{"id":6105,"date":"2019-11-14T20:19:00","date_gmt":"2019-11-14T20:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/?p=6105"},"modified":"2020-10-24T19:57:02","modified_gmt":"2020-10-24T19:57:02","slug":"the-only-serious-trouble","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/the-only-serious-trouble\/","title":{"rendered":"\u201eThe only serious Trouble\u201c"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der 9. November 1989 und die Antifa \u2013 eine pers\u00f6nliche Erinnerung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Bernd Langer<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend des 9. November 1989 hatte wir in G\u00f6ttingen mit unserer Antifa-Demo gerade, von der Geismar Stra\u00dfe kommend, die Ecke Wendenstra\u00dfe erreicht. Hier befand sich ein italienisches Restaurant, in dem sich Neonazis trafen. Grund f\u00fcr eine Zwischenkundgebung unserer <em>Anti-Pogrom-Demo<\/em>. Seit einiger Zeit stellten Neonazis ein erhebliches Problem dar. Im Dorf Mackenrode, 15 Kilometer von G\u00f6ttingen entfernt, residierte der \u00f6sterreichische Fr\u00fchrentner Karl Polacek und hatte sein Haus zu einem Zentrum f\u00fcr die <em>Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei<\/em> (FAP) gemacht. In der Partei organisierte sich die Skinheadszene um Thorsten Heise und J\u00f6rg Latzkowiak aus G\u00f6ttingen und Northeim. Eine Sonnenwendfeier im Dezember 1986 brachte die Neonazis zum Ersten mal in die Schlagzeilen. Seitdem kam es st\u00e4ndig zu Schl\u00e4gereien in der Innenstadt. FAP-Skins machten Jagd auf Schwule, verpr\u00fcgelten Ausl\u00e4nder und versuchten Linke anzugreifen. Als Gegenreaktion organisierte die autonome Szene Telefonketten. Bekannte WGs konnten damit in k\u00fcrzester Zeit eine ansehnliche Zahl von Militanten mobilisieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Niedergang der Autonomen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>In G\u00f6ttingen existierte eine gro\u00dfe autonome Szene. Sie hatte seit den 1970er Jahren in der Anti-AKW-Bewegung eine Rolle gespielt und war 1980 durch Hausbesetzungen in Erscheinung getreten. <em>Antifa<\/em> spielte hingegen bei den Autonomen kaum eine Rolle. Sicher gab es auch in G\u00f6ttingen Zusammenst\u00f6\u00dfe, aber eine kontinuierliche Antifa-Arbeit entwickelte erst der 1977 entstandene <em>Arbeitskreis Antifaschismus<\/em>, der sich vor allem aus dem <em>Kommunistischen Bund<\/em> (KB) rekrutierte und 1981 wieder von der Bildfl\u00e4che verschwand. Die erste autonome Antifa-Gruppe in G\u00f6ttingen initiierte ich 1983. Ihr geh\u00f6rten anfangs gar keine Autonomen an, sondern einige Anarchisten und ein paar jugendliche Aktivisten_innen, die nicht mit den Autonomen verwechselt werden wollten. Daher hie\u00df die Gruppe <em>Unabh\u00e4ngige Antifa<\/em>, der Name \u00e4nderte sich erst im Lauf des Jahres 1984 in \u201eAutonome Antifa\u201c. Ohnehin gingen die Aktionen in der Stadt nur zu einem Teil von den im autonomen Plenum organisierten Autonomen aus. Die \u00dcberg\u00e4nge in der politischen Subkultur waren flie\u00dfend, vor allem zu den sogenannten G\u00f6-Punks.<\/p>\n\n\n\n<p>Im November 1986 kam es erneut zu einer Welle von Hausbesetzungen. Eines dieser H\u00e4user lag in der Burgstra\u00dfe, unweit eines B\u00fcros, das vom NPD-Landesvorsitzenden Hans-Michael Fiedler betrieben wurde. Da die Polizei in der Defensive war, ergriffen wir die Gelegenheit, hackten ein Loch in das Rollo vor dem Schaufenster und stiegen in den Laden ein. Wenig sp\u00e4ter flog das Inventar nebst allen B\u00fcchern und Unterlagen auf die Stra\u00dfe. Einiges wurde zur Auswertung weggeschafft, mit dem Rest vor dem Laden ein gro\u00dfes Feuer entfacht. An dieser Aktion schieden sich wenig sp\u00e4ter die Geister, weil sie angeblich an die B\u00fccherverbrennung erinnert habe. Aber der Nazi-Krempel musste schnell vernichtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur selben Zeit erfuhr die autonome Bewegung auch bundesweit einen letzten Auftrieb durch den Super-GAU in Tschernobyl. Insbesondere die Auseinandersetzungen um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf spielten kurzfristig eine herausragende Rolle. Doch ein Grundproblem der Autonomen blieb: Abgesehen von der Phrase, dass man kollektiv und selbstbestimmt k\u00e4mpfen wollte und militant agierte, existierten keine Konzepte. Ohne eine weitergehende politische \u00dcberlegung f\u00fchrte die Militanz zwangsl\u00e4ufig in die Sackgasse.<\/p>\n\n\n\n<p>So kam das unvermeidliche Ende, bei dem die Startbahn-West am Flughafen Frankfurt am Main eine besondere Rolle spielte. Obwohl bereits seit 1984 in Betrieb, fanden weiterhin regelm\u00e4\u00dfig Aktionen statt. Bis bei einer n\u00e4chtlichen Demonstration am 2. November 1987 zwei Polizisten erschossen wurden. Die folgende Repression und die selbstzerfleischenden Diskussionen beschleunigten den Niedergang der autonomen Szene.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich l\u00f6ste sich die 1985 entstandene bundesweite autonome Antifa-Koordination auf. Die letzte gr\u00f6\u00dfere Aktion war eine Demonstration gegen das Herbstlager der Wiking-Jugend in Hetendorf bei Celle im Herbst 1987, die in einem Polizeikessel endete.<\/p>\n\n\n\n<p>In S\u00fcdniedersachsen traten die Neonazis immer offensiver in Erscheinung. Wie gef\u00e4hrlich die Entwicklung war, zeigte sich im Januar 1987, als Ingo Kretschmann, aus dem Dunstkreis der FAP um Polacek, beim Experimentieren mit Sprengs\u00e4tzen t\u00f6dlich verunfallte. Auch kam es nun in G\u00f6ttingen und Northeim permanent zu Zusammenst\u00f6\u00dfen mit Faschisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gegenschlag erfolgte durch das <em>Antifa-Kommando Siegbert und Lotte Rotholz<\/em>. Am 25. Juni 1987 brannten die Kellergarage samt Auto und Teile des Hauses von Karl Polacek nieder. Einen nachhaltigen Erfolg zeitigte das nicht. Nach kurzer Unterbrechung gingen die Auseinandersetzungen in G\u00f6ttingen weiter. Am Abend des 23. Januar 1988 griffen die Neonazis das <em>Jugendzentrum Innenstadt<\/em> (JuZI) an. Die Telefonkette funktionierte und die Nazis erlebten ihr blaues Wunder. Sie wurden durch die Stadt zu ihren Autos zur\u00fcckgepr\u00fcgelt, die Fahrzeuge demoliert. Das Eingreifen der Polizei unterband die Totalverschrottung, und der geschlagene Haufen wurde zur Autobahn geleitet. W\u00e4hrenddessen nahmen wir in der Innenstadt die Wohnung eines Neonazis auseinander. Alles Private, vom Foto bis zum Bankauszug, wurde zur Auswertung eingesackt, was von Wert und Nutzen war, sozialisiert und der Rest zu Kleinholz verarbeitet, selbst die Rigipsw\u00e4nde an einigen Stellen eingeschlagen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Antifaschistische Aktion<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>In der Presse war von Zusammenst\u00f6\u00dfen rivalisierender Jugendbanden zu lesen. Mit dieser Floskel wurde stets geleugnet, dass es sich um politische Auseinandersetzungen handelte. In der Bundesrepublik gab es ein Neonazi-Problem, aber es wurde nicht ernst genommen. Lediglich ein paar ewig Gestrige h\u00e4tten da einige Jugendliche um sich geschart. Das Thema w\u00fcrde sich in einigen Jahren biologisch von alleine erledigen. So predigten es Medien und die etablierten Parteien.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir mussten \u00fcberhaupt erst einmal darum k\u00e4mpfen, dass Antifa als Feld der politischen Auseinandersetzung wahrgenommen wurde. Die Gelegenheit ergab sich vor Ort, weil Gewerkschafter mit rechtsradikalen Einstellungen in den Betrieben konfrontiert waren. Es entstand ein B\u00fcndnis, das von Autonomen \u00fcber die Gr\u00fcnen bis zum DGB reichte. Damit betraten wir politisches Neuland. Kr\u00f6nung unserer Bestrebungen war die Antifa-B\u00fcndnisdemo am 7. Mai 1988 in Mackenrode. In 20 Reisebussen und etlichen Privatfahrzeugen fuhren 2.000 Demonstrantinnen und Demonstranten aus G\u00f6ttingen in das Dorf. Angef\u00fchrt von einem gro\u00dfen schwarzen Block ging es am FAP-Haus vorbei zur Abschlusskundgebung auf dem Dorfplatz. Das Haus wurde mit einigen Farbbeuteln und einzelnen Steinen beworfen. Ein Angriff fand aufgrund der B\u00fcndnisabsprachen aber nicht statt. Politisch gelang uns mit der Demo ein gro\u00dfer Erfolg. Nun waren Autonome als politische B\u00fcndnispartner anerkannt, und die Wahrnehmung der Antifa in der \u00d6ffentlichkeit \u00e4nderte sich. Um f\u00fcr diesen Weg zu werben, gaben wir eine Brosch\u00fcre \u00fcber die Demo heraus. Auf der Titelseite war die rote Fahne der Antifaschistischen Aktion abgebildet, die kurz vor der Mackerode-Demo fertig gestellt wurde und dort zum Ersten mal flatterte. Die Symbolik&nbsp; war neu und stellte einen kalkulierten Tabubruch dar, weil Autonome eigentlich keine roten Fahnen verwendeten. Bald kopiert, sollte diese Fahne das Symbol der Antifa-Bewegung werden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Altautonomen war ein B\u00fcndnis mit etablierten Kr\u00e4ften Verrat an der revolution\u00e4ren Sache. Man m\u00fcsse im Kampf auf die eigenen Kr\u00e4fte vertrauen und ein schwarzer Block das Haus auch tats\u00e4chlich angreifen, hie\u00df es in polemischen Papieren. Wenige Wochen sp\u00e4ter wurde das B\u00fcndnis beendet und ich, als Repr\u00e4sentant dieser Politik, aus der autonomen Antifa ausgeschlossen. Als Grund diente ein Kritikpapier an einer Aktion in Kassel, das mit <em>Einige Autonome Antifas<\/em> unterzeichnet war. Daraufhin behauptete die <em>Autonome Antifa<\/em>, ich w\u00fcrde in ihrem Namen Papiere ver\u00f6ffentlichen. Bei Autonomen bedeutete ein Gruppenausschluss auch soziale Ausgrenzung. Viele Treffpunkte waren damit tabu, Freundschaften gek\u00fcndigt. Ganz zur\u00fcckziehen wollte ich mich dennoch nicht und begann mit zun\u00e4chst zwei Personen an einer Ausstellung kriminalisierter Plakate zu arbeiten. Wir trafen uns regelm\u00e4\u00dfig im Keller des Gr\u00fcnen Zentrums als Ausstellungsgruppe. Zudem machte sich ein gesellschaftlicher Rechtsruck bemerkbar und wir mischten uns langsam wieder in das politische Geschehen ein und vergr\u00f6\u00dferten unseren Kreis. Das verlangte jedem Neuzugang einen bewussten Schritt ab. Denn sich zu dieser Gruppe zu bekennen bedeutete, dass der Umgang mit einigen Fraktionen aus der Szene nicht mehr m\u00f6glich war.<\/p>\n\n\n\n<p>1989 wurde zu einem Jahr bislang nicht gekannter Antifa-Aktivit\u00e4t. Ein Grund war die <em>DVU \u2013 Liste D<\/em> (Deutsche Volksunion). Zun\u00e4chst ein Verein, gr\u00fcndete sich die DVU 1987 als Partei. Von Anfang an arbeitete sie mit der NPD zusammen und errang bereits im Gr\u00fcndungsjahr ein Mandat in Bremerhaven. Der gro\u00dfe Coup war aber mit dem Einzug ins Europa-Parlament im Juni 1989 geplant. NPD und DVU traten gemeinsam als <em>Liste D<\/em> an und der DVU-Vorsitzende Gerhard Frey pulverte 18 Millionen DM in den Wahlkampf. Es gab eine Postwurfsendung f\u00fcr jeden bundesdeutschen Haushalt und eine Flut an \u00f6ffentlichen Wahlveranstaltungen. Ernsthafte Konkurrenz hatte die <em>Liste D<\/em> durch die 1983 gegr\u00fcndeten Republikaner, an deren Spitze seit 1985 Franz Sch\u00f6nhuber stand. Einstmals Freiwilliger der SS-Leibstandarte war Sch\u00f6nhuber nach dem Krieg ein anerkannter Journalist in Bayern, u. a. stellvertretender Chefredakteur des <em>Bayerischen Fernsehens<\/em> und Hauptabteilungsleiter des <em>Bayerischen Rundfunks<\/em>. Doch dann ver\u00f6ffentlichte der Veteran sein Buch <em>Ich war dabei<\/em>. Es folgte die fristlose K\u00fcndigung beim <em>Bayerischen Rundfunk<\/em>, wogegen der Geschasste klagte und vom Gericht eine Abfindung von 290.000 DM und die sofortige monatliche Pension von 7.000 DM zugesprochen bekam. Derart von finanziellen Sorgen befreit konnte sich Sch\u00f6nhuber mit ganzer Energie in die Politik st\u00fcrzen. In Westberlin gelangten die Republikaner im Juni 1989 mit&nbsp; 7,5 Prozent der Stimmen in den Senat. Erstmals war dies einer Partei rechts von der CDU gelungen. Ein allgemeiner Aufschrei ging durch die Republik, \u00fcberall gingen die Menschen gegen den rechtsradikalen Wahlsieg auf die Stra\u00dfen. Auch in G\u00f6ttingen kam es zu einer Spontandemo, \u00fcber die noch l\u00e4nger gesprochen wurde. Da die Polizei nicht so schnell reagieren konnte und nur einige Beamte zur Beobachtung abgestellt waren, verlegten wir die Demoroute kurzerhand durch das Warenhaus C&amp;A.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Europawahlkampf 1989 war dann bundesweit eine wahre Welle von <em>Liste-D<\/em>-Veranstaltungen angek\u00fcndigt. Vor der Stadthalle in G\u00f6ttingen ging es dabei am 13. Mai 1989 zwischen Antifas und der Polizei ziemlich zur Sache. Besonders die extra aus Westberlin angekarrte EbLT (Einheit f\u00fcr besondere Lagen und einsatzbezogenes Training) sorgte f\u00fcr Verhaftete und Verletzte. Einem beherzten Antifaschisten gelang es schlie\u00dflich, das Mikrofonkabel der NPD zu kappen. Weitere Veranstaltungen der <em>Liste D<\/em> in und um G\u00f6ttingen fanden dann nicht mehr statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztendlich scheiterte die Liste D bei den Europawahlen im Juni&nbsp; mit 1,6 Prozent an der F\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde. Das lag vor allem an den Republikanern, die ihre Konkurrenz \u00fcberfl\u00fcgelten und mit sieben Prozent der Stimmen ins Europaparlament einzogen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Anti-Pogrom-Demo<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>In diesen Auseinandersetzungen hatten wir uns, in einem \u00e4tzenden Ringen mit der autonomen Szene, profiliert, ohne einen Gruppennamen zu haben. Aufrufe unterzeichneten wir schlicht mit <em>Autonome Antifas aus G\u00f6ttingen<\/em> und verfolgten das Konzept einer breit angelegten Antifa-Arbeit, das von Geschichtsarbeit bis zu Militanz reichte. Letztere ging nat\u00fcrlich nicht von der legal agierenden Gruppe aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Geschichte und Inhalte sollten im Vordergrund stehen. Der 9. November als Datum von Novemberrevolution, Hitlerputsch und Reichspogromnacht bot sich in diesem Zusammenhang an. Historisches lie\u00df sich au\u00dferdem gut mit dem aktuellen Geschehen verbinden. So entstand die Idee zur Anti-Pogrom-Demo am 9. November 1989. Wir gewannen daf\u00fcr auch die Unterst\u00fctzung einiger anderer linken Gruppen. Zu einer von diesen geh\u00f6rte&nbsp; auch Conny Wessmann. Ein Transparent der Demo, das sie mitgestaltet hatte, sollte in den n\u00e4chsten Monaten noch oft zu sehen sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Demo fand am Abend statt. Die Route f\u00fchrte mit etlichen Zwischenkundgebungen durch die Stadt. Als wir in Richtung Albani-Kirche weiterzogen, sprach sich auf einmal herum, das in Berlin die Mauer gefallen sei. Wir nahmen das als Neuigkeit hin, ohne weiter darauf zu reagieren. In den letzten Monaten waren viele DDR-Fl\u00fcchtlinge \u00fcber die Botschaft in Prag oder die ungarische Grenze abgehauen. Dass in der DDR und in Osteuropa ein Umbruch im Gang war, konnte man nicht \u00fcbersehen. Der Fall der Mauer kam dann trotzdem \u00fcberraschend. Aber mit uns hatte das nichts zu tun. Unser Kampf ging weiter und eskalierte wenige Tage sp\u00e4ter, als Conny Wessmann bei einer Antifa-Aktion starb. Sie geh\u00f6rte zu einer Gruppe, die am 17. November \u00fcber eine Telefonkette mobilisiert worden war und sich den Neonazi entgegenstellen wollte. Von der Polizei sollte die Gruppe verhaftet werden, Conny wurde dabei vor ein Auto getrieben. Im Bundesgebiet und vor allem in G\u00f6ttingen kam es daraufhin zu Demos und militanten Aktionen. Seinen Abschluss fand die Emp\u00f6rung \u00fcber den Mord &nbsp;in einer bundesweiten Demonstration am 25. November 1989 in G\u00f6ttingen mit mehr als 15.000 Menschen. S\u00e4mtliche Schaufensterscheiben der gro\u00dfen Kaufh\u00e4user in der Innenstadt gingen zu Bruch, vor dem JuZI kam es zur Konfrontation mit der Polizei, die in die Flucht geschlagen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Trubel um den Mauerfall blieb Connys Tod ein Randthema. Auf den allgemeinen nationalen Wiedervereinigungstaumel reagierte die Linke mit der Kampagne \u201eNie wieder Deutschland&#8220;. Als politische Parole war das zwar eher populistischer Nonsens, doch auch in G\u00f6ttingen stellten wir unsere Aktionen unter diese \u00dcberschrift. Wenn die Bev\u00f6lkerung einen Staat v\u00f6llig reformieren und umgestalten w\u00fcrde, w\u00e4re das sicher ein interessantes Experiment, aber einen Anschluss der DDR lehnten wir ab. Er w\u00fcrde nur den Kapitalismus und die Kr\u00e4fte, die wir bek\u00e4mpften, st\u00e4rken. So ungef\u00e4hr war unsere Sicht der Dinge. Was einmal mehr zeigte, dass wir \u00fcberhaupt keine Ahnung hatten und vollst\u00e4ndig \u00fcberrascht waren. Vor der Grenz\u00f6ffnung bestanden so gut wie keine Kontakte in die DDR, autonome Strukturen existierten dort ohnehin nicht. Das entwickelte sich jetzt alles sehr schnell und bereits am 10. M\u00e4rz 1990 fand die erste autonome Antifa-Demo in Leipzig statt. \u00bbGegen Faschismus und die Einverleibung der DDR durch die BRD\u00ab lautete die Parole. Eine Abschlusskundgebung im Hauptbahnhof und selbstgestrickte Sturmhauben blieben mir in Erinnerung, doch weitere Kontakte ergaben sich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 15. M\u00e4rz 1990 riefen wir in G\u00f6ttingen zur Demo auf. Erstmals unter dem Namen Autonome Antifa (M). Es gab ein gro\u00dfes Transparent einer antiimperialistischen Gruppe mit der Aufschrift \u201eV\u00f6lkerrechtliche Anerkennung der DDR\u201c. Gar nicht anachronistisch war hingegen unsere Agitpropaktion am 2. Oktober 1990, dem Vorabend der sogenannten Wiedervereinigung. Vier Verkleidete (Kapitalist, Polizist, Militarist, SA-Mann), deren Gesichter als Totensch\u00e4del geschminkt waren, hielten ein Transparent mit dem Slogan \u201eWir begr\u00fc\u00dfen Deutschland!\u201c in Frakturschrift. Dazu wurden falsche Hunderter als Begr\u00fc\u00dfungsgeld unters Volk gebracht. Jeder DDR-B\u00fcrger und jede DDR-B\u00fcrgerin bekam nach der Grenz\u00f6ffnung 100 DM. Wir meinten, dass 100 Mark allen zustanden und druckten eine Neandertaler auf den Geldschein. Der Hunderter kam dann in einigen F\u00e4llen tats\u00e4chlich in Umlauf, was ein Verfahren wegen Herstellung und Verbreitung von Falschgeld nach sich zog.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>A<\/strong>ntifa contra Wiedervereinigung<\/h3>\n\n\n\n<p>Nach dieser Agitprop-Aktion zog unsere Demo durch die Stadt. Das <em>G\u00f6ttinger Tageblatt <\/em>berichtete am 3. Oktober 1989: \u201eSteine fielen, B\u00f6ller krachten: G\u00f6ttingen am Abend vor Deutschland\u201c. Und in der <em>New York Times <\/em>war zu lesen: \u201eThe only serious trouble was reportet in G\u00f6ttingen, a West German city near the former border, where about 1.000 radical youth went on a rampage, smashing windows and denouncing unity.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Agitprop-Aktion und Demo am 2. Oktober setzten wir in den folgenden drei Jahre in immer gr\u00f6\u00dferem Format fort. Dann wurden wir kriminalisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollten die Organisierung der Antifa-Bewegung, waren ma\u00dfgeblich an der Gr\u00fcndung der <em>Antifaschistischen Aktion\/Bundesweite Organisation<\/em> (AA\/BO) im Jahr 1992 beteiligt und verfolgten das Konzept eines revolution\u00e4ren, antikapitalistischen Antifaschismus. Dabei entpuppte sich die untergehende autonome Bewegung als unser gr\u00f6\u00dfter Widersacher. Allein f\u00fcnf Aktenorder f\u00fcllten die Kritikpapiere gegen den Organisierungsprozess.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrenddessen steigerte sich der Stra\u00dfenterror der Neonazis. Allein von Oktober 1990 bis Mitte Juni 1991 gab es neun Tote. Darunter war der 21j\u00e4hrige Wehrdienstleistende Alexander Selchow, der in der Silvesternacht 1990 in Rosdorf von Neonazis erstochen wurde. Die T\u00e4ter stammten aus dem Kreis um Polacek in Mackenrode, der sich kurz darauf in einer Illustrierten mit einem gro\u00dfen Messer beim Interview ablichten lie\u00df. Darauf musste es eine Antwort geben! Die sollte nach der Gedenkdemo f\u00fcr Alex am 5. Januar 1991 mit 5.000 Menschen erfolgen, doch der Aufruf, im Anschluss nach Mackerode zu fahren, wurde vom Veranstalter verhindert. Erst im Herbst sollte es dazu kommen. Wir hatten erfahren, dass in Mackenrode ein Schulungswochenende der FAP stattfand. Im JuZI versammelte sich ein Plenum und zerredete die Idee nach Mackenrode zu fahren. Schlie\u00dflich stand ich auf und sagte, dass ich losfahren w\u00fcrde, wer Bock h\u00e4tte, solle sich anschlie\u00dfen. Man schrieb den 26. Oktober 1991 als wir am helllichten Tag Mackenrode erreichten. Es war davon auszugehen, dass wir irgendwann vor dem Haus von der Polizei gestoppt werden w\u00fcrden. Doch es war nur eine Zivilstreife vor Ort, die das Geb\u00e4ude aus der Entfernung beobachtete. Was nun passierte, h\u00e4tte man sich nicht besser ausdenken k\u00f6nnen. Sonst griffen Nazis immer linke Projekte an, hier war es andersherum. Wie wir ausstiegen, formierten wir uns zum Frontalangriff auf das FAP-Haus. Nazis in Parteiuniformen mit Schulterriemen kamen aus dem Geb\u00e4ude. Nur sie und wir auf der Stra\u00dfe. Steine, Mollis, Zwillen \u2013 auf die Fresse. Vier schwerverletzte Neonazis lagen auf der Stra\u00dfe, dazu weitere, die sich mit blutigen K\u00f6pfen noch auf den Beinen halten konnten, und verw\u00fcstete Vorg\u00e4rten lie\u00dfen wir nach ca. 15 Minuten zur\u00fcck. Das war europaweit eine Zeitungsmeldung wert. Von uns hat es keine(n) erwischt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Erfolgreiche B\u00fcndnisarbeit<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Sicher war dies eine herausragende Aktion, doch vor allen Dingen wurden wir durch die Wiederaufnahme der B\u00fcndnisdemonstrationen zu einem regionalen Faktor. Es gab noch zwei dieser B\u00fcndnisdemos, eine 1993 zum Wohnhaus des NPD-Funktion\u00e4rs Hans Michael Fiedler in Adelebsen mit mehr als 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die andere 1994 zum Wohnhaus des damaligen FAP-Funktion\u00e4rs Thorsten Heise in Northeim mit mehr als 3.000 Menschen. Die Demos waren angek\u00fcndigt, aber nicht angemeldet und stets von einem breiten B\u00fcndnis bis hin zu den Gr\u00fcnen und dem DGB unterst\u00fctzt, angef\u00fchrt von einem voll ausger\u00fcsteten schwarzen Block von mehr als 1.000 Antifas. Wir bestimmten die Demonstrationen, inhaltlich und visuell. Der schwarze Block wurde als taktisches Mittel eingesetzt, Angriffe gingen von ihm nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Kampf war erfolgreich: Der Ausbreitung des Neofaschismus haben wir auf Jahre hinaus Einhalt geboten. Doch in die Zeit unserer gr\u00f6\u00dften politischen Erfolge fiel die Kriminalisierung. Der Staat ermittelte gegen uns wegen der \u201eBildung einer terroristischen Vereinigung&#8220; (\u00a7 129a). Selbst daran sind wir nicht gescheitert. Aber das w\u00e4re bereits eine andere Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"1010\" src=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Hunderter_klein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6156\" srcset=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Hunderter_klein.jpg 1000w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Hunderter_klein-297x300.jpg 297w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Hunderter_klein-80x80.jpg 80w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Hunderter_klein-768x776.jpg 768w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Hunderter_klein-36x36.jpg 36w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Hunderter_klein-698x705.jpg 698w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Hunderter_klein-120x120.jpg 120w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Hunderter_klein-450x455.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Abbildung: Der Wi(e)dervereinigungs-Hunderter oder Neandertaler, am Abend des 2.10.1990 in G\u00f6ttingen verteilt. Einige Scheine gerieten in Umlauf, was Ermittlungen wegen Herstellung und Verbreitung von Falschgeld nach sich zog.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 9. November 1989 und die Antifa \u2013 eine pers\u00f6nliche Erinnerung Bernd Langer Am Abend des 9. November 1989 hatte wir in G\u00f6ttingen mit unserer Antifa-Demo gerade, von der Geismar Stra\u00dfe kommend, die Ecke Wendenstra\u00dfe erreicht. Hier befand sich ein italienisches Restaurant, in dem sich Neonazis trafen. Grund f\u00fcr eine Zwischenkundgebung unserer Anti-Pogrom-Demo. Seit einiger [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":6158,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16,14],"tags":[270,281,282,283,285,261,284,280],"class_list":["post-6105","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuell","category-hauptartikel","tag-270","tag-anschluss","tag-antifa-m","tag-autonome","tag-falscher-hunderter","tag-fap","tag-neandertalter","tag-wiedervereinigung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6105","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6105"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6105\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6247,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6105\/revisions\/6247"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6158"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6105"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6105"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6105"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}