen gegen die Er\u00f6ffnung der Europ\u00e4ischen Zentralbank in Frankfurt a. M. im Fr\u00fchjahr 2015 in Erscheinung. Es ist quasi die rechtsradikale Interpretation des schwarzen Blocks \u2013 und ist den Autonomen nicht nur \u00e4u\u00dferlich, sondern auch inhaltlich in einigen Forderungen \u00e4hnlich. Das AKK ist beispielsweise gegen die Freihandelsabkommen CETA und TTIP oder fordert Freiheit f\u00fcr alle Tierrechtsaktivisten.<\/p>\n<h3>Hammer und Schwert<\/h3>\n<p>Als Symbol verwendet das AKK einen roten Hammer gekreuzt mit einem roten Schwert vor einem auf der Spitze stehenden Quadrat. Es handelt sich um das Emblem des 1927 von den Strasser-Br\u00fcdern gegr\u00fcndeten Kampfverlags. Im Original sind die beiden Werkzeuge auf einem Zahnrad drapiert mit der Aufschrift \u00bbVolksherrschaft statt Diktatur des Kapitals \u2013 Widerstand jetzt!\u00ab. Hammer und Schwert sollen das B\u00fcndnis von Arbeitern und Soldaten darstellen und wurden zu Insignien des nationalrevolution\u00e4ren Fl\u00fcgels innerhalb der NSDAP. Wiederbelebt wurde das Emblem in den 1990er Jahren als \u00bbSymbol der nationalen Revolution\u00ab. Leicht variiert geh\u00f6rt es momentan zu einem der am meisten verwendeten Zeichen des neonazistischen Spektrums.<br \/>\nDas AKK zeigt sich in seiner Agitation \u00e4sthetisch auf der H\u00f6he der Zeit. Das Mobilisierungsvideo f\u00fcr Halle zeigt beispielsweise Anleihen bei Streetart-Elementen. Im Gegensatz dazu greift die Formsprache von \u00bbDie Rechte\u00ab auf nostalgisch-nationalsozialistische Elemente zur\u00fcck. In der Propaganda zum \u00bbTag der deutschen Arbeit\u00ab in Halle\/Saale blicken zwei M\u00e4nner unerbittlich den Betrachtenden an. Der vordere tr\u00e4gt eine \u00bbTh\u00e4lmann-M\u00fctze\u00ab auf dem Kopf und einen Vorschlaghammer auf der Schulter. Der hintere ist mit einem Schmiss auf der Wange als burschenschaftlicher Akademiker markiert. Dasselbe Motiv, manchmal auch nur mit dem Hammertr\u00e4ger, fand sich auch schon bei der NPD.<br \/>\nEs handelt es sich um eine Eins-zu-eins-\u00dcbernahme des Plakates \u00bbArbeiter der Stirn (und) der Faust \u2013 W\u00e4hlt den Frontsoldaten Hitler!\u00ab von 1932 und stammt von dem NSDAP-Plakatgestalter Felix Albrecht, seit 1927 Parteimitglied, ab 1930 in der SS und ausstaffiert mit dem \u00bbGoldenen Parteiabzeichen\u00ab. Nicht ohne Grund steht auf dem Plakat von 2017 \u00bbTradition verpflichtet!\u00ab.<\/p>\n<h3>\u00bbDer III. Weg\u00ab<\/h3>\n<p>Bei weitem nicht alle Neonazis werden am 1. Mai in Halle sein, denn im rund 100 Kilometer entfernten Gera will gleichzeitig \u00bbDer III. Weg\u00ab aufmarschieren. Die Gruppe wurde im September 2013 von einigen ehemaligen NDP-Funktion\u00e4ren und Mitgliedern des in Bayern 2014 verbotenen \u00bbFreien Netzes S\u00fcd\u00ab gegr\u00fcndet. Nachdem mehrere Parteimitglieder samt Familien nach Plauen gezogen waren, hat die Partei dorthin ihren Schwerpunkt verlegt. Gute Kontakte ins Vogtland bestanden seit l\u00e4ngerem. Weshalb auch viele ehemalige Angeh\u00f6rige der 2012 aufgel\u00f6sten \u00bbRevolution\u00e4re Nationale Jugend\u00ab, einer regionalen Neonazigruppe, heute dem \u00bbIII. Weg\u00ab angeh\u00f6ren.<br \/>\n\u00bbDer III. Weg\u00ab will keine Massenorganisation sein, sondern versteht sich als elit\u00e4re Kaderschmiede. Inhaltlich wird ein nationalrevolution\u00e4rer dritter Weg abseits von Kapitalismus und Kommunismus gefordert. Ein \u00bbdeutscher Sozialismus\u00ab soll entstehen. Im wesentlichen kn\u00fcpfen diese Aussagen an die Programmatik des Strasser-Fl\u00fcgels in der NSDAP an. Als Emblem verwendet \u00bbDer III. Weg\u00ab denn auch oft Hammer und Schwert in einem Zahnradkranz.<br \/>\nIn den letzten Jahren war zu verfolgen, dass \u00bbDer III. Weg\u00ab nach Demonstrationen in den betreffenden Kommunen sogenannte St\u00fctzpunkte, also Ortsgruppen, etablierte. So war das nach der 1.-Mai-Demo 2014 in Plauen bzw. 2015 in Saalfeld. Bei seinem \u00f6ffentlichen Auftreten achtet \u00bbDer III. Weg\u00ab auf eine propagandistische Choreographie. Oft gehen in der ersten Reihe Trommler, dann kommt das Frontransparent, dahinter Parteifahnen, dann der Rest der Demo in Reih und Glied, zum 1. Mai in einheitlichen roten T-Shirts, zu anderen Anl\u00e4ssen im dunkelgr\u00fcnen Parteilook. Auch bei Redebeitr\u00e4gen legt man Wert darauf, sich mit m\u00f6glichst einheitlicher Kleidung, Parteifahnen und Symbolen als radikale Kaderpartei darzustellen. Die Zukunft wird zeigen, inwieweit sich dieses Konzept durchsetzt oder ob \u00bbDer III. Weg\u00ab am Ende ein Fall f\u00fcr den Sektenbeauftragten wird.<br \/>\nBesonders gro\u00df sollte die 1.-Mai-Demonstration des \u00bbIII. Wegs\u00ab 2016 in Plauen ausfallen. Es gab eine gute Voraussetzung daf\u00fcr: Das AKK lag mit \u00bbDie Rechte\u00ab im Clinch, mobilisierte also nicht wie \u00bbDie Rechte\u00ab nach Erfurt, sondern nach Plauen. Tats\u00e4chlich kamen dann 800 Neonazis zusammen. Es gab Konfrontationen mit Antifas und der Polizei, die bundesweit in den Medien waren. Das wiederum passte dem \u00bbIII. Weg\u00ab nicht, dem sehr an seinem legalen Status gelegen ist. Seitdem haben \u00bbIII. Weg\u00ab und das AKK nichts mehr miteinander zu tun.<br \/>\nAuf keinen Fall will \u00bbDer III. Weg\u00ab in den Medien als Krawalltruppe dastehen. Seine Politik ist zwar elit\u00e4r, zielt aber dennoch auf Breitenwirkung ab. Im Januar 2017 er\u00f6ffnete die Organisation ihr bundesweit erstes Parteib\u00fcro im Plauener Stadtteil Haselbrunn. Vermietet wird das Geb\u00e4ude von einem Schweizer Immobilienfonds. Das \u00bbB\u00fcrgerb\u00fcro\u00ab soll als Informationszentrum dienen. Auf den Schaufensterscheiben ist gro\u00df zu lesen \u00bbNational, sozialistisch, revolution\u00e4r\u00ab. Hier will \u00bbDer III. Weg\u00ab\u00ab um Akzeptanz in der Bev\u00f6lkerung werben. So sollen mittels einer w\u00f6chentlich stattfindenden Volksk\u00fcche bed\u00fcrftige Deutsche mit einem kostenlosen Essen gek\u00f6dert werden. Ebenso werden unter der \u00dcberschrift \u00bbDeutsche Winterhilfe\u00ab Altkleider verteilt.<br \/>\nDabei lassen es die Rechtsradikalen aber nicht bewenden. Sie organisieren sogenannte \u00bbNationale Streifen\u00ab: Vier bis f\u00fcnf Parteimitglieder schleichen im T-Shirt oder Hemd mit Parteiaufdruck durch die Stadt, um sich dabei von hinten fotografieren zu lassen. Diese Fotos ver\u00f6ffentlichen sie dann in ihren eigenen Postillen, um sich als H\u00fcter von \u00bbRecht und Ordnung\u00ab aufzuspielen. Solche Provokationen wurden auch schon gekontert. Im Februar 2017 traf es das Auto von Tony Gentsch, einem einschl\u00e4gig vorbestraften Rechtsradikalen, der bis 2013 eine 26monatige Haftstrafe wegen K\u00f6rperverletzung und Beleidigung verb\u00fc\u00dfte. Der aus Bayern stammende Gentsch ist einer der f\u00fchrenden Kader des \u00bbIII. Wegs\u00ab in Plauen. Sein Fahrzeug wurde mittels Butters\u00e4ure nicht unerheblich l\u00e4diert, ebenso erwischte es Auto und Wohnung seines Parteifreundes Thomas Heyer. In der darauf folgenden Nacht zersplitterte die Terrassent\u00fcr der Wohnung des \u00bbIII. Weg\u00ab-Aktivisten Manuel Maier in G\u00f6ppingen. Auch hier kam Butters\u00e4ure zum Einsatz.<br \/>\nDie Strategie des \u00bbIII. Wegs\u00ab ist auf kontinuierliche Arbeit vor Ort angelegt. Dabei agieren die Rechtsradikalen politisch durchaus nicht ungeschickt. Sie werden wohl f\u00fcr den Stadtrat kandidieren und beabsichtigen, sich langsam auszubreiten. Zu dieser Strategie geh\u00f6ren auch ihre 1.-Mai-Demonstrationen, die auf die Herausbildung neuer \u00bbSt\u00fctzpunkte\u00ab zielen. Auf Dauer k\u00f6nnte daraus ein Problem erwachsen.<\/p>\n<h3>Subkulturelle Ber\u00fchrungspunkte<\/h3>\n<p>Der braune Schatten, der dem 1. Mai anhaftet, spielt in der allgemeinen Wahrnehmung keine gro\u00dfe Rolle. Aus dieser Perspektive ist der 1. Mai der \u00bbTag der Arbeit\u00ab und somit ein Gewerkschaftsfest. Die \u00bbrevolution\u00e4re\u00ab Mai-Randale von Linksradikalen erscheint in diesem Zusammenhang ebenso unerw\u00fcnscht wie rechtsradikale Aufz\u00fcge, von denen man sich ebenfalls abgrenzt. Beides wird als unliebsame Subkultur behandelt. Damit w\u00e4ren wir bei einem unpr\u00e4zisen Sammelbegriff, der an die eingangs erw\u00e4hnte Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung erinnert. Denn es existieren verschiedene Ph\u00e4nomene, die als Subkultur bezeichnet werden. Was die Subkulturen in der Bundesrepublik verbindet, ist, dass sie unter vergleichbaren Bedingungen existieren, mit denselben Gesetzen und derselben Gesellschaft konfrontiert sind und ihre Protagonisten im wesentlichen auch derselben Generation angeh\u00f6ren. Von daher ergeben sich Ber\u00fchrungspunkte und \u00dcberg\u00e4nge, \u00e4hnliche \u00e4u\u00dfere Formen und bisweilen auch Parolen.<br \/>\nZuweilen kommt es zur Vermischung oder \u00dcbernahme von Symbolen, Liedern, Aktionsformen usw. Dies ging in der Zeit vor 1933 viel weiter als heute, was aber weitgehend unbekannt ist. Nehmen wir noch einmal den 1. Mai. Die Nazis sahen sich als \u00bbsozialistische Arbeiterpartei\u00ab, kontr\u00e4r zum Marxismus. Sie interpretierten den 1. Mai f\u00fcr sich und besetzen ihn. Vom Anspruch her wird damit allerdings alles auf den Kopf gestellt. Denn f\u00fcr die Nazis gilt die \u00bbBetriebsgemeinschaft\u00ab, als Volksgemeinschaft im kleinen, als Ausgangspunkt. NS-Ideologen gehen von einen \u00bbVolksk\u00f6rper\u00ab aus in dem jede und jeder seine bzw. ihre Aufgabe zu erf\u00fcllen hat. So werden mit biologischen und rassistischen Ansichten gesellschaftliche Machtverh\u00e4ltnisse erkl\u00e4rt und ein System definiert, in dem die Menschen nicht um ihre Rechte k\u00e4mpfen und sich emanzipieren k\u00f6nnen, sondern sich dem Gegebenen unterordnen m\u00fcssen. Das ist mit \u00bbdeutscher Sozialismus\u00ab gemeint.<br \/>\nDarauf berufen sich die Neonazis. Daran wollen sie mit ihren 1.-Mai-Demonstrationen ankn\u00fcpfen. Letztlich schwebt ihnen als Fernziel immer noch das \u00bbVierte Reich\u00ab vor. Das einigende ideologische Element der Rechten bleibt das V\u00f6lkische. Was sonst treibt Pegida an, steckt hinter den \u00bbIdentit\u00e4ren\u00ab und verbindet die AfD mit diesem Spektrum?<br \/>\nDeshalb sind die Neonazi-Aufm\u00e4rsche am 1. Mai nicht einfach nur Zusammenrottungen von nostalgischen Spinnern, sondern m\u00fcssen ernst genommen werden. In ihren subkulturellen Codes sind die Rechtsradikalen teilweise sogar sehr modern und verk\u00f6rpern mittlerweile ein ganz eigenes Rebellentum, das auf Jugendliche anziehend wirkt. Es gilt, sich dieser Entwicklung entgegenzustellen. Am 1. Mai ganz konkret \u2013 auf der Stra\u00dfe!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Junge Welt, Thema, Seiten 12 und 13, Freitag, 28. April 2017 1. Mai von rechts Die Besetzung des internationalen Kampftages der Arbeiterklasse durch die Faschisten und andere Rechte hat eine lange Tradition \u2013 ein \u00dcberblick Bernd Langer \u00bbArbeiterkampftag\u00ab, \u00bbKapitalismus zerschlagen\u00ab ist auf Transparenten zu lesen und dr\u00f6hnt es aus den Lautsprechern. 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