{"id":5820,"date":"2019-05-18T10:50:29","date_gmt":"2019-05-18T10:50:29","guid":{"rendered":"http:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/?p=5820"},"modified":"2019-05-20T13:32:04","modified_gmt":"2019-05-20T13:32:04","slug":"blutmai-1929","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/blutmai-1929\/","title":{"rendered":"Blutmai 1929"},"content":{"rendered":"\n<p>Bernd Langer<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1200\" height=\"628\" src=\"http:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Blutmai_Banner.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5822\" srcset=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Blutmai_Banner.jpg 1200w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Blutmai_Banner-300x157.jpg 300w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Blutmai_Banner-768x402.jpg 768w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Blutmai_Banner-705x369.jpg 705w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Blutmai_Banner-450x236.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Polizeigewalt und Faschismus<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1929 besteht die Weimarer Republik zehn Jahre. An ihrem\nBeginn stand eine Zeit, die gepr\u00e4gt war von Not, revolution\u00e4ren Aufst\u00e4nden,\nrechtsradikalen Putschversuchen und einer Hyperinflation. Zwischen 1924 und 1928 schien sich\ndie Lage zu stabilisieren. Doch 1929 bricht mit Macht die Weltwirtschaftskrise\n\u00fcber das Deutsche Reich herein. W\u00e4hrend es 1927 etwa eine Million Erwerbslose\ngab, klettert ihre Zahl bis 1929 auf drei Millionen und wird im Februar 1932 mit\n6.120.000 Arbeitslosen \u2013 das entspricht 16,3 % \u2013 ihren H\u00f6hepunkt erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nRegierung kann diese Situation kaum bew\u00e4ltigen und ist gezwungen, die\n\u00f6ffentlichen Geh\u00e4lter um 25 % zu k\u00fcrzen. Arbeitslosenunterst\u00fctzung wird\nlediglich sechs Wochen bezahlt, danach stehen f\u00fcr die Betroffenen nur noch\n\u00f6ffentliche Suppenk\u00fcchen zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser\nschwierigen Situation wird Herrmann M\u00fcller (SPD) im Juni 1928 zum Reichskanzler\neiner Gro\u00dfen Koalition, zu der auch die nationalliberale DVP geh\u00f6rt (Kabinett M\u00fcller\nII). Erstmals seit dem\nJahr 1921 steht die SPD damit wieder in der Regierungsverantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur in\nPreu\u00dfen, dem gr\u00f6\u00dften und bedeutendsten Reichsland, ist das anders. Abgesehen\nvon kurzen Unterbrechungen, hei\u00dft hier der Dauerministerpr\u00e4sident von 1920 bis\n1932 Otto Braun (SPD). Der \u203arote Zar von Preu\u00dfen\u2039 st\u00fctzt sich auf eine Koalition\nmit Zentrum und DDP und will aus dem Freistaat ein \u203ademokratisches Bollwerk\u2039 machen.\nDabei z\u00e4hlen die beiden\nsozialdemokratischen Innenminister Carl Severing (ab 1928 Reichsinnminister) und\nAlbert Grzesinski zu Brauns wichtigsten Mitarbeitern. NSDAP und SA sind in\nPreu\u00dfen bereits 1922 verboten worden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hauptfeinde<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als gef\u00e4hrlicher\nGegner der Republik gilt Mitte der 1920er Jahre die KPD. Diese, ebenfalls\nzeitweise verbotene, Partei steht f\u00fcr mehrere bewaffnete Aufst\u00e4nde und in engem\nKontakt mit den Bolschewiki. Ein Dorn im Auge der Beh\u00f6rden ist au\u00dferdem der\nformal unabh\u00e4ngige Rote Frontk\u00e4mpferbund (RFB), dessen F\u00fchrungskader \u00fcber\nKontakte zur Roten Armee verf\u00fcgen. Nicht zuletzt ist die KPD eine Sektion der\nKommunistischen Internationale (KI), einer Art revolution\u00e4rer Weltpartei, die\nihren Sitz in Moskau hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Von jeher sind KPD und\nSPD politische Gegner und bereits 1924 ersinnt der bolschewistische Vordenker\nGrigori Sinowjew die These vom \u203aSozialfaschismus\u2039, nach der die\nSozialdemokratie lediglich eine Variante des Faschismus darstellt. Dass die\nSozialfaschismusthese dann zur ideologischen Richtschnur der KI wird, hat\njedoch mit Josef Stalin zu tun, der 1927 bei den Bolschewiki endg\u00fcltig die\nMacht \u00fcbernimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bezug auf\nDeutschland hat der Diktator aufgrund eines geheimen Milit\u00e4rabkommens ein\nbesonderes Interesse. Die Reichswehr hilft (bis 1933!), die Rote Armee\naufzubauen, im Gegenzug k\u00f6nnen sich deutsche Soldaten auf russischem Gebiet an\nWaffen ausbilden, die ihnen der Versailler Vertrag in Deutschland verbietet.\nDieses Geheimabkommen wird durch die SPD gef\u00e4hrdet, denn diese vertritt einen\nkritischen Kurs gegen\u00fcber der Sowjetunion und strebt eine Ann\u00e4herung an\nFrankreich an.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ihrem 6.\nWeltkongress vom 17. Juli bis 1. September 1928 in Moskau versch\u00e4rft die KI\nihren Kurs gegen den \u203aSozialfaschismus\u2039. Die Sozialdemokratie wird zum\nHauptfeind der kommunistischen Weltbewegung erkl\u00e4rt und eine aktive Politik zu\nderen Destabilisierung verk\u00fcndet. Fortan ist es kommunistischen Parteien\nuntersagt, B\u00fcndnisse mit sozialdemokratischen Parteien und Organisationen\neinzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz dazu\nkommt es auf den Stra\u00dfen verst\u00e4rkt zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen, bei\ndenen Kommunisten und Sozialdemokraten von den Nazis in eine Front gepr\u00fcgelt\nwerden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Nazis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach ihrem\ngescheiterten Putschversuch 1923 in M\u00fcnchen wird die Nazi-Partei reichsweit\nverboten. Aber bereits 1924 kommt Hitler vorzeitig auf freien Fu\u00df und kann die\nNSDAP 1925 neu gr\u00fcnden. Zun\u00e4chst bleibt der \u203aF\u00fchrer\u2039 durch ein Redeverbot\ngehemmt und seine Partei parlamentarisch bedeutungslos. Bei den Wahlen zum 4.\nReichstag am 20. Mai 1928 erhalten die Nazis ganze 2,6 % der Stimmen. Doch vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise vollzieht\nsich ab Fr\u00fchjahr 1929 der Aufstieg der NSDAP zu einer Massenbewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem\nZusammenhang spielt Josef Goebbels eine wichtige Rolle. Ab November 1926\nGauleiter von Berlin-Brandenburg, treibt er mit einer Mischung aus Propaganda\nund Stra\u00dfenkampf die \u203aEroberung\u2039 der Reichshauptstadt voran. Nachdem das\nRedeverbot f\u00fcr Hitler in Preu\u00dfen 1928 f\u00e4llt, organisiert Goebbels am 16.\nNovember eine Gro\u00dfkundgebung mit dem \u203aF\u00fchrer\u2039 im Sportpalast. Es kommt zu\nZusammenst\u00f6\u00dfen mit Antifaschisten und am folgenden Tag wird die Leiche eines\nSA-Scharf\u00fchrers aus dem Landwehrkanal gezogen. Es bleibt nicht der einzige Tote, insgesamt verlieren bis zum 9.\nDezember bei \u00e4hnlichen Auseinandersetzungen mindestens vier Menschen in Berlin\nihr Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraufhin beraten am\n12. Dezember die Minister Grzesinski, Braun und Severing ein Verbot von KPD,\nNSDAP, RFB und SA. Zun\u00e4chst erl\u00e4sst Polizeipr\u00e4sident Z\u00f6rgiebel\nnach Zusammenst\u00f6\u00dfen am 13. Dezember ein allgemeines Demonstrationsverbot f\u00fcr\nBerlin. Bald wird dieses Verbot ausgeweitet, denn in der Nacht zum 7. M\u00e4rz 1929\nfindet in der kleinen Ortschaft W\u00f6hrden (Schleswig-Holstein) eine heftige\nStra\u00dfenschlacht zwischen Nazis und Kommunisten statt. Es gibt drei Tote (zwei\nNazis, ein Kommunist) und viele Schwerverletzte. Auch f\u00fcr diese preu\u00dfische\nProvinz gilt von da ab ein Demonstrationsverbot.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aufschaukeln<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seit 1925 ist Ernst\nTh\u00e4lmann in Personalunion Vorsitzender von KPD und RFB. Th\u00e4lmann steht f\u00fcr den\nstalinistischen Kurs und ist beim 6. Kongress der KI 1928 in der Sowjetunion\nanwesend. Nach seiner R\u00fcckkehr kommt fast das politische Ende f\u00fcr den\nSpitzenfunktion\u00e4r. Obwohl dem Vorsitzenden die Unterschlagung von Parteigeldern\nbekannt ist, hat er dies f\u00fcr sich behalten (Wittorf-Aff\u00e4re). Th\u00e4lmann wird\nseiner \u00c4mter enthoben, dann aber am 6. Oktober 1928 auf Intervention Stalins\nwieder in seine Parteifunktionen eingesetzt. Im selben Atemzug werden eine\nganze Reihe von \u203aAbweichlern\u2039, die gegen den stalinistischen Kurs opponieren,\naus der Partei bzw. ihren Nebenorganisationen ausgeschlossen. Th\u00e4lmann ist\nStalins Mann und soll mit daf\u00fcr sorgen, dass sich die \u203aSozialfaschismusthese\u2039\nin der Partei und der kommunistischen Weltbewegung durchsetzt. Daf\u00fcr bietet das\nDemonstrationsverbot am 1. Mai in Berlin durch die SPD eine Steilvorlage.\nUmgehend proklamiert die KPD das \u203aRecht auf die Stra\u00dfe\u2039 nicht aufzugeben und\nfordert Aktionen \u203aGegen das Demonstrationsverbot, gegen das geplante Verbot des\nRFB\u2039.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>\nIm M\u00e4rz ruft die KPD \u203aMaikomitees\u2039 ins Leben, um trotz Verbot eine\nGro\u00dfdemonstration zu organisieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Am 13. April\nver\u00f6ffentlicht die \u203aRoten Fahne\u2039 den Aufruf des ZK der KPD, in dem es hei\u00dft:\n\u203aHeraus zur Mai-Demonstration &#8230; Arbeitsruhe in den Betrieben!\u2039<\/p>\n\n\n\n<p>Da der 1. Mai in der\nWeimarer Republik kein gesetzlicher Feiertag ist, soll gestreikt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Um der KPD-Agitation den\nWind aus den Segeln zu nehmen, werden Zug um Zug in allen St\u00e4dten und Gebieten\nDeutschlands, wo Demonstrationsverbote f\u00fcr den 1. Mai bestehen, diese\naufgehoben. Eine ganze Reihe politischer Mandatstr\u00e4ger, unter ihnen Carl\nSevering, sind daf\u00fcr, auch in Berlin die Mai-Demonstration zu erlauben. Doch in\nder Reichshauptstadt bleiben nur Saalveranstaltungen erlaubt.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a>\nDas liegt in erster Linie am preu\u00dfischen Innenminister Albert Grzesinski. Er\ngilt als Kommunistenhasser der sich bereits Anfang 1919 f\u00fcr die milit\u00e4rische\nNiederschlagung des Berliner Januaraufstandes aussprach. Lieber heute als\nmorgen will der preu\u00dfische Innenminister RFB und KPD verbieten. Darin ist er\nsich mit seinem Parteigenossen Polizeipr\u00e4sident Z\u00f6rgiebel einig.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile putschen\nkommunistische und sozialdemokratische Presse die Stimmung wechselseitig in die\nH\u00f6he. Im \u203aVorw\u00e4rts\u2039 vom 19. April hei\u00dft es: \u203aDie KPD will Tote &#8230; sie fordert\nauf, Zusammenst\u00f6\u00dfe zu provozieren\u2039. Die \u203aRote Fahne\u2039 kontert am 21.4. mit:\n\u203aZ\u00f6rgiebel will am 1. Mai schie\u00dfen\u2039. Schlie\u00dflich titelt der \u203aVorw\u00e4rts. Der\nAbend\u2039 am 29. April: \u203a200 Tote am 1. Mai: Verbrecherische Pl\u00e4ne der Kommunisten\n&#8230;\u2039.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich hofft man\nbei der KPD, dass es ihr gelingt, die Aufhebung des Verbotes in Berlin zu\nerzwingen. Das w\u00e4re ein gro\u00dfer politischer Erfolg. Schlie\u00dflich geh\u00f6rt die\nMaidemonstration zu den alten Traditionen der Arbeiterbewegung. Auf keinen Fall\nwill die KPD-F\u00fchrung 1929 auf die Maidemonstration verzichten und wird es\ndarauf ankommen lassen. Noch gut erinnert man sich an das Jahr 1924, als ein\n\u00e4hnliches Demonstrationsverbot bestand und die Berliner Kommunisten trotzdem\nauf die Stra\u00dfe gingen. Noch dazu f\u00fchlt sich die KPD 1929 im Aufwind, u.a. ist\nes gelungen, bei der BVG (Berliner Verkehrs AG) einen kommunistischen Betriebsrat\ndurchzusetzen. Diesen Erfolg beabsichtigt man auszubauen, indem am 1. Mai ein\nvon der KPD angef\u00fchrter BVG-Streik initiiert werden soll. Im Gegenzug ist der\nStreik von der Betriebsleitung der BVG und der sozialdemokratischen\nGewerkschaft untersagt und gilt damit als \u203awilder Streik\u2039. D.h., wer sich daran\nbeteiligt, riskiert die fristlose K\u00fcndigung. Selbst der kommunistische\nBetriebsrat zweifelt daher an der Streikbereitschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Bedenken\nscheren die Parteileitung nicht, die ferner meint, bis zu 300.000 Menschen in\ndie Innenstadt mobilisieren zu k\u00f6nnen. Selbst die \u203aArbeiterkinder\u2039 sind\naufgerufen&nbsp; die Schule zu schw\u00e4nzen und\nsich zu beteiligen. Sollte die Maidemonstration unterdr\u00fcckt werden, will die\nKPD am 2. Mai zu einem \u203aMassenstreik\u2039 aufrufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit der Realit\u00e4t haben\ndie bombastischen Verlautbarungen der KPD jedoch reichlich wenig zu tun. Viele\nMenschen sind durch die Stimmungsmache und das Verbot der Mai-Demonstration\nabgeschreckt. Um die Mobilisierung der KPD weiterhin zu beeintr\u00e4chtigen, organisieren\nSPD und den ADGB-Gewerkschaften diverse gro\u00dfe Mai-Saalkundgebungen und rufen\ndazu auf, sich nicht an den KPD-Veranstaltungen zu beteiligen. Genauso fordert\ndie KPD, \u203adie Versammlungen der sozialfaschistischen Gewerkschaftsb\u00fcrokratie zu\nmeiden\u2039.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Polizei<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu den\nGegnern der KPD geh\u00f6rt zweifellos die Polizei. Insbesondere bei der politischen\nAbteilung der Kripo, der \u203aAbteilung I A\u2039, sind viele Kommissare ehemalige\nFreikorpsk\u00e4mpfer. In der Regel entstammen die Polizisten jedoch j\u00fcngeren\nJahrg\u00e4ngen. Das Eintrittsalter liegt bei 20 Jahren. Bevor man in den\nRevierdienst \u00fcbernommen wird, durchl\u00e4uft man eine milit\u00e4rische Ausbildung,\ngefolgt von mehreren Jahren kaserniertem Bereitschaftsdienst. In Berlin\nbetrifft dies zirka 5.000 Mann der insgesamt 14.000 K\u00f6pfe z\u00e4hlenden\nuniformierten Schupo (Schutzpolizei).<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt\nhat die Polizei in Berlin eine St\u00e4rke von 16.500 Mann, die allesamt am 1. Mai\nzur Verf\u00fcgung stehen, um Demonstrationen im Keim zu ersticken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kalk\u00fcl und Realit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die KPD will\nverschiedene Demonstrationsz\u00fcge am Alexander- und Potsdamer Platz\nzusammenstr\u00f6men lassen, da diese wichtigen Verkehrskreuzungen nicht g\u00e4nzlich\nvon der Polizei abgesperrt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Waffen,\nHieb- oder Stichwerkzeuge, selbst Kn\u00fcppel sind von der Partei streng untersagt.\nDer RFB soll in Zivil antreten, sich friedlich verhalten und lediglich die\nDemonstrationsz\u00fcge abschirmen. Nicht von einer militanten Stra\u00dfenschlacht sollen\nBilder um die Welt gehen, sondern von der Polizei, die auf wehrlose\nDemonstranten losgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur\nhaben weit weniger Menschen Ambitionen, sich an dem angek\u00fcndigten\nSchlagabtausch mit der SPD zu beteiligen, als von der KPD gedacht. Nur einige\nzehntausende lassen sich mobilisieren.<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Vom angek\u00fcndigten\nBVG-Streik ist nichts zu bemerken. Der\n\u00f6ffentliche Nahverkehr l\u00e4uft am 1. Mai wie an jedem anderen Tag. Baumaterial, das\nin Neuk\u00f6lln auf Gleise geworfen wird, und Sabotage an elektrischen Leitungen\nder Stra\u00dfenbahn haben nur einen sehr begrenzten Effekt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erfolgreicher ist der \u203aSchulstreik\u2039. Zum einen\nhat das politische Gr\u00fcnde, zum anderen lassen viele Eltern ihre Kinder wegen\nder sich abzeichnenden Konfrontationen lieber zu Hause bleiben. In etlichen\nKlassen f\u00e4llt der Unterricht aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>18 Tote am ersten Tag<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In\nden Vormittagsstunden des 1. Mai kann die Polizei einige Menschenansammlungen,\nvor allem in den \u203abesseren\u2039 westlichen Stadtteilen, ohne Gewaltanwendung\nzerstreuen. In den kommunistischen Hochburgen wie Neuk\u00f6lln allerdings kommt es\ngleich zu Beginn am Reuterplatz zu Gerangel, Flaschen und Steine fliegen, es setzt\nPr\u00fcgel. In der Folge gibt es Verletzte auf beiden Seiten, einige Beamte feuern\nWarnsch\u00fcsse ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig\nsp\u00e4ter werden an den zentralen Sammelpunkten Potsdamer- und Alexanderplatz\nDemonstranten unter massivem Schlagstockeinsatz und mit an Hydranten angeschlossenen\nWasserschl\u00e4uchen auseinandergetrieben. Immer wieder versuchen sich\nDemonstranten zusammenzufinden. Es entstehen verschiedene Brennpunkte, die Lage\nwird un\u00fcbersichtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Um\ndie umherfahrenden Polizeifahrzeuge zu stoppen, werden hier und da Hindernisse\naus schnell erreichbarem Baumaterial, umgest\u00fcrzten Fahrzeugen oder Litfa\u00dfs\u00e4ulen\nerrichtet. Immer wieder machen Polizisten bei den Auseinandersetzungen von\nihren Dienstwaffen gebraucht, bis 14 Uhr sterben dadurch im Bezirk Mitte vier\nMenschen. Dann wird in der K\u00f6sliner\nStra\u00dfe im Wedding der dort bekannte Sozialdemokrat Max Gemeinhardt am Fenster\nseiner Wohnung erschossen. Das l\u00e4sst die Lage rund um die Stra\u00dfe sofort\neskalieren. Angeblich werden Sch\u00fcsse auf die Polizei abgegeben. Von nun an nehmen die\nPolizisten jedes verd\u00e4chtige Fenster sofort massiv unter Feuer. Nach kurzer\nZeit zieht sich die Schupo aus der K\u00f6sliner Stra\u00dfe zur\u00fcck. Wenig sp\u00e4ter beginnt\nman dort, aus einem umgest\u00fcrzten Wagen eine \u203aBarrikade\u2039 zu improvisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Erneut r\u00fccken die Beamten gegen die Stra\u00dfe vor,\nnun mit Karabinern ausger\u00fcstet. Obwohl sie auf keinen Widerstand sto\u00dfen, feuern\ndie Polizisten auf alles, was sich hinter Fenstern oder Hausecken bewegt. Acht\nMenschen werden t\u00f6dlich getroffen. Bis\nzum Abend des 1. Mai erschie\u00dft die Polizei allein im Wedding 10 Menschen.\nInsgesamt werden es an diesem Tag 18 Tote sein. Nachdem ein Panzerwagen, der\nvon seinem MG keinen Gebrauch macht, gegen 20 Uhr durch die K\u00f6sliner Stra\u00dfe gefahren ist, schweigen hier endlich die\nWaffen. Die Polizei sieht von einer Besetzung der Stra\u00dfe ab und zieht sich\nzur\u00fcck. Im Wedding finden nach Anbruch der Dunkelheit keine K\u00e4mpfe statt. Auch\nim \u00fcbrigen Stadtgebiet gelingt es der Polizei durch ihr rigoroses und\ngewaltt\u00e4tiges Vorgehen bis zum Abend, alle Ansammlungen und Demonstrationsz\u00fcge\nzu zersprengen. Bis auf eine Ausnahme: Neuk\u00f6lln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Barrikaden\nin Neuk\u00f6lln<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Den ganzen Tag \u00fcber ist es im Gebiet um die\nHerrmannstra\u00dfe und den angrenzenden Rollbergkiez unruhig, mit Einbruch der\nNacht eskaliert die Lage. Neben KPD-Aktivist_innen stellen sich vor allem Jugendliche\naus \u203aWilden Cliquen\u2039 der Polizeigewalt entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Um der Schupo das Vorgehen zu erschweren,\nwerden die meisten Stra\u00dfenlaternen demoliert. Im Schutz der Dunkelheit\nentstehen die einzigen tats\u00e4chlichen Barrikaden in diesen Auseinandersetzungen.\nAufgebrochene Pflastersteine werden aufget\u00fcrmt, die Stra\u00dfe auf ganzer Breite\nfreigelegt und mit Schaufeln und H\u00e4nden ein Graben ausgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>Einzig auf ihr Scheinwerferlicht angewiesen,\ntrauen sich die Polizisten nur sehr vorsichtig vor und machen ausgiebig von\nihren Schusswaffen Gebrauch. Wieder hei\u00dft es, dass Dachsch\u00fctzen die Schupo\nunter Feuer nehmen. Einen Beweis daf\u00fcr gibt es allerdings nicht. Tats\u00e4chlich wird w\u00e4hrend der gesamten Tage kein\neinziger Polizist von einer Kugel getroffen. Die Polizei bringt einen Panzerwagen\nzum Einsatz, der mit seinem MG auf alles feuert was sich in der Dunkelheit\nbewegt. Vier Menschen, die zuf\u00e4llig in die Feuerlinie geraten, werden\nerschossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unbeteiligte sind keine Seltenheit, denn\nau\u00dferhalb des unmittelbaren Kampfgebietes geht das Leben seinen ganz normalen\nGang, sind Kneipen und Kinos ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Mitternacht hat die Polizei die\nBarrikaden beseitigt und zieht sich zum Hermannplatz zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Nacht (zum 2. Mai) beschlie\u00dft das ZK\nder KPD, das den Einfluss auf das Geschehen weitgehend verloren hat, weitere\nDemonstrationen zu untersagen. Stattdessen soll ein politischer Proteststreik\nam 2. Mai den \u203aR\u00fcckzug der k\u00e4mpfenden Arbeiter decken\u2039. Die Beteiligung f\u00e4llt\nbescheiden aus. Selbst die parteioffizielle Chronik bilanziert lediglich 75.000\nStreikende (25.000 in Berlin, 50.000 im \u00fcbrigen Reich), laut Polizeiangaben\nsind es in Berlin 14.000 Streikende, nach anderer Quellen legen reichsweit\ninsgesamt 50.000 Menschen die Arbeit nieder.<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere in der Parteijugend trifft der\nZK-Beschluss auf Ablehnung. Zwar verl\u00e4uft der 2. Mai zun\u00e4chst ruhig und ohne\nDemonstrationsversuche. Als aber die Nacht hereinbricht, beginnen in Neuk\u00f6lln\nund dem Wedding erneut Auseinandersetzungen. Versuche, im Wedding Barrikaden zu\nerrichten, werden von der Polizei unterbunden. Dabei fallen wieder Sch\u00fcsse und\netliche Menschen werden verletzt oder verhaftet, Tote gibt es in dieser Nacht\nim Wedding aber nicht. In Neuk\u00f6lln geht es h\u00e4rter zur Sache. Auch hier versuchen\njugendliche Aktivist_innen Barrikaden zu errichten. Wieder setzt die Polizei\neinen Panzerwagen ein. Eine unbeteiligte Frau wird am Fenster erschossen sowie\nein zuf\u00e4lliger Passant auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sonderaktion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 3. Mai k\u00f6nnte alles vorbei sein, doch jetzt\nholt die Polizei zum gro\u00dfen Schlag aus. Eine Sonderaktion, also umfangreiche\nDurchsuchungen, finden in den Unruhegebieten von Wedding und Neuk\u00f6lln statt.\nGleich zu Beginn hei\u00dft es, die Beamten w\u00fcrden von Dachsch\u00fctzen beschossen. Was\nfolgt, kann man als Polizeimassaker bezeichnen. Ohne Z\u00f6gern nehmen mit\nKarabinern ausger\u00fcstete Polizisten jedes Fenster aufs Korn, hinter dem sich ein\nSchatten zeigt. In Neuk\u00f6lln rast der Panzerwagen die Hermannstra\u00dfe rauf und\nrunter und feuert mit seinem MG auf alles Verd\u00e4chtige. An diesem Tag erschie\u00dft\ndie Polizei in Neuk\u00f6lln weitere elf Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig\nverbietet der preu\u00dfische Innenminister Grzesinski den RFB. Das Verbot wird bis\nzum 17. Mai von allen Reichsl\u00e4ndern \u00fcbernommen. Grzesinski will auch die KPD\nverbieten, was aber von Severing als undurchf\u00fchrbar angesehen wird. \u00dcber\nmehrere Wochen untersagen die Innenminister jedoch das Erscheinen der \u203aRoten\nFahne\u2039 und andere KPD-Zeitungen. Bei der BVG werden die kommunistischen\nBetriebsr\u00e4te Deter und Kr\u00fcger am 2. Mai entlassen. Ebenso wird in anderen\nBetrieben verfahren. Etwa 500 Personen, zumeist Frauen, verlieren auf Dauer\nihre Arbeitsstellen<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Am\nMisserfolg der KPD l\u00e4sst sich nicht deuteln. Andererseits erringen weder die\nSPD noch die verantwortlichen Minister oder gar die Polizei einen Sieg.\nLetztere behauptet zwar die Stra\u00dfe, doch ihr beispiellos brutales Vorgehen das\n\u00fcber 30 Tote und mehr als 150 Schwerverletzte zu Folge hat, ist eine\nBankrotterkl\u00e4rung f\u00fcr die Republik. Nachhaltig vertieft der \u203aBlutmai\u2039 den Bruch\nzwischen SPD und KPD und gilt als f\u00fcrderhin als Beleg f\u00fcr die\nSozialfaschismusthese, die nun von der KPD-Basis nachvollzogen wird und den\nstalinistischen Kurs unter Ernst Th\u00e4lmann best\u00e4tigt. Den Nutzen aus der\nFrontstellung von KPD und SPD werden die Nazis ziehen. <br><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> \u203aRote Fahne\u2039, 19.12.1928<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Am\nNachmittag und Abend des 1. Mai finden laut Polizeibericht 20 von der KPD\nangemeldete&nbsp; Saalveranstaltungen mit\ninsgesamt 12.000 Teilnehmer_innen statt, die allesamt ruhig verlaufen. L\u00e9on\nSchirmann, Berlin 1991 \u203aBlutmai\u2039, S. 134<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Flugblatt der KPD, im Besitz\ndes Verfassers<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> \u203aBerliner Blutmai 1929\u2039, Mitte\nMuseum 2009, S. 13, gibt insgesamt 25.000 Demonstranten an. Angaben bei L\u00e9on\nSchirmann, Berlin 1991 \u203aBlutmai\u2039, S. 98, liegen etwas h\u00f6her.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> W.\nUlbricht, \u203aDie Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung\u2039, Berlin 1966, Bd.4,\nS. 199. Siehe auch Kurt P. G. Schuster, \u203aDer Rote Frontk\u00e4mpferbund 1924 \u2013 29\u2039,\nD\u00fcsseldorf 1975, S. 220 und L\u00e9on Schirmann, \u203aBlutmai\u2039, Berlin 1991, S 290.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a>\nL\u00e9on Schirmann, \u203aBlutmai\u2039, Berlin 1991, S. 290.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Langer Polizeigewalt und Faschismus Im Jahr 1929 besteht die Weimarer Republik zehn Jahre. 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