{"id":6065,"date":"2019-07-15T16:39:00","date_gmt":"2019-07-15T16:39:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/?p=6065"},"modified":"2023-01-14T00:40:51","modified_gmt":"2023-01-14T00:40:51","slug":"frauen-lasst-und-das-selbst-in-die-hand-nehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/frauen-lasst-und-das-selbst-in-die-hand-nehmen\/","title":{"rendered":"\u201eFrauen lasst uns das selbst in die Hand nehmen!\u201c"},"content":{"rendered":"\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zum Anteil von Frauen am Klassenkampf und Novemberrevolution am Beispiel Bad Lauterberg<\/strong><\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Autor: Bernd Langer|erschienen in <em>undercurrents \u2013 Forum f\u00fcr linke Literaturwissenschaft <\/em>im Juli 2019<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Sie haben ihre Geschichte nicht aufgeschrieben. Den Arbeiterinnen und Arbeitern fehlte schlichtweg Sinn und Zeit daf\u00fcr. Was \u00fcberdauerte, sind Fragmente, Zeitungsmeldungen, hier und da ein Flugblatt, mit Gl\u00fcck eine pers\u00f6nliche Aufzeichnung oder ein Foto. Vieles ging zudem durch die Nazi-Zeit und den Krieg verloren. Danach schwieg man lieber \u00fcber das, was war. Doch soziale K\u00e4mpfe finden nicht im luftleeren Raum statt, sie zeichnen Spuren, ver\u00e4ndern und m\u00fcnden in der Gegenwart, in der das nicht Abgegoltene weiter Aufgabe bleibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>So verstand ich vom Anbeginn meiner Politisierung in den 1970er Jahren die Aneignung und Aufarbeitung der Widerstandsgeschichte als Teil meiner Aufgabe. Dass in meiner ersten politischen Gruppe, dem \u201aAntifaschistischen Arbeitskreis Bad Lauterberg\u2018, ein alter Kommunist mitarbeitete, kam mir dabei zugute. \u00dcber die Jahre konnte ich weitere letzte Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus meiner Heimatstadt befragen und ein paar sp\u00e4rliche Dokumente sammeln. Mehr und mehr f\u00fcgten sich die Bruchst\u00fccke zu einem Bild.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ausgangspunkt war f\u00fcr mich die Novemberrevolution 1918. Als gro\u00dfe Ausnahme war in Bad Lauterberg mit Lina Heidelberg eine Frau Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates (ASR). Im weiten Umland findet sich erst mit Minna Fa\u00dfhauer in Braunschweig wieder eine Frau in einem Revolutionsgremium. Minna Fa\u00dfhauer, die erste Ministerin Deutschlands, war knapp drei Monate im Amt, Lina Heidelberg konnte sich keine zwei Wochen als Mitglied im ASR halten. Honorige B\u00fcrger machten Druck, wollten den ASR delegitimieren, am Ende konnte Lina Heidelberg, weil sie eine Frau war, nur noch als Beigeordnete weitermachen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Volksmund nannte sie bald die Rosa Luxemburg von Bad Lauterberg. Ab wann Lina Heidelberg diesen Beinahmen erhielt l\u00e4sst sich nicht mehr kl\u00e4ren. In jedem Fall wurde sie im Jahr 1923 zur lokalen Legende, weil sie den gr\u00f6\u00dften Stra\u00dfenkrawall in der Geschichte Bad Lauterbergs ausl\u00f6ste.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Minna Fa\u00dfhauer und Lina Heidelberg stammten aus dem Proletariat und handelten aus der politisch wie sozial doppelt entrechteten Rolle als Frau und Arbeiterin. Wie die K\u00e4mpferinnen aus der sozialistisch-proletarischen Bewegung vor ihnen. In der folgenden Geschichte will ich an den Anteil dieser Frauen erinnern. Wobei ich Bezeichnungen wie Arbeiterbewegung oder Holzarbeiterstreik als feststehende historische Begriffe betrachte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Frauen ohne Wahlrecht<\/strong><\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Als der \u201aRat der Volksbeauftragen\u2018 am 9. November 1918 in Berlin die Macht \u00fcbernahm, hatte sich der Kaiser bereits nach Belgien abgesetzt. Damit war die Monarchie gest\u00fcrzt, Deutschland eine Republik und der verlorene Weltkrieg konnte am 11. November beendet werden. In den folgenden Tagen wurde die gesellschaftliche Umw\u00e4lzung auch in der Provinz nachvollzogen. So erreichte die Revolution Bad Lauterberg im Harz, zu diesem Zeitpunkt ein Flecken (Stadtrechte ab 1929), der zum Kreis Osterode im K\u00f6nigreich Preu\u00dfen geh\u00f6rte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die bisherigen politischen Gremien waren durch ein sozial segregiertes Wahlsystem bestimmt worden. Frauen hatten weder aktives noch passives Wahlrecht. W\u00e4hlen durften nur M\u00e4nner, die mindestens 25 Jahre alt waren. Wer \u00f6ffentliche Armenunterst\u00fctzung erhielt oder durch ein rechtskr\u00e4ftiges Urteil die b\u00fcrgerlichen Rechte verloren hatte, blieb vom Wahlrecht ausgeschlossen. Bei den Wahlen zum Provinziallandtag kam hinzu, dass im K\u00f6nigreich Preu\u00dfen seit der Revolution 1848\/49 das Dreiklassenwahlrecht in Kraft war, welches die W\u00e4hler nach der H\u00f6he ihrer Steuerleistung in drei \u201aKlassen\u2018 einstufte. Damit nicht genug, konnten bei Gemeindewahlen nur B\u00fcrger den Magistrat bestimmen. Das Gesetz unterschied grunds\u00e4tzlich zwischen B\u00fcrgern und Einwohnern. B\u00fcrger konnte nur sein, wer ein Haus besa\u00df und H\u00e4usersteuer abf\u00fchrte oder wer sonst direkte Landsteuer von mindestens 6 Reichsmark zahlte. Au\u00dferdem musste der Betreffende seit mindestens sechs Monaten seinen Wohnsitz am Ort haben und durfte nicht in Lohn und Kost eines anderen stehen. Nur wer diese Voraussetzungen erf\u00fcllte, konnte das B\u00fcrgerrecht erwerben und bei Gemeindewahlen abstimmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Den B\u00fcrgern gleichberechtigte B\u00fcrgerinnen gab es nicht. Zwar konnte eine Frau durch Erbschaft die sozialen und \u00f6konomischen Privilegien ihres Standes beanspruchen, von den politischen Mitwirkungsrechten blieb sie aber ausgeschlossen. F\u00fcr Bankgesch\u00e4fte, gewerbliche Vertr\u00e4ge u. \u00e4. ben\u00f6tigten Frauen einen Mann als Vormund. Die Ehe war gesetzte Norm und man blieb in der Regel ein Leben lang zusammen. Alleinstehend lebte man nur in Ausnahmef\u00e4llen, den Begriff Single gab es nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Eine Scheidung war unter gewissen Vorrausetzungen in einigen deutschen Staaten ab 1794 m\u00f6glich, wurde aber erst 1875 mit dem \u201aGesetz \u00fcber die Eheschlie\u00dfung\u2018 reichsweit geregelt. Abseits juristischer M\u00f6glichkeiten galt eine Scheidung weiterhin als Stigma.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>F\u00fcr die Frau verbanden sich mit der Eheschlie\u00dfung einige Sicherheiten und soziales Prestige, doch blieb sie ein Mensch zweiter Klasse. Bis in die Zeit der Bundesrepublik \u00e4nderte sich an diesen Verh\u00e4ltnissen wenig. Bis zum 1. Juli 1958 konnte der Ehemann den Arbeitsvertrag seiner Frau ohne deren Einwilligung fristlos k\u00fcndigen. Auch hatte ein Ehemann das Recht, den Lohn seiner Frau zu verwalten. Ein eigenes Bankkonto k\u00f6nnen Frauen erst seit 1962 er\u00f6ffnen, als gesch\u00e4ftsf\u00e4hig gelten sie seit 1969. Noch bis 1977 durften verheiratete Frauen ohne Genehmigung ihres Ehemannes keine Erwerbst\u00e4tigkeit aufnehmen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In Verbindung mit linksliberalen Einfl\u00fcssen war diese Entm\u00fcndigung Antrieb f\u00fcr den Feminismus. Dabei strebten die linksliberalen Str\u00f6mungen des 19. Jahrhunderts nach der Durchsetzung individueller Freiheitsrechte. Sozialistische Gedanken, wie Aufbau eines Sozialstaates, wurden abgelehnt. Der Feminismus bezog sich in seinen Anf\u00e4ngen daher vor allem auf die b\u00fcrgerlichen Frauen, die sich erheblich in Bildungsniveau, Erziehung usw. von denen aus dem Proletariat unterschieden. Der soziale Stand markierte eine kulturelle Kluft. Tats\u00e4chlich grenzten sich Frauen, die sich dem Klassenkampf zurechneten, vom \u201ab\u00fcrgerlichen\u2018 Feminismus ab. Clara Zetkin, die Wortf\u00fchrerin der proletarischen Frauenbewegung, pr\u00e4gte diese Auseinandersetzung und stilisierte in der Debatte nach marxistischer Denkart die soziale Frage zum gesellschaftlichen Hauptwiderspruch.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"558\" height=\"728\" class=\"wp-image-6066\" src=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Vampir_Farbe.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Vampir_Farbe.jpg 558w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Vampir_Farbe-230x300.jpg 230w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Vampir_Farbe-540x705.jpg 540w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Vampir_Farbe-450x587.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 558px) 100vw, 558px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p><em>Abbildung: \u201aThe Capitalist Vampire\u2018, Holzschnitt, 1885, England, von Walter Crane (1845\u20131915) f\u00fcr das Justice Journal (Parteizeitung der Social Democratic Federation). Sp\u00e4terer Druck mit deutschem Text. <br \/>Mit der Fanfare des Sozialismus erweckt der Freiheitsengel mit Jakobinerm\u00fctze das Proletariat, das dem blutsaugenden Vampir Kapitalismus ausgeliefert ist. Die soziale Frage war die zentrale gesellschaftliche Auseinandersetzung des<\/em> <em>19. Jahrhunderts. Patriarchale Unterdr\u00fcckung wurde von der Arbeiterbewegung als Nebenwiderspruch gesehen.<\/em><\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der gro\u00dfe Holzarbeiterstreik<\/strong><\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Klassenkampf hatte in Bad Lauterberg bereits vor dem I. Weltkrieg seine Spuren hinterlassen. Ende des 19. Jahrhunderts z\u00e4hlte der Ort zu den wichtigen Zentren der deutschen M\u00f6bel-, genauer Stuhlproduktion. Das erkl\u00e4rt, warum wohl bereits 1863 eine sozialdemokratische Ortsgruppe existierte. Auf dem \u201aAllgemeinen deutschen sozial-demokratischen Arbeiterkongress\u2018 im Jahr 1869 in Eisenach befand sich jedenfalls mit Eduard Dannhauer ein Delegierter aus Lauterberg, der 105 Mitglieder vertrat (vgl. Tyke, SPD Bad Lauterberg). Das war der Gr\u00fcndungskongress der SDAP (Sozialistische deutsche Arbeiterpartei). Diese Partei entstand auf Initiative von August Bebel und Karl Liebknecht als marxistisch ausgerichtete Konkurrenz zum ADAV (Allgemeinen deutschen Arbeiterverein).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Als sich in Lauterberg im Jahre 1896 f\u00fcnf \u00f6rtliche M\u00f6belfabrikanten zu einem Kartell zusammenschlossen, um die L\u00f6hne zu dr\u00fccken, kam es zu einem erbittert gef\u00fchrten Arbeitskampf, der reichsweit f\u00fcr Aufsehen sorgte. Der gro\u00dfe Lauterberger Holzarbeiterstreik (es gab noch einen zweiten mit erheblich weniger H\u00e4rte gef\u00fchrten 1907\/08) dauerte von Mai bis Dezember 1896.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2000\" height=\"1013\" class=\"wp-image-6069\" src=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Holzarbeiter_Streiksoli-2000x1013.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Holzarbeiter_Streiksoli-2000x1013.jpg 2000w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Holzarbeiter_Streiksoli-300x152.jpg 300w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Holzarbeiter_Streiksoli-768x389.jpg 768w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Holzarbeiter_Streiksoli-2048x1038.jpg 2048w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Holzarbeiter_Streiksoli-705x357.jpg 705w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Holzarbeiter_Streiksoli-450x228.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p><em>Abbildung: Austragungsort des Streiks war nicht nur Lauterberg, sondern auch eine gro\u00dfe Fabrik auf dem Oderfeld und damit die Gemeinde Barbis, zu dieser Zeit mit mehr als 1300 Einwohnern und Einwohnerinnen ein bedeutendes Dorf im Kreis Osterode.<\/em><\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Im Verlauf des achtmonatigen Streiks kam es zu Schl\u00e4gereien mit angeheuerten Streikbrechern, es gab Verletzte durch Messerstechereien, sogar mit Pistolen wurde aufeinander geschossen und ein Streikbrecher-Lokal brannte nieder. Mehr als 500 Arbeiter und Arbeiterinnen waren im Ausstand oder ausgesperrt. Polizei und Beh\u00f6rden standen auf Seiten der Fabrikanten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es gab aber nicht nur Krawalle, vor allem hatten die Arbeiterinnen und Arbeiter durch den Ausstand zum ersten Mal in ihrem Leben Freizeit. Ansonsten war eine t\u00e4gliche Arbeitszeit von 12 Stunden \u00fcblich. Gearbeitet wurde sechs Tage die Woche, Urlaub gab es \u00fcberhaupt nicht. So ist in der Zeitung \u201aDer Holzarbeiter\u2018 Nr. 25 vom 21. Juni 1896 auf Seite 4 zu lesen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEine vorz\u00fcgliche Wirkung hat diese Aussperrung noch; die Arbeiter haben Mu\u00dfe zum Nachdenken \u00fcber sozialpolitische Dinge und eine allw\u00f6chentlich stattfindende gro\u00dfe Versammlung unterst\u00fctzt die Bildungsbestrebungen in vorz\u00fcglicher Weise. Diese Versammlungen verlaufen stets musterhaft und sind sehr stark besucht, so sprachen hier der Reihe nach Gen. Trautwein (600), Gen. Ke\u00dfler (600), Gen. Wei\u00dfmann-Halle (600), Genossin Greifenberg-Berlin 700 Personen, darunter viele Frauen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die zeitgen\u00f6ssische Sprachregelung subsumierte unter der Mehrzahl \u201aArbeiter\u2018 M\u00e4nner wie Frauen. Hinzu kam, dass in Deutschland Frauen erst ab dem Jahr 1908 Mitglied einer Partei oder Gewerkschaft werden konnten. Allein schon deshalb war es ausgeschlossen, dass eine Frau in einem Streik von 1896 eine offizielle Position einnahm. So wird der Anteil von Frauen in dieser Auseinandersetzung erst bei n\u00e4herer Betrachtung deutlich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Leider l\u00e4sst sich nur \u00fcber die Agitatorin Marie Greifenberg etwas mehr sagen. Im Gegensatz zu feministischen b\u00fcrgerlichen Kreisen, die in den achtziger und neunziger Jahren auf das gezielte Verteilen von Petitionen setzten, versuchte die proletarische Frauenbewegung, ihre Basis \u00fcber Agitationstouren durch das Land zu verbreitern. Als Rednerinnen fungierten begabte Arbeiterinnen. Eine davon war Marie Greifenberg, geb. Fein, Ehefrau eines Kartonarbeiters (vgl. Sachse 2011). Im \u00dcbrigen standen Frauen auf beiden Seiten, traten also auch als Streikbrecherinnen in Erscheinung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Dem Streikf\u00fchrer Fritz Erfurth ging es nicht so sehr um eine Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverh\u00e4ltnisse, sondern um Grunds\u00e4tzliches, d.h. den Kampf um den Sozialismus. Weshalb sich die Auseinandersetzung radikalisierte. Das \u00f6ffentliche Leben in Lauterberg war stark beeintr\u00e4chtigt und ein Streikende nicht abzusehen. Zwar funktionierte die Unterst\u00fctzung der Streikenden durch den DHV (Deutscher Holzarbeiter Verband), doch kam dieser nach einigen Monaten an seine finanziellen Grenzen. Selbst in der sozialdemokratischen Presse mussten Gelder f\u00fcr den Ausstand in Lauterberg gesammelt werden, damit die Kasse des Holzarbeiterverbandes nicht vollst\u00e4ndige ausblutete. Schlie\u00dflich schritt die F\u00fchrung des DHV ein, um den Streik schnellstm\u00f6glich beizulegen. Inkognito reiste eine Gewerkschaftsdelegation aus Hamburg nach Lauterberg, um zuerst mit den Fabrikanten Kontakt aufzunehmen und deren Bedingungen f\u00fcr die Beilegung der Auseinandersetzungen zu erkunden und zu akzeptieren. Anschlie\u00dfend \u00a0brachten die DHV-Delegierten ihrer Basis bei, was diese nun zu tun hatte. Der Streikf\u00fchrer Fritz Erfurth, der gleichzeitig die SPD in Lauterberg anf\u00fchrte, wurde fallen gelassen. Er musste mit seiner Familie den Harz binnen 14 Tagen auf Nimmerwiedersehen verlassen. S\u00e4mtliche Arbeiterinnen und Arbeiter wurden zun\u00e4chst entlassen und mussten bei ihrer Wiedereinstellung eine Erkl\u00e4rung unterschreiben, dass sie kein Mitglied der Gewerkschaft waren (vgl. Das HolzArbeiterBuch 1993).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Solche Erfahrungen wirkten nach und trugen dazu bei, dass die sozialdemokratische Partei am Ort bedeutungslos blieb und sich zu Beginn des I. Weltkrieges aufl\u00f6ste. Doch existierte in Lauterberg weiterhin ein klassisches Proletariat. Insgesamt 17 gr\u00f6\u00dfere Betriebe besch\u00e4ftigten ca. 1700 Arbeiterinnen und Arbeiter. Hinzu kamen viele kleine Handwerksbetriebe. Landwirtschaft hatte hingegen kaum Bedeutung f\u00fcr den Ort.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Oberschicht repr\u00e4sentierte ein B\u00fcrgertum, das sich Villen bauen lie\u00df und mit den wohlhabenden Kurg\u00e4sten harmonierte. Bereits ab Sommer 1839 begann auf Initiative des Arztes Dr. Ritscher ein B\u00e4derbetrieb, weshalb die Stadt ab dem Jahr 1906 den Titel Bad tragen durfte. Bald besuchten mehr gut betuchte Kurg\u00e4ste die Stadt, als sie Einwohnerinnen und Einwohner z\u00e4hlte. Die sozialen Ungleichheiten zwischen Reich und Arm, B\u00fcrgertum und Proletariat, prallten somit unmittelbar und st\u00e4ndig aufeinander.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Novemberrevolution<\/strong><\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Im Kaiserreich behielt das B\u00fcrgertum die Z\u00fcgel fest in der Hand. Das zeigte sich vor allem bei der politischen Mitbestimmung. So waren in Bad Lauterberg bei den B\u00fcrgervorsteherwahlen des Jahres 1913 von den ca. 6000 Einwohnerinnen und Einwohnern nur 581 B\u00fcrger (unter 10 Prozent!) stimmberechtigt. W\u00e4hrend des Weltkrieges fanden keine Gemeindewahlen statt. Der Krieg f\u00fchrte zu einer drastischen Ver\u00e4nderung der sozialen Verh\u00e4ltnisse. Bereits ab 1915 wurden Lebensmittelkarten eingef\u00fchrt und im Jahr 1916 \u00fcbernahm die Oberste Heeresleitung unter den Gener\u00e4len Hindenburg und Ludendorff quasi die Regierung. Deutschland unterstand damit faktisch einer Milit\u00e4rdiktatur. Das gesamte \u00f6ffentliche Leben und die Industrie wurden dem Programm der totalen Kriegsf\u00fchrung unterworfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>F\u00fcr Bad Lauterberg hatte dies u.a. die Auswirkung, dass der R\u00fcstungsbetrieb \u201aKuhlmann\u2018, mit Stammsitz in R\u00fcstringen (Wilhelmshaven), eine Fabrik aufbaute. Mit dem Betrieb kamen im Jahr 1916 auch eine Anzahl von sozialistisch eingestellten Arbeitern aus der Nordseestadt in den Ort. Dass sich 1917 ein \u201aSozialdemokratischer Wahlverein\u2018 neu gr\u00fcndete, hat vermutlich mit den Arbeitern aus Wilhelmshaven zu tun. In jedem Falle hatte die Gruppe entscheidenden Anteil an der Bildung des Arbeiter &#8211; und Soldatenrates (ASR) 1918.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>F\u00fcr den 13. November 1918 kursierte in der Stadt ein Aufruf. Eine Volksversammlung sollte im Stadtzentrum bei der \u201aQuelle\u2018, einem \u00f6ffentlichen Brunnenpavillon, in dem eine Heilquelle sprudelte, stattfinden. Gegen 14 Uhr wurde eine rote Fahne auf dem Geb\u00e4ude angebracht und es sammelten sich Tausende von Menschen. Adolf Trauzettel, der Wortf\u00fchrer der Arbeiter aus Wilhelmshaven, er\u00f6ffnete die Versammlung, deren Tagesordnungspunkte waren: 1.) Bildung des Arbeiter- und Soldatenrates, 2.) Absetzung des B\u00fcrgermeisters und des Baumeisters, 3.) Verschiedenes.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es folgte die Wahl des vorl\u00e4ufigen Arbeiter- und Soldatenrates. Dessen Mitglieder legitimierte die Menge einfach durch Handzeichen. Zum Vorsitzenden wurde Adolf Trauzettel bestimmt. Ein wahrlich revolution\u00e4rer Schritt verband sich jedoch mit der Wahl von Lina Heidelberg in den ASR. Gew\u00e4hlt wurde sie sicher deshalb, weil sich viele Frauen unter den Versammelten befanden. Spontan w\u00e4hlten sie eine aus ihren Reihen ins revolution\u00e4re Gremium. Zwar erhielten Frauen durch die Revolution ihr aktives wie passives Wahlrecht, das war aber offiziell erst im Januar 1919 der Fall.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Bislang waren Frauen vor allem in b\u00fcrgerlichen Organisationen wie dem \u201aEvangelischen Frauenbund\u2018 oder dem \u201aVaterl\u00e4ndischen Frauenverein\u2018 aktiv. Dass sich Frauen, zumal Arbeiterinnen, f\u00fchrend in der sozialistischen Bewegung engagierten, blieb die Ausnahme. Obwohl sie klar in der sozialistischen Bewegung verortet werden kann, ist \u00fcber ein parteipolitisches Engagement von Lina Heidelberg nichts bekannt. Im November 1918 war sie 46 Jahre alt, hatte ihren Mann verloren und musste sechs Kinder allein gro\u00dfziehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Eine Urenkelin berichtete, das Lina Heidelberg als resolute, anpackende Pers\u00f6nlichkeit bekannt war, die sich nicht so leicht von Schwierigkeiten unterkriegen lie\u00df.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"793\" height=\"544\" class=\"wp-image-6075\" src=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/BL_quelle_web.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/BL_quelle_web.jpg 793w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/BL_quelle_web-300x206.jpg 300w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/BL_quelle_web-768x527.jpg 768w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/BL_quelle_web-705x484.jpg 705w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/BL_quelle_web-450x309.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 793px) 100vw, 793px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p><em>Abbildung: \u201aDie Quelle\u2018 in Bad Lauterberg. Ein 1846 errichteter Brunnenpavillon, oft Treffpunkt von Versammlungen und Demonstrationen. Im Jahre 1955 abgerissen. Foto: Felix Petz, 1890.<\/em><\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nach der Wahl zog die Demonstration zu dem nur wenige hundert Meter entfernt liegenden Rathaus. Es folgte die Absetzung von B\u00fcrgermeister und Baumeister. Abschlie\u00dfend wurde, unter allgemeinem Jubel, eine rote Fahne auf dem Rathaus gehisst (BLT \u2013 Bad Lauterberger Tageblatt , Nr. 133, 14.11.1918).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Obwohl der ASR offiziell die politische F\u00fchrung \u00fcbernommen hatte, blieben Verwaltung und Polizei unangetastet. Die meisten Mitglieder des ASR sahen ihre T\u00e4tigkeit lediglich als Provisorium. M\u00f6glichst bald sollten regul\u00e4re Neuwahlen stattfinden, um einen neuen Stadtrat und einen B\u00fcrgermeister zu bestimmen. Mehr als Symbolpolitik war dem ASR ohnehin nicht m\u00f6glich. Seine Mitglieder hatten keine Erfahrungen hinsichtlich der kommunalen Stadtverwaltung und mussten ihre Ma\u00dfnahmen stets mit dem Magistrat und dem B\u00fcrgervorsteherkollegium abstimmen. Politisch stand der ASR auf Seiten der SPD, distanzierte sich sogar \u00f6ffentlich von den Bolschewiki und dem Spartakusbund.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Wann sich eine \u00f6rtliche Sektion der USPD gr\u00fcndete, ist nicht bekannt. Inserate und Berichte im BLT dokumentieren ab April 1919 eine rege Parteiarbeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>B\u00fcrger<\/strong><\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>F\u00fcr den 27. November 1918 riefen angesehene B\u00fcrger aus Bad Lauterberg \u201edie \u00fcber 20 Jahre alten Mitglieder der <strong>b\u00fcrgerlichen Parteien<\/strong> (Hervorh. i. Orig., B.L.), M\u00e4nner und Frauen, auf\u201c, sich im Kursaal zusammen zu finden (BLT, 26.11.1918). Die bevorstehenden Wahlen f\u00fcr die konstituierende Nationalversammlung sollten besprochen werden. Dabei war die Bezeichnung \u201ab\u00fcrgerliche Parteien\u2018 eine Provokation gegen\u00fcber dem ASR und der sozialdemokratisch gesinnten Arbeiterschaft. Denn in der Novemberrevolution spielten die \u201ab\u00fcrgerlichen Parteien\u2018 \u00a0keine Rolle, l\u00f6sten sich auf bzw. bildeten sich gerade wieder neu.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der vormalige Anh\u00e4nger der rechtsradikalen \u201aDeutschen Vaterlandspartei\u2018, Direktor Dr. Bartels, f\u00fchrte das Wort. Jetzt, nach der Revolution, konnte von seiner rechtsnationalen Einstellung nat\u00fcrlich keine Rede mehr sein. Im Gegenteil, der Herr Direktor verk\u00fcndete, auf dem Boden der neuen Regierung Haase\/Ebert zu stehen. Dennoch m\u00fcsse er die Legitimation des ASR in Frage stellen. Eine Wahl einfach so mit Handzeichen, das ginge nicht. Damit kam Direktor Bartels aber beim vollz\u00e4hlig erschienenen ASR nicht durch. Bartels schwenkte daraufhin schnell um und kam auf\u2019s Wesentliche zu sprechen, schlie\u00dflich ginge es um die Rettung des Vaterlandes, wof\u00fcr die Wahl der Nationalversammlung eine dringende Voraussetzung sei. Geschickt versuchte Bartels, die Versammelten zu umgarnen. U.a. referierte Rektor Hoff \u00fcber die nun kommende Einheitsschule und die Lehrmittelfreiheit. \u201eEs solle alles geschehen zum Besten unserer Kinder, f\u00fcr die das Beste gerade gut genug sei.\u201c (Die Einf\u00fchrung der Einheitsschule und die Lehrmittelfreiheit scheiterten wenig sp\u00e4ter am Widerstand der b\u00fcrgerlichen Parteien.)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Noch lebte man von der Hoffnung, alles w\u00fcrde gut werden, USPD und SPD stellten ja mit Haase und Ebert gemeinsam eine rein sozialistische Revolutionsregierung. Lina Heidelberg schenkte der Entwicklung ihr Vertrauen: \u201eFrau Heidelberg erinnerte daran, was die Frauen im Kriege alles erlitten und geduldet haben. Alles sei so knapp, da\u00df es schwer sei, den Hunger zu stillen. Sogar von Seiten unserer Feinde seien die Leistungen der deutschen Hausfrau anerkannt und bewundert. W\u00e4hrend das Volk habe hungern und darben m\u00fcssen, sei in der kaiserlichen Hofhaltung alles vorr\u00e4tig gewesen: Zucker, Fett, Fleisch usw. Sie rief allen Frauen zu, getreulich auszuharren und der neuen Regierung ihr Vertrauen entgegen zu bringen.\u201c (BLT, 28.11.1918)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Alsdann wurde von Direktor Bartels die Katze aus dem Sack gelassen. Er schlug die Bildung eines B\u00fcrgerrates vor, der die Arbeit des ASR unterst\u00fctzen sollte. Hier untersch\u00e4tzten Bartels und seine B\u00fcrger die Intelligenz ihrer Kontrahenten. Der Schlosser Pfotenhauer wandte ein, dass der fr\u00fchere Klassenunterschied jetzt nicht mehr best\u00fcnde, es g\u00e4be nur noch Staatsb\u00fcrger, deshalb sei ein B\u00fcrgerrat \u00fcberfl\u00fcssig. Eine Gr\u00fcndung dieser Institution wurde mehrheitlich abgelehnt. Einer anderen Forderung musste nachgegeben werden, weil Frauen eben weder Arbeiter noch Soldaten waren. \u201eVorsitzender gab bekannt, da\u00df Frauen keine Mitglieder im A- und S-Rat sein k\u00f6nnten, wohl aber k\u00f6nnten sie bei der Beratung \u00fcber Lebensmittelversorgung usw. hinzugezogen werden. Dazu wurden von der Versammlung Frau Heidelberg, Frau Barsch und Frau Leinhos gew\u00e4hlt\u201c (BLT, 28.11.1918).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Radikalisierung<\/strong><\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>F\u00fcr den 19. Januar 1919 wurden die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung angesetzt, im Zuge dessen fanden kurz darauf auch Landtags- und Gemeindewahlen statt. Damit verlor der ASR seine Funktion. Was Dr. Bartels, der bei den Wahlen f\u00fcr die \u201aDeutsch-Hannoversche Partei\u2018 \u2013 nach dem hannoverschen Herrschergeschlecht kurz \u201aWelfenpartei\u2018 genannt \u2013 antrat, im Verein mit angesehenen B\u00fcrgern zum finalen Schlag gegen den ASR nutzen wollte. Es sei angemerkt das sich die \u201aWelfenpartei\u2018 im Zuge ihres Niedergangs ab 1924 in die DNVP und die NSDAP aufl\u00f6ste.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>F\u00fcr den 5. Februar 1919 beriefen angesehene B\u00fcrger im Kursaal eine \u00f6ffentliche Versammlung ein. Vorher verbreitete die \u201aWelfenpartei\u2018 Flugbl\u00e4tter gegen die \u00f6rtliche SPD, was mit dazu beitrug, dass \u00fcber 1000 Personen den Saal bis auf den letzten Platz f\u00fcllten. Mit dem ersten Tagesordnungspunkt wurde die Frage gestellt, ob die Besoldung des ASR im Interesse der Gemeinde w\u00e4re. Was die B\u00fcrger mit Verweis auf die Geldnot der Kommune verneinten, auch versuchten sie mit allerlei Argumenten den ASR zu diskreditieren und verlangten seine Absetzung. Damit \u00fcberspannten Dr. Bartels und die Seinen den Bogen. Es gab viel Widerspruch von den anwesenden sozialistisch gesinnten Arbeiterinnen und Arbeitern. Unter denen, die sich zu Wort meldeten, waren Lina Heidelberg und ihre Kollegin Ackermann (Vorname nicht bekannt). Es gab immer mehr Zwischenrufe, so dass Bartels schlie\u00dflich kapitulieren musste und den Vorsitz der Versammlung einem Angeh\u00f6rigen des ASR \u00fcbergab (BLT, 6.2.1919). Der ASR bestand weiter und l\u00f6ste sich erst im April 1919 auf. Zu diesem Zeitpunkt sorgte die Lebensmittelversorgung f\u00fcr Z\u00fcndstoff, die sich nach der Revolution in Bad Lauterberg zunehmend verschlechterte. Schuld daran gab man der Kreisverwaltung in Osterode, wo noch immer der kaiserliche Landrat Freiherr von Stockmar sein Amt aus\u00fcbte. Mit einer gro\u00dfen Demonstration machten die sozialistischen Parteien in Bad Lauterberg am 9. April 1919 auf diese Misere aufmerksam. F\u00fcr den Abend rief die USPD zum ersten Mal zu einer Versammlung in den Kursaal auf. Vorsitzender der USPD war der Angestellte Herrmann Stopperich. Sehr viel sp\u00e4ter, nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde Stopperich von den Alliierten als SPD-Vorsitzender eingesetzt und zog im Jahr 1949 als Direktkandidat des Wahlkreises Harz in den ersten Bundestag ein, dem er bis zu seinem Tode 1952 angeh\u00f6rte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Am 24. April 1919 wurde eine Kommission, bestehend aus 29 Lauterberger SPD- und USPD-Mitgliedern, beim Landrat in Osterode vorstellig. Dieser Vorsto\u00df wurde auch von 3000 Arbeiterinnen und Arbeitern in der Kreisstadt unterst\u00fctzt, die sich auf dem Marktplatz versammelten. Stopperich verlangte im Namen der Lauterberger Bev\u00f6lkerung den R\u00fccktritt des Landrats, doch dieser lehnte ab. Daraufhin verk\u00fcndete die Kommission, dass die Lauterberger Bev\u00f6lkerung den Landrat forthin als nicht mehr existent betrachten w\u00fcrde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Weiterhin agierten SPD und USPD gemeinsam und feiern den 1. Mai 1919 in Bad Lauterberg mit einem Umzug zum Sch\u00fctzenplatz. Mehrere tausend Menschen folgten dem Aufruf. Doch bald erfolgte ein tiefer politischer Bruch, der mit dem Einmarsch der Marinebrigade Ehrhardt am 13. M\u00e4rz 1920 in Berlin zusammenhing. Gegen den Kapp-Putsch riefen alle sozialistischen und demokratischen Parteien und Gewerkschaften zum Generalstreik auf. Dass sich ein Aktionsausschuss aus USPD und SPD in Bad Lauterberg bildete, der den Streik proklamierte, war keine Frage. Dar\u00fcber hinaus stellten linke Aktivisten eine Sicherheitswehr auf, der B\u00fcrger nicht angeh\u00f6ren durften. Allein das sorgte f\u00fcr viel Unmut beim B\u00fcrgertum. Wie konnte es sein, das die sozialistischen Parteien einfach ihre eigene bewaffnete Macht ins Leben riefen, um damit das \u00f6ffentliche Leben zu kontrollieren? Die Situation eskalierte, als in der Nacht des 17. M\u00e4rz Sch\u00fcsse auf ein bekanntes USPD-Mitglied abgegeben wurden. Seine Genossen handelten sofort, den B\u00fcrgern mussten ihre Waffen weggenommen werden. Das nun die Proleten der Sicherheitswehr ohne viel Federlesens ihre Wohnungen durchsuchten, war f\u00fcr viele B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger eine unfassbare Anma\u00dfung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Putsch brach bereits am 17. M\u00e4rz zusammen. W\u00e4hrend die gem\u00e4\u00dfigten Kr\u00e4fte den Streik daraufhin am 18. M\u00e4rz f\u00fcr beendet erkl\u00e4rten, wollten Linkssozialisten erst Bedingungen durchgesetzt wissen bzw. sahen Kommunisten und andere Linksradikale die Zeit f\u00fcr die proletarische Revolution gekommen. In einigen Regionen eskalierte das in bewaffneten K\u00e4mpfen. Auch die Sicherheitswehr in Bad Lauterberg wollte ihre Waffen nicht freiwillig abgeben. Schlie\u00dflich umstellte am 27. M\u00e4rz die Reichswehr die Stadt und erzwang die Waffenabgabe. Im Ergebnis f\u00fchrten die Auseinandersetzungen um den Kapp-Putsch zu einer Radikalisierung. Viele USPD-Mitglieder traten zur KPD \u00fcber und gr\u00fcndeten 1921 eine KPD-Ortsgruppe (BLT 16.3., 18.3. und 30.3.1920, sowie Skript M\u00e4nnel 1951\/1992).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Hungerrevolte<\/strong><\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Durch den verlorenen Krieg und den Versailler Vertrag war das Deutsche Reich wirtschaftlich ruiniert. Mangelhafte Lebensmittelversorgung und steigende Preise blieben ein st\u00e4ndiges Problem. Im Jahr 1923 eskalierte die Situation in einer Hyperinflation. Geld verlor st\u00fcndlich an Wert. Auf dem H\u00f6hepunkt der Geldentwertung im November 1923 entsprach der Kurs f\u00fcr einen US-Dollar 4,2\u00a0Billionen Reichsmark.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\">\r\n<figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1600\" height=\"762\" class=\"wp-image-6079\" src=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Teurung-Medaille.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Teurung-Medaille.jpg 1600w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Teurung-Medaille-300x143.jpg 300w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Teurung-Medaille-768x366.jpg 768w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Teurung-Medaille-1536x732.jpg 1536w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Teurung-Medaille-1500x714.jpg 1500w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Teurung-Medaille-705x336.jpg 705w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Teurung-Medaille-450x214.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 1600px) 100vw, 1600px\" \/><\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-media-text__content\">\r\n<p><em>Abbildung: Eine Inflationsmedaille dokumentiert die Geldentwertung. Hunger, Elend und Aufruhr waren die Folge, die staatliche Ordnung stand vor dem Kollaps.<\/em><\/p>\r\n<\/div>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Gesch\u00e4ftsleute horteten ihre Waren, hofften auf eine Aufwertung des Geldes, gute Lebensmittel bekam man nur noch auf dem Schwarzmarkt. Mit aller H\u00e4rte trafen diese Zust\u00e4nde die proletarische Bev\u00f6lkerung. Es ging den Menschen schlechter als im Krieg, es gab wieder Hunger. Das f\u00fchrte zu Unruhen, die fast den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung zur Folge hatten. Auch in Bad Lauterberg fanden Demonstrationen statt, die schlie\u00dflich eskalierten:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eBegonnen hat es am Rathaus, im kleinen Kurpark war eine Versammlung. Am kleinen Pavillon [&#8230;]. Die Leute waren w\u00fctend, weil sie hungerten und dabei wussten, dass die Speiskammern der Reichen voll waren. So einfach war das, und sch\u00f6ne Reden f\u00fcllen auch nicht den Magen. Da nahm dann Lina Heidelberg das Heft in die Hand. \u201aFrauen, lasst uns das selbst in die Hand nehmen. Die M\u00e4nner sind alles Flaschen!\u2018 \u00a0und so begann dann der Protest- und Hungermarsch durch Bad Lauterberg\u201c (Lebenserinnerungen Theo Schl\u00f6sser o.J.).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Umgehend wurden Lebensmittell\u00e4den und Gesch\u00e4fte von der Menge gest\u00fcrmt und gepl\u00fcndert. Der anwesende Stadtpolizist war machtlos. Erst zwei Tage nach der Hungerrevolte kam eine Hundertschaft nach Bad Lauterberg. Die Einheit wurde in einer Schule einquartiert und durchk\u00e4mmte in den folgenden Tagen Wohnungen der proletarischen Bev\u00f6lkerung. Einiges \u201aDiebesgut\u2018 wurde von den Polizisten noch gefunden, es folgten etliche Gerichtsverhandlungen. Zu den Verurteilten geh\u00f6rte auch Lina Heidelberg, sie wurde vom Landgericht G\u00f6ttingen wegen Landfriedensbruch zu drei Monaten und drei Wochen Haft verurteilt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Die Polizeihundertschaft blieb vorerst in Bad Lauterberg stationiert und ging mehrfach gegen kommunistische Versammlungen und einzelne Linke vor. H\u00f6hepunkt dieser Konfrontation war der mysteri\u00f6se Mord an dem Polizeiwachtmeister Alwin Hegener in der Nacht des 8. Oktober 1924:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eEs hing mit der Hungerrevolte zusammen. Am Bahnhof [&#8230;] war ein Schild wegen eines toten Sipo-Mannes [Sicherheitspolizei, B.L.] aufgestellt. Von dem war ein blutbesudeltes Notizbuch gefunden worden [&#8230;]. Es wurde aber nichts weiter gefunden [\u2026]. Man vermutete Rache, weil der Sipo den Ernst Struwe einmal furchtbar verpr\u00fcgelt hatte. Bei ihm wurde das ganze Haus ausger\u00e4umt [&#8230;]. Es wurde nichts gefunden. Dann stellte die Sipo in der MIAG [M\u00fchlenbau und Industrie Aktiengesellschaft, B.L.] Nachforschungen an, ob die Leiche im Kessel verbrannt worden war. Auch in der K\u00f6nigsh\u00fctte wurde gesucht, weil man sich erz\u00e4hlte, der Tote sei im Kupolofen verbrannt worden. Man hat dann die Suche eingestellt\u201c (Lebenserinnerungen von Theo Schl\u00f6sser).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Es gab auch den Verdacht, die Leiche sei im Wiesenbeker Teich versenkt worden. Das Gew\u00e4sser wurde abgesucht und sogar Taucher eingesetzt. Alle Bem\u00fchungen waren vergebens, die Leiche des Wachtmeisters wurde nie gefunden.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mitte der 1920er Jahre beruhigte sich die Situation. Im Jahr 1927 wurde Lina Heidelberg noch einmal wegen Beleidigung zu 40 Reichsmark Geldstrafe verurteilt. Welchen Hintergrund dieses Verfahren hatte, ist nicht bekannt. \u00dcber ein weiteres politisches Engagement von Lina Heidelberg finden sich keine Informationen. Sie starb (laut Melderegisterauskunft) am 17. August 1938, wenige Tage vor ihrem 66. Geburtstag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Quellenverzeichnis<\/strong><\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Helga Grebing, Hans-Otto Hemmer, Gottfried Christmann (Hg.) 1993: Das HolzArbeiterBuch. K\u00f6ln: Bund-Verlag GmbH, Kapitel II, S. 106 \u2013 110, Gottfried Christmann: \u201aRevolution im Harz, der Lauterberger Stuhlarbeiterstreik\u2018.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Jacobshagen 1969: Eberhard Jacobshagen: Die Entwicklung der SPD und KPD in der Weimarer Republik, dargestellt am Beispiel einer nieders\u00e4chsischen Kleinstadt: Bad Lauterberg. Schriftliche Hausarbeit f\u00fcr das Lehramt Geschichte an Volksschulen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Sachse 2011: Mirjam Sachse: Von \u201aweiblichen Vollmenschen\u2018 und Klassenk\u00e4mpferinnen. Dissertation, Kassel.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Teyke, Gudrun: Geschichte der SPD Bad Lauterberg, unter: <a href=\"https:\/\/spd-badlauterberg.de\/historie-des-ortsverein\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/spd-badlauterberg.de\/historie-des-ortsverein\/<\/a> (abgerufen am 1.7.2019)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Schl\u00f6sser o.J.: Theo Schl\u00f6sser: Lebenserinnerungen. Nicht gedrucktes Skript, im Besitz des Verfassers.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>M\u00e4nnel 1951\/1992: Eberhard M\u00e4nnel: Karl Peix ein K\u00e4mpfer gegen Krieg und Faschismus. \u00dcberarbeitetes handschriftliches Skript, im Besitz des Verfassers.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zeitungen<\/strong><\/h3>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Holzarbeiter-Zeitung. Zeitschrift f\u00fcr die Interessen aller Holzarbeiter. Publikationsorgan des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes, Nr. 25, Hamburg, 1896.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Bad Lautberger Tageblatt (BLT), erschien 1854 \u2013 1997<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Nr. 133, 65. Jahrgang, 14.11.1918, Ausgabe 6.2.1919, Ausgaben 16.3.1920, 18.3.1920. 30.3.1920<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Anteil von Frauen am Klassenkampf und Novemberrevolution am Beispiel Bad Lauterberg Autor: Bernd Langer|erschienen in undercurrents \u2013 Forum f\u00fcr linke Literaturwissenschaft im Juli 2019 Sie haben ihre Geschichte nicht aufgeschrieben. Den Arbeiterinnen und Arbeitern fehlte schlichtweg Sinn und Zeit daf\u00fcr. 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