{"id":6116,"date":"2020-03-21T13:09:02","date_gmt":"2020-03-21T13:09:02","guid":{"rendered":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/?p=6116"},"modified":"2020-10-21T19:01:36","modified_gmt":"2020-10-21T19:01:36","slug":"25-jahre-fap-verbot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/25-jahre-fap-verbot\/","title":{"rendered":"25 Jahre FAP-Verbot"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Ende der letzten legalen, bundesweiten Neonazi-Partei<\/h3>\n\n\n\n<p>Vorrangiges Thema der Rechtsradikalen ist Anfang der 1970er Jahre die neue Ostpolitik der Bundesregierung. Vor allem geht es um die staatsrechtliche Anerkennung der DDR und der Oder-Nei\u00dfe-Linie, ohne die Anspr\u00fcche auf diese Gebiete vollends aufzugeben. Dagegen mobilisiert die NPD im Jahr 1970 mit der <em>Aktion Widerstand<\/em>, der sich viele rechtsradikale Zirkel anschlie\u00dfen. In diesem Zusammenhang kommt auch der dem Hitlergru\u00df \u00e4hnelnde Widerstandsgru\u00df mit erhobenem rechtem Arm und abgespreizten drei Fingern auf. S\u00e4mtliche Veranstaltungen der <em>Aktion Widerstand<\/em> verlaufen gewaltt\u00e4tig, so das sich die NPD bereits im folgenden Jahr gezwungen sieht, die Organisation aufzul\u00f6sen. Dennoch hat diese kurze Zeit zu einem Radikalisierungsschub samt Generationenwechsel gef\u00fchrt. Nun entstehen Wehrsportgruppen und Neonazi-Parteien nach Vorbild der NSDAP sowie der Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine zentrale Rolle spielt der Anfang 1977 wegen seiner Gesinnung aus der Bundeswehr entlassene Michael K\u00fchnen. Mit dem Deutschamerikaner Gary Lauck gr\u00fcndet K\u00fchnen im selben Jahr den <em>SA-Sturm Hamburg<\/em> als Teil der <em>NSDAP\/AO (<\/em>sowohl <em>Aufbau- <\/em>als auch <em>Auslands-Organisation)<\/em>. \u00dcber Lauck gelangt in den n\u00e4chsten Jahren Hakenkreuz-Propagandamaterial aus den USA in die BRD. Darunter auch die Zeitung <em>NS-Kampfruf<\/em>, in der K\u00fchnen seine programmatische Schrift <em>Die zweite Revolution<\/em> ver\u00f6ffentlicht. Internationales Aufsehen erregt die von K\u00fchnen, Christian Worch und anderen gegr\u00fcndete ANS (<em>Aktionsfront Nationaler Sozialisten<\/em>) 1978 in Hamburg mit der \u201eEselmasken-Aktion\u201c. Einige Neonazis setzen sich entsprechende Masken auf und h\u00e4ngen sich Schilder mit der Aufschrift \u201eIch Esel glaube noch, dass in deutschen KZs Juden \u201avergast\u2018 wurden\u201c um. Dieser Aufmarsch wird nach wenigen Metern von der Polizei unterbunden. Es gibt aber Filmaufzeichnungen, die als Sensationsnachrichten weltweit ausgestrahlt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es dauert nicht lange und K\u00fchnen sitzt zum ersten Mal im Knast. W\u00e4hrend der Haft ereignet sich 1981 ein Fememord. Das ehemalige ANS-Mitglied Johannes B\u00fcgner wird wegen erwiesener Homosexualit\u00e4t von seinen Kameraden mit 20 Messerstichen ermordet, die Kehle durchgeschnitten. K\u00fchnen distanziert sich von dieser Tat, die ihn aufgrund seiner eigenen sexuellen Neigung nicht in Ruhe l\u00e4sst. Zun\u00e4chst aber geht die neonazistische Aufbauarbeit ohne weitere interne Konflikte weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 1983 vereinigt sich die ANS mit den NA (<em>Nationalen Aktivisten<\/em>) zur bundesweit agierenden ANS\/NA, die noch im selben Jahr verboten wird. Mit diesem Verbot haben die Neonazis gerechnet und Kontakt mit der FAP (<em>Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei<\/em>) aufgenommen. Die 1979 vom ehemaligen HJ-F\u00fchrer und nachmaligen NPD-Funktion\u00e4r Martin Pape in Stuttgart gegr\u00fcndete Partei ist bis zu diesem Zeitpunkt eine unbedeutende, regionale Erscheinung. Das \u00e4ndert sich mit der \u00dcbernahme der FAP durch die verbotene ANS\/NA. Aus taktischen Gr\u00fcnden tritt K\u00fchnen selbst nicht in die FAP ein, die schnell zu der angesagtesten Neonazi-Partei der BRD wird.<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fchnen ver\u00f6ffentlicht dann 1986 die Brosch\u00fcre <em>Nationalsozialismus und Homosexualit\u00e4t<\/em>, die er dem ermordeten B\u00fcgner widmet. Ein direktes Outing findet sich zwar nicht im Text, trotzdem gilt er auch als \u00f6ffentliches Bekenntnis K\u00fchnens. Der Text f\u00fchrt zu einer erbittert gef\u00fchrten internen Auseinandersetzung. An deren Ende gilt Homosexualit\u00e4t, zumindest in gr\u00f6\u00dferen Teilen der rechtsradikalen Szene, nicht mehr als \u201eperverse Entartung\u201c. K\u00fchnen stirbt 1991 an AIDS.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Programmatik K\u00fchnens folgend versucht die FAP ein m\u00f6glichst getreues Abbild der NSADP darzustellen. Es gibt Standarten sowie eine Art Parteiuniform, man tr\u00e4gt Schulterriemen, Gebietsdreieck und Feldm\u00fctze mit SS-Totenkopf. Das \u00c4u\u00dfere zeigt, dass es sich bei der FAP eher um einen Schl\u00e4gerhaufen handelt, der sich in der Nachfolge der SA begreift. Parlamentarisch bleibt die Partei denn auch absolut bedeutungslos und erreicht Wahlergebnisse meist unter 1 Prozent. Zu ihrer Hochzeit, Anfang der 1990er Jahre, z\u00e4hlt die Partei maximal 1.000 Mitglieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorsitzender der FAP ist seit 1988 bis zu ihrem Verbot 1995 Friedhelm Busse (1929 \u2013 2008).<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> \u00dcber die NPD ist Busse, der auch \u00fcber Kontakte zur NSDAP\/AO verf\u00fcgt, an der Gr\u00fcndung der <em>Aktion Widerstand<\/em> beteiligt und wird kurz darauf wegen st\u00e4ndiger gewaltt\u00e4tiger \u00dcbergriffe aus der Partei ausgeschlossen. 1971 gr\u00fcndet er die <em>Partei der Arbeit\/Deutsche Sozialisten<\/em><em> <\/em>die sich ab 1975 VSBD\/PdA (<em>Volkssozialistische Bewegung Deutschland\/Partei der Arbeit<\/em>) nennt. Die VSBD wird nach einer Schie\u00dferei mit zwei Toten<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Anfang 1982 verboten. Busse kommt f\u00fcr mehr als drei Jahre in den Knast und wird bald nach seiner Haftentlassung FAP-Vorsitzender.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den fr\u00fchen Zentren der neuen FAP z\u00e4hlt S\u00fcdniedersachsen. Im Dorf Mackenrode bei G\u00f6ttingen lebt der \u00f6sterreichische Fr\u00fchrentner Karl Polacek (1934 \u2013 2014) in seinem Haus, das ab Mitte der 1980er Jahre als Parteizentrum dient. Es gelingt Polacek, Einfluss auf die Skinhead-Szene zu gewinnen, zu dessen Vertretern Thorsten Heise aus Northeim z\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Aufbau der Neonazi-Strukturen trifft in S\u00fcdniedersachsen jedoch auf den Widerstand der Antifa-Bewegung. Mittels permanenter militanter Konfrontationen, deren H\u00f6hepunkt ein Frontalangriff auf das Haus w\u00e4hrend einer FAP-Schulung 1991 darstellt, Anschl\u00e4gen, Aufkl\u00e4rungsarbeit und Demonstrationen, gelingt es, die Neonazis in ihre Schranken zu weisen.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Als Polacek 1992 nach \u00d6sterreich abgeschoben wird, verlagert sich der Schwerpunkt der FAP nach Northeim, zum Wohnhaus von Thorsten Heise. Dort findet 1994 eine Antifa-Demo mit mehr als 3.000 Menschen der Autonomen Antifa (M) statt. Anschlie\u00dfend durchsucht die Polizei das von Neonazis verbarrikadierte Anwesen von Thorsten Heise. Wenige Monate sp\u00e4ter wird die FAP verboten. Das Verbot wird aufgrund fehlender Parteieigenschaften nach Vereinsrecht durchgef\u00fchrt. Fast s\u00e4mtliche Kader der FAP treten bald darauf (wieder) in die NPD ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen solchen bundesweiten Zusammenschluss wie die FAP hat die Neonaziszene bislang nicht mehr zustande gebracht. Heute existieren mit der Neonazisekte <em>III. Weg<\/em>, der Kleinstpartei <em>Die Rechte<\/em>, der diffusen Szene der <em>Freien Kameradschaften<\/em> und der erheblich geschrumpften NPD vier Fraktionen. \u00dcbrig geblieben ist auch Thorsten Heise, dem Ambitionen auf den NPD-Vorsitz nachgesagt werden. Wir werden sehen, was daraus wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Nom_4_6_1994-1-2000x1388.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6119\"\/><figcaption><strong>Foto: Verbrennen der FAP-Standarte vor dem Haus von Thorsten Heise bei der Antifa-Demo in Northeim am 4.6.1994.<\/strong><br><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Busses Vater ist bereits 1920 Mitglied der NSDAP und SA-Sturmbannf\u00fchrer im Ruhrgebiet. In diesem Geiste erzogen meldet sich Busse, im Jahr 1944 mit gerade mal 15 Jahren freiwillig zur <em>SS-Division-Hitlerjugend<\/em> und erlebt im letzten Aufgebot als Panzerj\u00e4ger den Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Bereits am 24. Dezember 1980 will das VSBD Mitglied Frank Schubert in seinem Auto Waffen aus der Schweiz schmuggeln. Als ihn an der Grenze Schweizer Z\u00f6llner kontrollieren wollen, erschie\u00dft er zwei der Beamten und verletzt zwei weitere, anschlie\u00dfend erschie\u00dft sich Schubert selbst. Im Oktober 1981 stoppt die Polizei in M\u00fcnchen ein Auto mit f\u00fcnf VSBD Mitgliedern die von der Wohnung Busses zu einem Bank\u00fcberfall aufbrechen. Es kommt zu einer Schie\u00dferei bei der zwei VSBD-Mitglieder sterben und einer schwer verletzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Es sollte nicht vergessen werden, dass in diesem Zusammenhang drei Menschen in G\u00f6ttingen ihr Leben verlieren. 1987 verungl\u00fcckt der Neonazi Ingo Kretschmann, der zuvor einige Zeit im FAP-Haus in Mackenrode gelebt hat, beim Experimentieren mit selbstgebastelten Sprengk\u00f6rpern t\u00f6dlich. 1989 wird Conny Wessmann von der Polizei bei einer Antifa-Aktion vor ein Auto getrieben. In der Nacht zum 1. Januar 1991 wird Alexander Selchow von einem FAP-Mitglied erstochen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ende der letzten legalen, bundesweiten Neonazi-Partei Vorrangiges Thema der Rechtsradikalen ist Anfang der 1970er Jahre die neue Ostpolitik der Bundesregierung. Vor allem geht es um die staatsrechtliche Anerkennung der DDR und der Oder-Nei\u00dfe-Linie, ohne die Anspr\u00fcche auf diese Gebiete vollends aufzugeben. 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