{"id":5145,"date":"2017-11-15T17:42:15","date_gmt":"2017-11-15T17:42:15","guid":{"rendered":"http:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/?p=5145"},"modified":"2017-11-15T17:58:40","modified_gmt":"2017-11-15T17:58:40","slug":"die-todesschuesse-startbahn-west-1987","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/die-todesschuesse-startbahn-west-1987\/","title":{"rendered":"Die Todessch\u00fcsse \u2013 Startbahn West 1987"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernd Langer und Horst Sch\u00f6ppner<\/em><\/p>\n<p>Der 6. Jahrestag der H\u00fcttendorfr\u00e4umung war gut vorbereitet. Die militanten Gruppen aus dem Rhein-Main-Gebiet hatten sich abgesprochen. Alles lief wie geplant. Dann fielen im Wald 14 Sch\u00fcsse. Zwei Polizisten waren tot. Danach war alles anders.<\/p>\n<p><!--more-->Bis zur\u00fcck in die 1960er Jahre reichte die Anf\u00e4nge der Anti-Startbahnbewegung, die mit der Errichtung des H\u00fcttendorfes auf dem geplanten Baugel\u00e4nde im Jahre 1980, weithin bekannt wurde. Viele Menschen str\u00f6mten in den Wald, besuchten das Dorf. Passend entstand ein Comic \u203aAstrix gegen Startbahn 18 West\u2039. So kam es nach der polizeistaatliche R\u00e4umung des Gel\u00e4ndes am 2.11.1981 in vielen St\u00e4dten zu Solidarit\u00e4tsdemos, die teilweise mit brutalen Polizeieins\u00e4tzen konfrontiert waren. Was aber die breite Bewegung, die in Gang gekommen war, eher anfeuerte. Im November 1981 \u00fcberreichte in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden eine Demonstration von mehr als 120.000 Startbahngegner_innen 220.000 Unterschriften f\u00fcr ein Volksbegehren an den Landeswahlleiter, einen Tag sp\u00e4ter wurde die Autobahn rund um den Flughafen blockiert. Alle Nachrichtensender berichteten \u00fcber das Geschehen. In den n\u00e4chsten Monaten gab es mehrere Versuche, das Baugel\u00e4nde erneut zu besetzen, an denen sich Zehntausende Menschen beteiligten, woraufhin das Gel\u00e4nde mit einer Betonmauer umgeben wurde.<\/p>\n<p>\u203aJeden Sonntag Startbahn West\u2039 hie\u00df es fortan. Das w\u00f6chentliche Ritual entwickelte sich \u00fcber die Jahre zu einer Mischung aus Happening, Trainingsareal und Szenetreffpunkt. Der Ablauf war stets \u00e4hnlich, eine \u203aK\u00fcchenbrigade\u2039 versorgte alle mit Kaffee und Kuchen, ver\u00e4rgerte B\u00fcrger_innen beschimpften die Polizei, w\u00e4hrend Militante Polizeifahrzeuge und Lampenmasten in Brand setzten oder Teile der Betonmauer zerst\u00f6rten. Die Akzeptanz der Militanz auf niedrigem Level verlief durch alle Kreise der Startbahnbewegung. Besonders beliebt war das \u203aStrebenknacken\u2039, bei dem mit vereinten Kr\u00e4ften sie Betonstreben der Startbahnmauer zerbrochen wurden.<\/p>\n<p>Um die Bereitschaftspolizei auf Abstand zu halten, beschossen Startbahngegner die Staatsdiener mit Stahlkugeln, Signalmunition und Feuerwerksraketen. Wasserwerfer antworteten indem sie hochkonzentrierte CS-Gas auf alle vor der Mauer spritzen und die Polizei machte Ausf\u00e4lle, verpr\u00fcgelte friedliche Anwohner_innen, w\u00e4hrend die Militanten in den Wald fl\u00fcchteten, in den sich die Beamten selten vorwagte.<\/p>\n<p>Zur Unterst\u00fctzung der hessischen Polizei kamen Hundertschaften aus dem gesamten Bundesgebiet in den Startbahnwald und trainierten Menschen einzukreisen, Verhaftungen vorzunehmen und Tr\u00e4nengas einzusetzen. Neue Taktiken, wie BeSi (Beweissicherungs)-Einheiten wurden eingef\u00fchrt und Repressionsmittel \u2013 legale und illegale \u2013 getestet. Ein nicht zugelassener Polizeikn\u00fcppel aus den USA kam zum Einsatz, genauso wie Pepperfog (ein CN-Vernebler) um Menschmengen auseinanderzutreiben, mit Gewehren abgeschossene Wurfk\u00f6rper (Petarden), die 120 Meter weit flogen, schlugen unvermittelt ein oder CN-Geschosse, die daf\u00fcr erdacht waren, Fenster und T\u00fcren zu durchschlagen, um im dahinter gelegenen Raum den Kampfstoff freizusetzen, wurden gezielt eingesetzt. Das f\u00fchrte zu einigen Schwerverletzten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-5150\" src=\"http:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Startbahn_West_Beitrag.jpg\" alt=\"\" width=\"845\" height=\"321\" srcset=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Startbahn_West_Beitrag.jpg 845w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Startbahn_West_Beitrag-300x114.jpg 300w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Startbahn_West_Beitrag-768x292.jpg 768w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Startbahn_West_Beitrag-705x268.jpg 705w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Startbahn_West_Beitrag-450x171.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 845px) 100vw, 845px\" \/><\/p>\n<h3>Die Bewegung<\/h3>\n<p>Mit der Einweihung der Betonpiste am 12.4.1984 endete die Zeit der Gro\u00dfdemonstrationen und die Bewegung schrumpfte erheblich. Dennoch fanden sich weiterhin Woche f\u00fcr Woche zwischen 50 und 500 Autonome, Umweltsch\u00fctzer_innen, politisierte Jugendliche, radikale Linke und betroffene B\u00fcrger_innen aus der Umgebung am Gel\u00e4nde ein. Wobei sich die Frage nach der grunds\u00e4tzlichen politischen Sinnhaftigkeit nicht stellte. Es ging nicht um Realpolitik, sondern um gelebten Widerstand.<\/p>\n<p>Deshalb war \u203adie Startbahn\u2039 in der Autonomen Szene bundesweit ein Begriff. Oft kamen Autonome aus anderen St\u00e4dten zu Besuch. Wie auf Seiten der Polizei, wurden auch hier neue Techniken ausprobiert. So entstanden mehr als f\u00fcnf verschiedene Typen von Kr\u00e4henf\u00fc\u00dfen, die je nach Untergrund (Sand, Asphalt, Schotter etc.) zum Einsatz kamen. Molotowcocktails hatten sich im Wald als unsichere Waffe herausgestellt, da die Glasflaschen oft auf dem weichen Erdboden nicht zersprangen \u2013 ergo nicht z\u00fcndeten. Hier erwies sich das \u203aHohe C\u2039 als besonders zerbrechliche Flasche. Au\u00dferdem wurde der gef\u00fcrchtete \u203aSelbstz\u00fcndermolli\u2039 ausprobiert und eine ausgekl\u00fcgelte Testreihe bewies, dass auf den gro\u00dfen Scheiben der Wasserwerfer eine Mischung aus Farbe, Sand und Teer dann besonders gut klebte, wenn sie in Christbaumkugeln abgef\u00fcllt und diese mit Wachs verschlossen wurden. Insgesamt waren der Phantasie keine Grenzen gesetzt \u2013 Hauptsache es schadete und \u00e4rgerte die Polizei.<\/p>\n<p>In gleichem Ma\u00dfe entwickelten sich die Aktionsfelder der Startbahnbewegung weiter. So beteiligten sich viele Aktivist_innen 1984 an \u203aSt\u00f6rman\u00f6vern\u2039 der Friedensbewegung. Dabei wurde eine NATO-Truppen\u00fcbung um Fulda durch \u203azivilen Ungehorsam\u2039 behindert, indem Stra\u00dfen verbarrikadiert, Schilder umgedreht oder \u203amilit\u00e4rische Verteidigungsposten\u2039 besetzt wurden. Die regelm\u00e4\u00dfigen Sonntagsspazierg\u00e4nge hatten zusammengeschwei\u00dft und zeigten Wirkung. F\u00fcr die dortige Polizei war ein eingespielter Haufen wie die Startbahnleute etwas v\u00f6llig Neues. Von k\u00fcnstlich erzeugten Staus wurden ganze Polizeikolonnen zum Halten gezwungen. Aus einem Wald heraus st\u00fcrmten Startbahngegner_innen vor, schlitzten dem letzten Polizeiwagen die Reifen auf, um unerkannt wieder im Schutz des Waldes zu verschwinden.<\/p>\n<p>Als dann G\u00fcnter Sare am 28.9.1985 w\u00e4hrend einer Anti-NPD-Demo in Frankfurt von einem Wasserwerfer get\u00f6tet wurde, versetzte die Startbahnbewegung die Mainmetropole eine Woche mit t\u00e4glichen Demonstrationen und militanten Aktionen in den Ausnahmezustand.<\/p>\n<p>Ebenso engagierten sich Startbahn-Aktive gegen die Atomenergie. Einiges Aufsehen erregte eine Demonstration gegen die Atomfabriken Nukem und Alkem in Hanau 1986. Bei dieser Gelegenheit wurde einem Zivilpolizisten die Dienstwaffe entwendet, was fatale Folgen haben sollte.<\/p>\n<h3>Drei Kreise<\/h3>\n<p>Um die H\u00fcttendorfr\u00e4umung nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, kam es allj\u00e4hrlich zu einem n\u00e4chtlichen Fackelzug in den Wald mit anschlie\u00dfenden Scharm\u00fctzeln. Im Jahre 1987 fiel der Gedenktag mit dem 300. Sonntagsspaziergang zusammen. Ein Grund mehr, den Tag besonders fulminant zu begehen. Insgesamt machten sich rund 400 Startbahngegner_innen auf den Weg. Aus Sicherheitsgr\u00fcnden wurden von den militanten Kleingruppen geheime Wege durch den Wald gew\u00e4hlt, w\u00e4hrend sich das Gros am Sportheim in Walldorf traf und gemeinsam gegen 19 Uhr losging.<\/p>\n<p>Jede militante Kleingruppe hatte eine definierte Aufgabe \u00fcbernommen, meist die Sperrung eines Weges zur Absicherung der Abmarschroute. Die verdeckten Strukturen hatten die Aufgaben genau verteilt. Man kannte und vertraute einander.<\/p>\n<p>Die Startbahnbewegung setzte sich grob aus drei sich \u00fcberschneidende Kreise zusammen. Den \u00e4u\u00dferen, gr\u00f6\u00dften Kreis bildete die breite Bewegung der Startbahngegner_innen jeden Alters, die Sonntag f\u00fcr Sonntag ihren Protest ausdr\u00fcckten. Aber es gab auch einen harten Kern von sehr verl\u00e4sslichen Leuten, die sich gut kannten und konspirativ agierten. Haupts\u00e4chlich von ihm gingen n\u00e4chtliche Aktionen aus, bei denen bspw. Gasballons in der Einflugschneise aufstiegen, um den Flugverkehr zu st\u00f6ren. Aber es wurden auch Beobachtungst\u00fcrme der Polizei angegriffen und abgebrannt, oder installierte Lichtmasten zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Viele der gr\u00f6\u00dferen Aktionen wurden vom harten Kern vorbereitet, aber von viel mehr Leuten getragen. An manchen n\u00e4chtlichen Aktionen waren Dutzende Aktivist_innen beteiligt, Menschen der militanten Praxis, die den zweiten Kreis bildeten. Zu ihm geh\u00f6rten viele Jugendliche aus der Region M\u00f6rfelden. Meist waren sie durch \u00fcble Erfahrungen mit der Polizei gepr\u00e4gt, die sie als friedliche Protestierer bereits zusammen mit ihren Eltern gemacht hatten. Diese Jugendlichen radikalisierten sich \u00fcber die Jahre, ohne unbedingt auch in die politische Szene eingebunden zu sein.<\/p>\n<p>Die mitunter fehlende politische Auseinandersetzung sollte sich sp\u00e4ter verheerend auswirken. Denn bei militanten Aktionen war nicht auszuschlie\u00dfen, dass Polizisten ernsthaft zu Schaden kamen oder eine Verhaftung in einer langen Haftstrafe endete. Auf so ein m\u00f6gliches Ereignis zeigten sich vor allem Personen aus dem zweiten Kreis nicht gen\u00fcgend vorbereitet.<\/p>\n<p>Der sp\u00e4ter als Todessch\u00fctze verurteilte Andreas Eichler geh\u00f6rte zu einer der Kleingruppen, die eigene Aktivit\u00e4ten entfalteten, ohne aber in den harten und organisierten Kern der Startbahnbewegung fest eingebunden zu sein. Andreas Eichler war \u00fcber die Absprachen zum 2.11.1987 informiert. Die Leute um ihn nahmen an diesem Abend keine besonderen Aufgaben als Gruppe wahr, sondern verteilten sich auf ihre jeweiligen Bezugsgruppen.<\/p>\n<h3>Die Nacht<\/h3>\n<p>Abgesprochen war der R\u00fcckzugsweg \u00fcber den Gundbach. Dazu war eine mobile Holzbr\u00fccke von einer Frauengruppe vorbereitet worden, um die schnelle Flucht \u00fcber den Wasserlauf zu erm\u00f6glichen. Feuer sollte sp\u00e4ter die Polizei daran hindern, die Br\u00fccke ebenfalls zu nutzen. Zum Schutz der Aktivist_innen wurden ausgew\u00e4hlte Waldwege mit NATO-Draht-verst\u00e4rkten Barrikaden versperrt, die zudem mit Benzinkanistern versehen waren, um sie leichter entz\u00fcnden zu k\u00f6nnen. In den Barrikaden lagen au\u00dferdem Gaskartuschen, eingeschmiert mit dem leicht entz\u00fcndlichen Universalkleber Pattex, die w\u00e4hrend des Brandes der Barrikaden zu geh\u00f6rigen Explosionen f\u00fchren w\u00fcrden, um die Polizei einzusch\u00fcchtern. Nat\u00fcrlich sollten die brennenden Barrikaden mit allen vorhandenen Mitteln verteidigt werden: Molotowcocktails, Zwillen, Feuerwerksraketen, Signalmunition und Steinen.<\/p>\n<p>Die Polizei wiederum wartete mit Hochdruckwasserwerfern, Hundertschaften, Tr\u00e4nengas und fahrbaren Lichtmasten auf. Meist sah ihr Konzept ein Zur\u00fcckdr\u00e4ngen der Demonstranten bis zu einem bestimmten Punkt vor. Am 2.11.1987 sollten die Beamten die \u203aSt\u00f6rer\u2039 bis zur M\u00f6nchbruchwiese verfolgen, aber diese aufgrund von Nebel und sumpfigem Untergrund, nicht betreten.<\/p>\n<p>An diesem Abend begannen die Auseinandersetzungen an der Startbahn gegen 20 Uhr. Die Polizei r\u00fcckte nach einer Weile langsam vor. W\u00e4hrend neben ihr die Gaskartuschen explodierten und den Polizisten alles um die Ohren flog, tauchten die Flutlichtanlagen das Scharm\u00fctzel in surreales Licht. Lautsprecherdurchsagen, lautes Geschrei und ohrenbet\u00e4ubende Detonationen dominierten das n\u00e4chtliche Geschehen. Nebel, Tr\u00e4nengasschwaden, Qualmwolken verwandelten das Kampfterrain optisch in eine mittelalterliche Schlacht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Startbahngegner_innen planm\u00e4\u00dfig \u00fcber die Wiese abzogen, verfolgte sie eine Hundertschaft. Wegen einer L\u00fccke in der Befehlskette war diese Einheit \u00fcber die Haltelinie M\u00f6nchbruchwiese nicht informiert worden und rannte den Militanten bis zum Gundbach hinterher. Dort wurden sie mit Signalmunition und Stahlkugeln empfangen, w\u00e4hrend die letzten Aktivist_innen die sichere Br\u00fccke \u00fcberquerten.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckzug ahnte niemand, dass gegen die Polizei eine Schusswaffe eingesetzt worden war. Im Gegenteil, es herrschte Zufriedenheit \u00fcber den gut verlaufenen Abend. Die Informationen \u00fcber das, was tats\u00e4chlich geschehen war, sickerten erst allm\u00e4hlich durch. Smartphones und Internet gab es noch nicht. Wirklich ernst genommen wurde die Meldung von zwei erschossenen Polizisten zun\u00e4chst von kaum jemandem. Zu absurd war der Gedanke, dass jemand aus der Startbahnbewegung bewusst auf eine heranr\u00fcckende Hundertschaft geschossen haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<h3>Kritik und Verrat<\/h3>\n<p>In den Jahren an der Startbahn West wurde die praktizierte Militanz immer wieder diskutiert und widerspr\u00fcchlich gesehen. Zwar klatschten fast alle Startbahngegner_innen, wenn ein Beobachtungsposten der Polizei hinter der Betonmauer in Flammen aufging, aber wenn ein Molotowcocktail einmal nicht sein Ziel, sondern z.B. einen voll besetzten Mannschaftswagen der Polizei traf, kam es zu harten emotionalen Debatten. Dabei teilte sich die Bewegung meist in zwei Lager. Die einen meinten, Fehler d\u00fcrften keinesfalls passieren. Sie wurden oft sp\u00f6ttisch \u203aWei\u00dfe-Westen-Autonome\u2039 genannt, da ihre Praxis eher \u00fcberschaubar bis unsichtbar blieb. Zur anderen Seite z\u00e4hlten die emsigen Praktiker, die durchaus die eigenen Fehler kritisierten, aber mitunter doch etwas zu lax mit der Genauigkeit von militanten Aktionen umgingen, oder punktuell gar in rein milit\u00e4risches Denken verfielen.<\/p>\n<p>Es passierten auch schlimme Fehler oder Unf\u00e4lle, wie 1986, als im Rhein-Main-Gebiet ein Strommast umges\u00e4gt wurde. Dieser kippte in die falsche Richtung und die Hochspannungskabel verletzten eine Startbahngegnerin schwer.<\/p>\n<p>Der harte Kern der Startbahngegner_innen wusste, auf was er sich eingelassen hatte. Viele Militante waren dar\u00fcber hinaus in den organisierten Strukturen der Antifa aktiv. Dort wurden die m\u00f6glichen Folgen der Militanz ausf\u00fchrlich diskutiert, denn bei jeder Schl\u00e4gerei konnte ein Nazi oder Antifa liegen bleiben. Bereits der Neonazi-Anschlag auf das Oktoberfest 1980 in M\u00fcnchen mit 13 Toten und 213 Verletzten hatte gezeigt, mit welchem Gewaltpotential man es zu tun hatte. Es gab immer wieder Schl\u00e4gereien, bei denen Nazis Messer und Totschl\u00e4ger einsetzten. Stra\u00dfenkampf gegen Nazis war und ist kein Spiel! Das traf auch auf den Widerstand gegen die Startbahn zu.<\/p>\n<p>Allerdings setzte die Repression nach den Sch\u00fcssen neue Ma\u00dfst\u00e4be und traf die gesamte Anti-Startbahn-Szene. Noch in der Nacht wurden knapp 50 Wohnungen und H\u00e4user im Rhein-Main-Gebiet durchsucht und rund 40 Personen verhaftet. Als Grund nannten die Polizisten immer wieder Mord. Diese ungeheuerliche Anschuldigung f\u00fchrte zu Angst, Panik und schlie\u00dflich zu Zeugenaussagen, die eine weitere Ermittlungswelle nach sich zog. Auf einmal lagen nicht mehr nur der T\u00f6tungsvorwurf auf dem Tisch, sondern auch noch eine Vielzahl von Anschl\u00e4gen aus den letzten Jahren: umges\u00e4gte Strommasten, Brandanschl\u00e4ge auf Baufahrzeuge und Banken etc.<\/p>\n<p>Befeuert wurde das aussagefreudige Verhalten durch ein Flugblatt aus Wiesbaden, das sofort nach den Sch\u00fcssen erschien. Hierin distanzierten sich \u203aAutonome und Startbahngegner\/innen\u2039 rigoros: \u201ePolitik, die \u00fcber Leichen geht, und Umgang mit scharfen Schusswaffen hat mit unserem Widerstand nichts mehr zu tun.\u201c<\/p>\n<p>Die Startbahnszene reagierte nicht besonnen und verantwortungsvoll, sondern hilflos und unvorbereitet. Hatte der harte Kern immer die Option von Verhaftung und Repression ins Auge gefasst, kam f\u00fcr die \u203aWei\u00dfe-Weste-Autonomen\u2039 der Schlag scheinbar v\u00f6llig \u00fcberraschend. Die Aktivist_innen des harten Kerns griffen auf die vorher aufgebauten Strukturen zur\u00fcck und entzogen sich der Verhaftung, stellten sich freiwillig oder hinterlie\u00dfen zumindest saubere Wohnungen und hielten den Mund. Ein militanter Startbahngegner und Antifaschist verschwand sogar f\u00fcr dreieinhalb Jahre von der Bildfl\u00e4che. Er hatte zwar die ihm vorgeworfene Tat (Raub der Tatwaffe) nicht begangen, war aber auch nicht bereit, andere zu beschuldigen, da er wusste, wer die Sig-Saur von einem Zivilpolizisten gestohlen hatte. Ein weiterer Antifa, Andreas Semisch, ging jahrelang in den Knast und machte ebenfalls keine Aussagen. Ganz anders der zweite Kreis. Er \u00fcberschlug sich mit Aussagen, darunter auch Andreas Eichler.<\/p>\n<p>In diesem verr\u00e4terischen Klima gelang es der Bundesanwaltschaft, acht Personen herauszufiltern und ihnen 16 Straftaten anzuh\u00e4ngen.<\/p>\n<h3>Misstrauen untereinander<\/h3>\n<p>Im Chaos der Repression l\u00f6sten sich Treffen und Vollversammlungen im Wechsel ab. Teilweise wurde dazu mit abstrusen Plakaten aufgerufen. So zierte eines eine Motorradmaske, die damals standardm\u00e4\u00dfig zur Vermummung geh\u00f6rte, auf der \u203aBorn to kill\u2039 stand.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Sch\u00fcsse von der radikalen Linken bundesweit zwar meist verurteilt wurden, kam es selten zu Distanzierungen wie in Wiesbaden. Im Gegenteil gab es auch Bekundungen klammheimlicher Freude. In G\u00f6ttingen erschien das Flugblatt \u203aDen Herrschenden nicht einen Millimeter \u2013 sondern 9mm\u2039, an den besetzten H\u00e4usern in der Hamburger Hafenstra\u00dfe stand in gro\u00dfen Lettern: \u203aStartbahn West: 2:0!\u2039.<\/p>\n<p>Doch insgesamt war die autonome Szene nicht in der Lage, die Sch\u00fcsse als das zu bewerten, was sie waren: Ein gro\u00dfer Fehler und eine politische Dummheit. Zu der man aber trotzdem ein solidarisch-kritisch Verhalten h\u00e4tte entwickeln m\u00fcssen. Militanz beinhaltet immer ein Risiko. Jeder Zwillenschuss kann ins Auge gehen \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes \u2013 und damit t\u00f6dlich sein! Im Angesicht von harter Repression und zu ziehenden Konsequenzen kam es aber nicht zu einer Auseinandersetzung \u00fcber Grenzen und Zielgerichtetheit von Militanz, sondern zur Spaltung. Die Wiesbadener Flugblattschreiber_innen wurden von der b\u00fcrgerlichen Presse gelobt: \u201eStartbahngegner distanzieren sich!\u201c Dem Gegen\u00fcber versuchten andere ihren Genoss_innen beizustehen, selbst wenn diese schwerwiegende Fehler gemacht hatten. Immerhin hatte ein Genosse die Tat begangen, mit dem man jahrelang in einer Reihe gestanden hatte! Wer aber Menschen so an den Rand dr\u00e4ngt, l\u00e4sst ihnen oft nur einen Ausweg: Verrat.<\/p>\n<p>Wer sich mit politischen Massenph\u00e4nomenen besch\u00e4ftigt hat, wei\u00df, dass Fehler immer passieren k\u00f6nnen. Es ist unm\u00f6glich auszuschlie\u00dfen, dass einzelne Menschen durchdrehen und Dinge tun, die verr\u00fcckt sind. Es gibt nur einen Weg, mit diesem Umstand umzugehen: sich darauf vorzubereiten. Konkret h\u00e4tte das gehei\u00dfen, ein Bewusstsein dar\u00fcber zu schaffen, NIEMALS Aussagen bei der Polizei zu machen. Dazu ist politische Bildung n\u00f6tig. Wer aber die militante Auseinandersetzung nicht ernst nimmt, also die eigenen Aktionen nicht als Angriff begreift, der h\u00e4lt es auch nicht f\u00fcr m\u00f6glich, dass der Staat ernst macht und Aktivist_innen f\u00fcr Jahre in den Knast steckt. Genauso naiv war die Bewertung gegen\u00fcber der eingesetzten Polizei. Wer dachte, dass Steinewerfen und Stahlkugelnschie\u00dfen ein Freizeitspa\u00df waren, sollte nicht in die H\u00e4nde der Ordnungsh\u00fcter fallen, denn die sahen das v\u00f6llig anders und zeigten das den Verhafteten auch deutlich.<\/p>\n<p>Die Repressionsorgane werden immer und \u00fcberall alle Register ziehen, um ihre Gegner unsch\u00e4dlich zu machen. Das ist ihre Aufgabe. Wer denkt, dass das in der BRD nicht so ist, der versteht nicht, dass sich die Herrschenden von niemandem ungestraft in die Suppe spucken lassen!<\/p>\n<p>Genau das aber war ein Fehler der Startbahnbewegung. Es gelang zwar, friedliche B\u00fcrger_innen mit radikalen Kreisen soweit zu verzahnen, dass eine allgemeine Akzeptanz f\u00fcr militante Aktionen entstand. Aber es gelang auf die Dauer zu wenig, den Aktivist_innen aus dem zweiten Kreis genug politisches Wissen und Bewusstsein zu vermitteln, dass sie im Ernstfall bei der Polizei den Mund hielten und einfach mal ein paar Tage abwarteten, auch in Haft. Das denunziatorische Flugblatt aus dem Umfeld anarchistischer Kreise aus Wiesbaden verst\u00e4rkte diese Unsicherheit. Letztlich hatte die Entsolidarisierung f\u00fcr viele Menschen Jahre Knast bedeutet.<\/p>\n<p>Im Rhein-Main-Gebiet gelang es schlie\u00dflich, einen groben Konsens zu schmieden. \u203aAnna und Arthur halten\u2019s Maul!\u2039 war ein dringender Appell und eine langfristige Kampagne. Ziel war es, neue belastende Aussagen zu verhindern. Au\u00dferdem sollte erreicht werden, dass bereits get\u00e4tigte Aussagen vor Gericht zur\u00fcckgezogen wurden.<\/p>\n<p>Der Vorwurf \u203aMord\u2039 schockierte die Verhafteten so sehr, dass sie allerhand Dinge erz\u00e4hlten, die auf den ersten Blick unwichtig erschienen. Aber jedes Wort half den Ermittlern, in akribischer Puzzlearbeit ein Bild entstehen zu lassen, das um Andreas Eichler eine Gruppe konstruierte, die die Beh\u00f6rden als terroristische Vereinigung einstufen wollten. Dabei half ihnen, dass diese Gruppe offenbar nicht konsequent konspirativ agierte, sondern f\u00fcr illegale Aktionen auch auf Menschen zur\u00fcckgriff, die nun Hinweise an die Polizei lieferten. Letztendlich zeigte sich w\u00e4hrend des Prozesses, wie unverantwortlich die Gruppe um Eichler miteinander umging und sich auch um die eigene Sicherheit ungen\u00fcgend Gedanken machte.<\/p>\n<p>Die Kampagne \u203aAnna und Arthur halten\u2019s Maul!\u2039 griff in der Folgezeit allm\u00e4hlich und die betroffenen Strukturen erholten sich etwas, blieben aber dennoch weitgehend gel\u00e4hmt. Zum einen sa\u00dfen wichtige Aktivist_innen im Knast oder waren auf der Flucht, zum anderen mussten sich Menschen um die Prozesse, die Gefangenen oder auch den Abgetauchten k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Doch die erfolgreich angelaufene Kampagne erzeugte einen neuen Riss in der Bewegung. Alle waren sich einig dar\u00fcber, dass man unter keinen Umst\u00e4nden vor Polizei oder Staatsanwaltschaft Aussagen machen darf. Doch wie sah es aus, wenn erlogene Fakten vor Gericht auf dem Tisch lagen, aber neue Aussagen Genoss_innen entlasten k\u00f6nnten, ohne dass das Konsequenzen f\u00fcr Dritte h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Konkret ging es um den als Sch\u00fctzen angeklagten Frank Hofmann, der von Andreas Eichler beschuldigt worden war, dem aber sonst keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden konnte. Einige Aktivist_innen konnten beweisen, dass Hofmann nicht geschossen haben konnte und waren bereit, ihn zu entlasten. Damit konnten sie ihn vor einer lebenslangen Haftstrafe bewahren. Die Tatsache aber, dass sie damit Aussagen vor Gericht machten, sahen viele Startbahngegner_innen als Tabubruch an, allen voran die moralisch argumentierenden \u203aWei\u00dfe-Westen-Autonomen\u2039, die von Repression weniger betroffen waren.<\/p>\n<p>Letztlich betraten die neuen Zeug_innen den schmalen Grat, verlie\u00dfen den Weg der reinen Lehre und machten Aussagen zugunsten von Frank Hofmann. Dabei belasteten sie niemanden und gaben auch keine Details preis, die nicht bereits in den Akten standen. So wurde letztlich Andreas Eichler als einziger Todessch\u00fctze identifiziert. Er wurde am 15. M\u00e4rz 1991 wegen Totschlags, versuchten Totschlags und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu einer Haftstrafe von 15 Jahren verurteilt. Frank Hofmann erhielt wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung viereinhalb Jahre Freiheitsstrafe.<\/p>\n<p>Andreas Eichler wurde 1997 nach verb\u00fc\u00dften zwei Dritteln aus der Haft entlassen. Die Startbahnbewegung fand nie wieder zusammen. Bis heute konnten Gr\u00e4ben nicht mehr zugesch\u00fcttet werden. Zu stark waren das Gef\u00fchl des Misstrauens und die Verbitterung \u00fcber Verrat und Denunziation.<\/p>\n<p><em>Der Text erschien in gek\u00fcrzter Fassung mit der \u00dcberschrift \u201eTodessch\u00fcsse an der Startbahn West\u201c am 3. November 2017 in der Jungen Welt.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Langer und Horst Sch\u00f6ppner Der 6. Jahrestag der H\u00fcttendorfr\u00e4umung war gut vorbereitet. Die militanten Gruppen aus dem Rhein-Main-Gebiet hatten sich abgesprochen. Alles lief wie geplant. Dann fielen im Wald 14 Sch\u00fcsse. Zwei Polizisten waren tot. 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