{"id":5067,"date":"2017-10-10T18:33:36","date_gmt":"2017-10-10T18:33:36","guid":{"rendered":"http:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/?p=5067"},"modified":"2020-10-30T07:54:23","modified_gmt":"2020-10-30T07:54:23","slug":"dran-dran-solange-ihr-tag-habt-thomas-muentzer-ein-knecht-gottes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/dran-dran-solange-ihr-tag-habt-thomas-muentzer-ein-knecht-gottes\/","title":{"rendered":"\u201eDran, dran, solange ihr Tag habt!\u201c Thomas M\u00fcntzer, ein Knecht Gottes"},"content":{"rendered":"<p>Gebannt, ihre Waffen umklammernd, blickten sie gen Himmel, eine kreisrunde Lichterscheinung umstrahlte in den Farben des Regenbogens die Sonne! Diese mystische Offenbarung konnte nur ein Zeichen Gottes sein, der ihnen den Sieg verhie\u00df. Sie w\u00fcrden siegen obwohl ihre Wagenburg mitsamt der Stadt Frankenhausen seit dem Vormittag des 15. Mai 1525 von einer gro\u00dfen, \u00fcberm\u00e4chtigen Streitmacht eingeschlossen war. Eine Allianz aus sieben F\u00fcrsten hielt mit mehreren tausend kriegserprobten Landknechten und Berittenen sowie einer gro\u00dfen Anzahl von Gesch\u00fctzen die H\u00f6hen ringsum besetzt.<!--more--><\/p>\n<p>Dagegen konnten die Aufst\u00e4ndischen nicht einmal 20, zumeist leichte Karrenb\u00fcchsen einsetzen. Doch es fehlte an Pulver. Ein Schweizer Agent, der durchs Land reiste und mit allen Parteien Gesch\u00e4fte machte, hatte versprochen, f\u00fcr 900 Gulden Nachschub zu besorgen \u2013 um mit dem Geld auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Zudem hatte die anr\u00fcckende Streitmacht der F\u00fcrsten einige Aufst\u00e4ndische schwankend gemacht. Doch da war Thomas M\u00fcntzer am 11. Mai eingetroffen! Einst Gefolgsmann, nun Gegner Luthers, radikal und bedingungslos in seinem Streben, den Gottesstaat auf Erden zu schaffen. \u201e &#8230; Es steht geschrieben, da\u00df die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk, &#8230;\u201c interpretierte er revolution\u00e4r die Bibel. M\u00fcntzer predigte als Erster auf Deutsch und seiner Gemeinde zugewandt, lehnte Titel ab, bezeichnete sich schlicht als \u201eein Knecht Gottes\u201c. Er handelte im Bewu\u00dftsein \u00fcberirdischer Sendung, gl\u00e4ubig, Wunder erwartend. Genauso wie die Schar von 300 Bewaffneten aus M\u00fchlhausen, die den Propheten begleitet hatten. M\u00fcntzer brachte acht Karrenb\u00fcchsen und die Regenbogenfahne mit, Symbol des B\u00fcndnisses zwischen Gott und den Menschen. Er war das Kraftzentrum, wortgewaltig und auch ohne klar definiertes Amt die unbestrittene Autorit\u00e4t des Aufstands. Bedenken, Skrupel oder Kompromisse kannte M\u00fcntzer bei der Erf\u00fcllung seiner Mission nicht. Gleich nach seiner Ankunft lie\u00df er ein Exempel statuieren und vier Gefangene, Gefolgsleute des Grafen von Mansfeld, \u00f6ffentlich hinrichten.<\/p>\n<p>Zum milit\u00e4rischen F\u00fchrer des Frankenh\u00e4user Haufens war der ortsans\u00e4ssige Bonaventura K\u00fcrschner gew\u00e4hlt worden. K\u00fcrschner lie\u00df auf dem Hausberg, vor den Toren der Stadt, eine Wagenburg auffahren und s\u00e4mtliche Gesch\u00fctze dorthin schaffen. Vielleicht hoffte man, so Kampfhandlungen von der Stadt fernhalten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor dem Angriff des F\u00fcrstenheeres kam es zu einer letzten Kontaktaufnahme. Ein Waffenstillstand auf drei Stunden wurde ausgehandelt und die Aufst\u00e4ndischen diskutierten im Kreis stehend in der Wagenburg. Die F\u00fcrsten verlangten die Auslieferung M\u00fcntzers und anderer Anf\u00fchrer und die v\u00f6llige Unterwerfung. In einem langen, z\u00e4hen Ringen konnte M\u00fcntzer seine kompromisslose Haltung durchsetzen. Zwei M\u00e4nner, die f\u00fcr seine Auslieferung gestimmt hatten, wurden sogleich hingerichtet. Da erschien ein Lichtbogen um die Sonne. M\u00fcntzer begann zu predigen \u201eLa\u00dft euch nicht erschrecken das schwache Fleisch und greift die Feinde k\u00fchnlich an. Ihr d\u00fcrft das Gesch\u00fctz nicht f\u00fcrchten, denn ihr sollt sehen, da\u00df ich alle Kugeln in den \u00c4rmel fassen will, die sie gegen uns schie\u00dfen. Ja, ihr seht, da\u00df Gott auf unserer Seite ist, denn er gibt uns jetzt ein Zeichen, seht ihr nicht den Regenbogen am Himmel? &#8230; .\u201c Alle K\u00e4mpfer kamen zusammen, sanken auf die Knie, falteten die H\u00e4nde und begannen zu singen \u2013 im Vertrauen auf den Waffenstillstand mit den F\u00fcrsten.<\/p>\n<p>Deren Hauptleute waren nicht unt\u00e4tig geblieben und hatten, w\u00e4hrend sich die Verhandlung im Ring hinzog, ihre Einheiten dicht an die Wagenburg herangef\u00fchrt. Die Situation war g\u00fcnstig, denn die Diskussion war den Aufst\u00e4ndischen so wichtig, dass sie selbst die Beobachtungsposten abgezogen hatten. In aller Ruhe konnten die B\u00fcchsenmeister ihre Gesch\u00fctze auf die inbr\u00fcnstig Singenden und Betenden einrichten. Die erfahrenen Krieger verstanden ihr Handwerk. Gleichzeitig z\u00fcndeten sie die Lunten und mit einem Schlag schmetterten die Kanonenkugeln in die Menge. Arme, Beine, K\u00f6pfe wirbelten durch die Luft, w\u00e4hrend dicht gestaffelt Landknechte losst\u00fcrmten und der Boden unter den Hufen der anreitenden Pferde zitterte. Donnernde Hufe, Kriegsgeschrei \u2013 urpl\u00f6tzlich brandeten die S\u00f6ldner der F\u00fcrsten gegen die Wagenburg. \u00dcberrumpelung \u2013 die Aufst\u00e4ndischen unter Schock, zerhauene Leichen, schreiende Verwundete, Rufe \u201eSie kommen\u201c. Panik brach aus, alle wurden mitgerissen, warfen ihre Waffen weg und rannten kopflos den Hang hinab in Richtung Stadt. Ohne Gnade schlachteten die Kriegsknechte sie ab. Nur von der Schar der 300, die mit M\u00fcntzer gekommen waren, konnten sich einige zur Wehr setzten. Durch ihre Waffen fielen sechs Reiter aus dem F\u00fcrstenheer. Dagegen wurden 5000 Aufst\u00e4ndische erschlagen, in Frankenhausen ging das Morden weiter. 600 Bauern wurden gefangen, von denen am folgenden Tag 300 enthauptet wurden. M\u00fcntzer geriet in die H\u00e4nde der f\u00fcrstlichen H\u00e4scher, wurde tagelang in der Wasserburg Heldrungen gefoltert. Endlich kam am 27. Mai 1525 das Ende. Mit seinem Mitstreiter Heinrich Pfeifer wurde M\u00fcntzer bei M\u00fchlhausen enthauptet und ihre K\u00f6pfe wurden auf Spie\u00dfen vor der Stadt ausgestellt.<\/p>\n<p>Mit dem Gemetzel von Frankenhausen war der Aufstand in Mitteldeutschland entschieden, unmittelbar zuvor, am 12. Mai, unterlag bei B\u00f6blingen der W\u00fcrttembergische Haufen. Das gleiche Schicksal erlitt am 17. Mai im Westen des Reiches, bei Zabern, der Els\u00e4ssische Haufen. Nachfolgende K\u00e4mpfe bildeten lediglich blutige Schlussakkorde.<\/p>\n<p>Luther stellte sich mit seinem Pamphlet \u201eWider die r\u00e4uberischen und m\u00f6rderischen Rotten der Bauern\u201c auf die Seite der F\u00fcrsten und bem\u00fchte sich insbesondere, das Andenken an M\u00fcntzer aus der Geschichte zu tilgen. Als Ketzer verteufelt blieb er jahrhundertelang weitgehend unbekannt. Erst durch die marxistische Interpretation erlangte er wieder Aktualit\u00e4t. Friedrich Engels nahm 1850 in seinem Werk \u201eDer deutsche Bauernkrieg\u201c Bezug auf M\u00fcntzer. Popul\u00e4r wurde der Prophet aber vor allem durch das von Ernst Bloch 1921 erschienenen Buch \u201eThomas M\u00fcnzer als Theologe der Revolution\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend M\u00fcntzer f\u00fcr die DDR zu einer nationalen Identifikationsfigur wurde, l\u00e4sst man ihn und den Bauernkrieg heute weitgehend links liegen. Ein historischer Diskurs \u00fcber die radikalen Str\u00f6mungen, die den gesellschaftlichen Umbruch im 16. Jahrhundert markierten, wird nicht gef\u00fchrt. Zu unliebsam w\u00e4re die Rolle, die Luther dabei zukommt. Der Reformator gr\u00fcndete seine Kirche im Einvernehmen mit den F\u00fcrsten, war Antisemit, wollte Hexen brennen sehen und war Vorbild auch bei den Nazis.<\/p>\n<p><em>Der Text erschien in gek\u00fcrzter Fassung mit der \u00dcberschrift \u201eSie w\u00fcrden siegen!\u201c am 16. Mai 2017 in der Jungen Welt.<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-5078\" src=\"http:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Muentzer_sw.jpg\" alt=\"\" height=\"2505\" width=\"1771\" srcset=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Muentzer_sw.jpg 1771w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Muentzer_sw-212x300.jpg 212w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Muentzer_sw-768x1086.jpg 768w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Muentzer_sw-1414x2000.jpg 1414w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Muentzer_sw-1060x1500.jpg 1060w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Muentzer_sw-498x705.jpg 498w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Muentzer_sw-450x637.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 1771px) 100vw, 1771px\" \/><\/p>\n<p>Es existiert keine zeitgen\u00f6ssische Abbildung von Thomas M\u00fcntzer. Ein erstes Portrait aus dem Jahr 1608 diffamiert M\u00fcntzer als h\u00e4sslichen Ketzer mit von Gicht gezeichneten H\u00e4nden. Bis heute bestimmt diese Verunglimpfung das Bild des Revolution\u00e4rs. Dem will diese Abbildung entgegenwirken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gebannt, ihre Waffen umklammernd, blickten sie gen Himmel, eine kreisrunde Lichterscheinung umstrahlte in den Farben des Regenbogens die Sonne! Diese mystische Offenbarung konnte nur ein Zeichen Gottes sein, der ihnen den Sieg verhie\u00df. Sie w\u00fcrden siegen obwohl ihre Wagenburg mitsamt der Stadt Frankenhausen seit dem Vormittag des 15. Mai 1525 von einer gro\u00dfen, \u00fcberm\u00e4chtigen Streitmacht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4850,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16,14],"tags":[],"class_list":["post-5067","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuell","category-hauptartikel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5067","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5067"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5067\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6263,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5067\/revisions\/6263"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4850"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5067"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5067"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5067"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}