{"id":6113,"date":"2019-11-21T19:15:00","date_gmt":"2019-11-21T19:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/?p=6113"},"modified":"2020-10-24T19:58:31","modified_gmt":"2020-10-24T19:58:31","slug":"die-tode-von-conny-und-alex","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/die-tode-von-conny-und-alex\/","title":{"rendered":"Die Tode von Conny und Alex"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vor 30 Jahren in G\u00f6ttingen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Man schrieb Freitag, den 17. November 1989, es war eine kalte Novembernacht. In Northeim hatte ich einen Dia-Vortrag \u00fcber Neonazis gehalten und war auf der R\u00fcckfahrt nach G\u00f6ttingen. Da flackerte von Ferne auf der Weender Landstra\u00dfe Blaulicht in der H\u00f6he des Iduna Zentrums. Ein Polizeieinsatz gegen 21.30 Uhr, direkt gegen\u00fcber des Uni-Gel\u00e4ndes, da musste Stress mit Neonazis der Grund sein. Seit das Haus des Fr\u00fchrentners Karl Polacek (1934 \u2013 2014) in Mackenrode der FAP (Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei) als St\u00fctzpunkt diente, kam es jedes Wochenende zu Schl\u00e4gereien in der Stadt. Wir hatten f\u00fcr solche F\u00e4lle Telefonketten organisiert um in K\u00fcrze militante Gegenwehr auf der Stra\u00dfe organisieren zu k\u00f6nnen. Neben den Nazis stand allerdings stets sch\u00fctzend die Polizei. Das im Hinterkopf stellte ich mein Auto ab und n\u00e4herte mich einer merkw\u00fcrdigen Szene. Einige Genoss_innen aus der autonomen Bewegung liefen konfus herum, andere lagen sich weinend in den Armen. Dazwischen Polizisten, die nicht so recht wussten was zu tun war. Es musst gerade eben passiert sein. Stadtausw\u00e4rts lief der Verkehr noch. Auf der abgesperrten Fahrbahn in Richtung Stadt, stand ein wei\u00dfer PKW mit zersplitterter Frontscheibe und offener Fahrert\u00fcr. Einige Meter davon entfernt lag r\u00fccklings eine Frau auf der Fahrbahn. Sie war offensichtlich im hohen Bogen durch die Luft geschleudert worden. Verletzungen waren nicht zu erkennen, das Gesicht war zur Seite gedreht. Doch unter der reglos daliegenden breitete sich eine gro\u00dfe Blutlache aus, die in der K\u00e4lte kondensierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauerte einige Zeit bis der Notarztwagen eintraf und kurz darauf ein weiteres Fahrzeug heran fuhr. Die hinteren T\u00fcren des Wagens \u00f6ffneten sich, und ein Zinksarg kam zum Vorschein. Zwei M\u00e4nner stellten die Blechkiste neben die Tote und nahmen den Deckel ab. Als die Leichentr\u00e4ger den leblose K\u00f6rper in den Blechsarg hoben, machte das endg\u00fcltig klar, die Frau auf dem Asphalt, Kornelia Wessmann, genannt Conny, 24 Jahre, Studentin, war wirklich tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verantwortung f\u00fcr diesen Tod hatte die Polizei, wie bei den drei anderen Toten aus der Bewegung zuvor. Olaf Ritzmann, der in Hamburg bei einer Anti-Strau\u00df-Demo 1980 sterben musste. Klaus J\u00fcrgen Rattay, Hausbesetzer in Westberlin, der 1981 in den flie\u00dfenden Verkehr getrieben wurde. G\u00fcnter Sare, den bei einer Anti-NPD Demonstration in Frankfurt\/Main 1985 ein Wasserwerfer \u00fcberrollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie in diesen F\u00e4llen musste eine Antwort her! In vielen St\u00e4dten der BRD gingen Menschen auf die Stra\u00dfe und es gab einige Sachsch\u00e4den. Vor allem in G\u00f6ttingen, wo es eine Woche lang t\u00e4glich zu Demonstrationen kam und in der Innenstadt st\u00e4ndig Scheiben von Banken und Kaufh\u00e4usern zu Bruch gingen. Den Abschluss bildete eine bundesweite Demo am 25.11.1989.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Polizei hielt sich, abgesehen von Vorkontrollen auf der Autobahn, vollst\u00e4ndig zur\u00fcck. Kein Polizist war in der N\u00e4he der Demo zu sehen. Mehr als 18.000 Menschen kamen zusammen, vorn ging ein gro\u00dfer schwarzer Block und die Fahne der <em>Antifaschistischen Aktion<\/em> mit Trauerflor wehte an der Spitze.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab der Kreuzung der Weender Landstra\u00dfe, lief die Demo bis zur Todesstelle als Schweigemarsch. Erst auf dem R\u00fcckweg setzte kurz vor dem erreichen der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone donnernd der Sprechchor: \u201eFeuer und Flamme f\u00fcr diesen Staat!\u201c ein. Die Worte hallten in der breiten Einkaufsstra\u00dfe wie ein Racheschrei. Dann zerlegten wir die Innenstadt. Wobei darauf geachtet wurde, das niemand pl\u00fcnderte.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende, als sich die Demonstration am Jugendzentrum Innenstadt aufl\u00f6ste, preschte pl\u00f6tzlich eine Hundertschaft frontal in die Versammelten. Sofort hagelte es Steine, Flaschen, Feuerwerksk\u00f6rper und Molotowcocktails auf die Polizisten, die derbe einstecken mussten und fl\u00fcchteten.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Region S\u00fcdniedersachsen war Connys Tod von gro\u00dfer Bedeutung. Die Antifa-Bewegung erlebte einen gro\u00dfen Aufschwung und das Verhalten der Polizei geriet unter \u00f6ffentlichen Druck. Daran \u00e4nderten auch die Sachsch\u00e4den in der Innenstadt nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch durch den Mord an dem 21-j\u00e4hrigen Wehrdienstleistenden Alexander Selchow in der Silvesternacht 1991 blieb Antifa ein Thema. Zwei FAP-Anh\u00e4nger erstachen den Bundeswehrsoldaten in Rosdorf bei G\u00f6ttingen. Diese Tat hatte allerdings mit dem Tod von Conny wenig zu tun. Der Mord an Alex geh\u00f6rte eher zu der rechtsradikalen Gewaltwelle die durch Anschluss der DDR an die BRD entstand. Allein die Statistik der Bundesregierung f\u00fchrt 83 Todesopfern seit 1990 durch rechtsradikale Gewalttaten auf.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1505\" height=\"1027\" src=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Conny_Alex_Foto.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6127\" srcset=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Conny_Alex_Foto.jpg 1505w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Conny_Alex_Foto-300x205.jpg 300w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Conny_Alex_Foto-768x524.jpg 768w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Conny_Alex_Foto-1500x1024.jpg 1500w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Conny_Alex_Foto-705x481.jpg 705w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Conny_Alex_Foto-450x307.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 1505px) 100vw, 1505px\" \/><figcaption><strong>G\u00f6ttingen, Januar 1991.<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 30 Jahren in G\u00f6ttingen Man schrieb Freitag, den 17. 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