{"id":6159,"date":"2016-03-22T08:04:28","date_gmt":"2016-03-22T08:04:28","guid":{"rendered":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/?p=6159"},"modified":"2020-10-24T19:49:26","modified_gmt":"2020-10-24T19:49:26","slug":"es-gilt-die-tat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/es-gilt-die-tat\/","title":{"rendered":"Es gilt die Tat!"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>90 Jahre Mitteldeutscher Aufstand<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Zischend h\u00e4lt die Lokomotive des Sp\u00e4tzuges aus Berlin im Bahnhof Kloster-Mansfeld. Es sist die Nacht zum 22. M\u00e4rz 1921, die alte Maschine muss Wasser tanken. Eine g\u00fcnstige Gelegenheit f\u00fcr sechs M\u00e4nner, ihr Abteil zu verlassen und unbemerkt zu verschwinden. Die Gruppe hat ein klares Ziel: sie will einen bewaffneten Aufstand initiieren, einen B\u00fcrgerkrieg, Klasse gegen Klasse! Ihr Anf\u00fchrer ist der steckbrieflich gesuchte Max Hoelz.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoelz, 1889 in Moritz bei Riesa geboren und zun\u00e4chst christlich orientiert, meldete sich bei Ausbruch des I. Weltkrieges als Freiwilliger. Seine Erlebnisse als Frontsoldat f\u00fchrten dazu, dass er sich Ende 1918 der USPD und bereits im Fr\u00fchjahr 1919 der KPD anschloss. W\u00e4hrend der Abwehrma\u00dfnahmen gegen den Kapp-Putsch 1920 versuchte er, eine \u201eVogtl\u00e4ndische Rote Armee\u201c aufzubauen, und zog dann tats\u00e4chlich mit einer bewaffneten Truppe durch diese Region. Er legte f\u00fcnf Villen in Schutt und Asche, enteignete Geld und andere n\u00fctzliche Dinge. Sein allzu eigenm\u00e4chtiges Vorgehen dabei f\u00fchrte zu seinem umgehenden Ausschluss aus der KPD wegen Disziplinlosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das rote Herz<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Kloster-Mansfeld liegt im Mitteldeutschen Industriegebiet, das den Bezirk Halle-Merseburg und das Mansfelder Land<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> umfasst. Zur Region Mitteldeutschland z\u00e4hlen die Braunkohlereviere von Bitterfeld, Ammendorf, Wei\u00dfenfels, Zeitz, das Geiseltal, Teutschenthal, R\u00f6blingen, der Mansfelder Kupferbergbau und die Kalisch\u00e4chte von Sta\u00dffurt bis zur Unstrut. Mit der Rohstofff\u00f6rderung sind viele verarbeitende Betriebe verbunden. Das Potential der Region wurde erst w\u00e4hrend des I. Weltkrieges im Zuge der totalen Kriegsf\u00fchrung durch Hindenburg und Ludendorff ausgesch\u00f6pft. In wenigen Jahren entstand ein bedeutender industrieller Schwerpunkt im Deutschen Reich, der mit dem Ruhrgebiet, Berlin und Oberschlesien vergleichbar war. Als Sinnbild f\u00fcr den massiven Ausbau der chemischen Industrie galt der Bau der Leuna-Werke 1916. F\u00fcr das enorme Wachstum waren massenhaft Arbeitskr\u00e4fte notwendig, sodass das Proletariat der Region Anfang der 1920er Jahre zum gro\u00dfen Teil aus Zugewanderten bestand.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Kapp-Putsches kam es auch in Mitteldeutschland zu Unruhen, die ihren H\u00f6hepunkt in der Schlacht um Halle fanden. Revolution\u00e4re Arbeitertruppen kreisten die Stadt ein und lieferten sich vom 19. bis 21. M\u00e4rz blutige Gefechte mit Reichswehrtruppen. Nur dem Mangel an Artillerie und dem Fehlen eines tats\u00e4chlichen Oberbefehls bei den Arbeitersoldaten verdankten die Reichswehreinheiten in Halle, dass ihnen eine v\u00f6llige Niederlage erspart blieb. Au\u00dferdem brach der Putsch in Berlin zusammen und der sozialdemokratische Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) und andere Gewerkschaften erkl\u00e4rten am 20. M\u00e4rz das Ende des Generalstreiks. Damit war den milit\u00e4rischen Aktionen der Revolution\u00e4re die politische Grundlage entzogen. Bei den anschlie\u00dfenden Verhandlungen mit Regierungsvertretern wurde u. a. vereinbart, dass es keine juristische Verfolgung der Aufst\u00e4ndischen geben sollte. Das \u201erote Herz Deutschlands\u201c, wie Mitteldeutschland auch genannt wurde, schlug weiter.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Moskau, Berlin, Mitteldeutschland<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Ab 1918 war die USPD st\u00e4rkste Partei in der Region. Ihr linker Fl\u00fcgel schloss sich im Dezember 1920 in Berlin mit der KPD zur VKPD zusammen, wobei das \u201eV\u201c f\u00fcr \u201eVereinigte\u201c stand und nach 2 Jahren einfach wegfiel. Auch die KAPD war in Mitteldeutschland stark vertreten, eine Partei, die von au\u00dferparlamentarisch agierenden Linksradikalen nach dem Kapp-Putsch in Berlin gegr\u00fcndet worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>An der VKPD vorbei wurde die KAPD 1920 als sympathisierende Partei in die Kommunistische Internationale aufgenommen. Damit br\u00fcskierten die Bolschewiki die Fraktion um den Parteivorsitzenden Paul Levi. Als die Komintern auch noch die Spaltung der Sozialistischen Partei Italiens billigte, trat Levi mit seiner gesamten Fraktion zur\u00fcck. An die Spitze traten nun die Parteilinken Walter Stoecker und Heinrich Brandler.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl sich die VKPD durch die Vereinigung stabilisieren kann, bleibt sie im Deutschen Reich eine Minderheitenpartei. Mitteldeutschland bildet die Ausnahme: aus Wahlen im Winter 1920\/21 geht sie im Wahlbezirk Halle als st\u00e4rkste politische Kraft hervor. Anfang 1921 erh\u00e4lt die Parteizentrale \u00fcberraschend Besuch von drei Abgesandten aus Moskau, unter ihnen der gescheiterte ungarische Revolutionsf\u00fchrer B\u00e9la Kun. Kun agitiert heftig f\u00fcr einen baldigen Aufstand in Deutschland. Beim linken Fl\u00fcgel der KPD trifft das auf Beifall, die Vertreter der \u201eLevi-Fraktion\u201c halten das Vorhaben f\u00fcr absurd. Sie sehen keine Bedingungen f\u00fcr eine erfolgreiche Revolution in Deutschland gegeben. Allerdings agiert die Delegation im Auftrag der Bolschewiki, deren Politik in Russland in eine schwere Krise geraten ist. Eine kommunistische Erhebung in Deutschland soll, unabh\u00e4ngig von ihrem Erfolg, die Fortf\u00fchrung der von ihnen begonnenen Weltrevolution dokumentieren. Auch wurde eine \u201eOffensivstrategie\u201c ersonnen, wonach es die Pflicht eines jeden Kommunisten ist,immer und unter allen Umst\u00e4nden anzugreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Partei v\u00f6llig unzureichend auf einen bewaffneten Aufstand vorbereitet ist, schwenkt die neue VKPD-F\u00fchrung auf diesen Kurs ein. Brandler glaubt gar, man k\u00f6nne, wie ein Jahr zuvor beim Kapp-Putsch, eine Massenaktion ausl\u00f6sen und schlie\u00dflich einen revolution\u00e4ren Umsturz bewirken. Mitteldeutschland wird daf\u00fcr ins Auge gefasst, auch ein Aufstandstermin nach Ostern, doch konkreter werden die Pl\u00e4ne nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur gleichen Zeit beraten Otto H\u00f6rsing, Oberpr\u00e4sident der preu\u00dfischen Provinz Sachsen, und Innenminister Carl Severing, beide SPD, \u00fcber die Situation im Mitteldeutschen Industriegebiet. Seit dem Kapp-Putsch sind in der Region viele Waffen im Umlauf, gesuchte Linksradikale halten sich dort auf, es gibt wilde Streiks, immer wieder ist von Pl\u00fcnderungen und Diebst\u00e4hlen zu h\u00f6ren. Was die Betonung von Streiks und Diebst\u00e4hlen betrifft, so handelt es sich dabei um die propagandistische Begleitmusik zum eigentlichen Zweck: einen Schlag gegen die revolution\u00e4re Bewegung zu f\u00fchren. \u201eUm dem staatlichen Gewaltmonopol wieder volle G\u00fcltigkeit zu verschaffen\u201c, wie es offiziell hei\u00dft, ist eine gro\u00dfangelegte Entwaffnungsaktion geplant, Verhaftungen eingeschlossen. Otto H\u00f6rsing ist alter Gewerkschafter und kalkuliert Gegenma\u00dfnahmen der linken Arbeiterschaft in die Planung mit ein. Nat\u00fcrlich wird diese versuchen, den Vorsto\u00df mit einer Streikbewegung zu kontern! Deshalb sollen die Hundertschaften in der Woche vor den arbeitsfreien Osterfeiertagen einmarschieren. Die Vorbereitungen beginnen Anfang Februar 1921. Industrielle und kommunale Beh\u00f6rden werden, unter Umgehung der Abgeordneten der VKPD, von Beginn an beteiligt. Die Aktion soll durch Schutzpolizisten (Schupo) erfolgen, denen eingesch\u00e4rft wird, jegliche Provokation zu vermeiden. Zun\u00e4chst sollen sie ihre Unterk\u00fcnfte nicht verlassen, lediglich Eink\u00e4ufe in Gruppen von vier Mann sind erlaubt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u201eKohlesache\u201c und \u201eFr\u00fchjahrsreise\u201c<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Es herrscht sonniges, warmes Fr\u00fchlingswetter, als am Morgen des 19. M\u00e4rz 1921 Polizei-Hundertschaften in Eisleben und Hettstedt einmarschieren und die \u201eKohlesache\u201c ausl\u00f6sen.Jeder Polizist verf\u00fcgt \u00fcber einen Karabiner, dazu eine Pistole. Jede Hundertschaft ist zudem mit einem Maschinengewehr und vier Maschinenpistolen ausger\u00fcstet. Neben Kraftfahrzeugen und Fahrr\u00e4dern gibt es auch zwei Funkstationen. Der Leiter der Aktion, Polizeimajor Folte, bezieht sein Hauptquartier in Eisleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig r\u00fccken Hundertschaften im Geiseltal unter dem Codenamen \u201eFr\u00fchjahrsreise\u201c vor. Im Merseburger Schloss richtet sich Polizeimajor Fendel-Sartorius ein. Bis zum 21. M\u00e4rz verst\u00e4rken einige Abteilungen Berliner Schutzpolizei die Aktion. Insgesamt sind es1.067 Polizisten, die sich im Mansfelder und Teutschenthalgebiet sowie im Geiseltal einquartieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits am 21. M\u00e4rz ruft die VKPD zum Generalstreik auf, der nur z\u00f6gernd einsetzt. Zun\u00e4chst befinden sich lediglich zehntausend Arbeiter in Eisleben und im Teutschenthaler Revier im Ausstand, w\u00e4hrend sich anderswo nur einige Inseln des Widerstands bilden. In den umliegenden Gro\u00dfst\u00e4dten Leipzig, Halle und Erfurt findet der Streikaufruf so gut wie keinen Widerhall.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch viel schwieriger gestaltet es sich, den bewaffneten Aufstand loszutreten. Schlie\u00dflich bewirkt dies Max Hoelz, der mit seinen Genossen auf eigene Faust ins Streikgebiet gereist ist. Seit Ende 1920 lebte er illegal in Berlin, nachdem er der Reichswehr nur knapp durch Flucht \u00fcber die tschechische Grenze entkommen war. Allerdings war Stillhalten nicht sein Ding und er baute eine militante Gruppe auf, die mit Bombenanschl\u00e4gen in Dresden, Freiberg, Leipzig und anderen Orten von sich reden machte. Die Angriffe richteten sich gegen Gerichtsgeb\u00e4ude, Polizeistationen und Rath\u00e4user. Finanziert wurde das alles durch Bank\u00fcberf\u00e4lle, ein Teil des enteigneten Geldes kam der KAPD zugute.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich nach seinem Eintreffen im Unruhegebiet agitiert Hoelz am 22. M\u00e4rz auf mehreren Versammlungen, so auch in Eisleben. Nach Hoelz spricht sein \u201emilit\u00e4rischer Leiter\u201c, dann der \u201eKriegsreferent\u201c, und die Berliner Stammtruppe beginnt, Freiwillige in Abteilungen zu gliedern. Ein Fahrradkurierdienst und Sprengtruppen werden aufgestellt. Ferner wird eine Abteilung f\u00fcr Logistik gebildet. Die Lebensmittelversorgung ist f\u00fcr Hoelz eine Grundlage des milit\u00e4rischen Handelns, es gibt freie Kost und 50 Mark pro Mann.<\/p>\n\n\n\n<p>Binnen kurzer Zeit sind ca. 150 Freiwillige mit 50 Gewehren und drei Maschinengewehren ausger\u00fcstet. Die Bewaffnung ist von Anfang an problematisch, die Arbeiter verf\u00fcgen lediglich \u00fcber die Ausr\u00fcstung, die sie nach dem Kapp-Putsch versteckt haben. Auf mehrere K\u00e4mpfer kommt nur ein Gewehr, Munition ist rar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die VKPD misstraut Hoelz und schickt deshalb Josef Schneider, der ihm nicht mehr von der Seite weichen und ihn kontrollieren soll. Doch Schneider unterstellt sich Hoelz und fungiert alsbald als dessen Adjutant, und damit als Verpflegungskommissar, Verwalter des beschlagnahmten Geldes und Leiter des Pressedienstes.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoelz greift am 23. M\u00e4rz zun\u00e4chst das Polizeihauptquartier im Lehrerseminar in Eisleben an, aber mehr als das Geb\u00e4ude zu beschie\u00dfen ist ihm nicht m\u00f6glich. Daraufhin bereitet er einen Hinterhalt an dem vor der Stadt gelegenen Otto-Schacht vor. Dort stehen 11 unbewachte Last- und Personenwagen, welche die Polizei sicherstellen will. Die Schupos geraten in dem h\u00fcgeligen, deckungsarmen Gel\u00e4nde ins Kreuzfeuer der Aufst\u00e4ndischen. Im Kugelhagel sterben vier Polizisten, f\u00fcnf werden verwundet. Damit haben die K\u00e4mpfe in Mitteldeutschland begonnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Aufstand<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Hoelz versucht am Nachmittag des 23. M\u00e4rz, die in Eisleben verschanzten Polizeihundertschaften aus ihrer Deckung zu holen. Er droht damit, die Stadt niederzubrennen und z\u00fcndelt zur Bekr\u00e4ftigung an einem Geb\u00e4ude. Anschlie\u00dfend zerschl\u00e4gt er gro\u00dfe Schaufensterscheiben, doch die Polizei l\u00e4sst sich nicht aus der Reserve locken und Hoelz zieht sich in sein Hauptquartier nach Helbra zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Am selben Tag treffen in den Leuna-Werken Nachrichten von K\u00e4mpfen im Mansfelder Land ein. Die Belegschaft tritt daraufhin in den Streik. Im Werk arbeiten 20.000 Menschen, von denen der Gro\u00dfteil das Werk verl\u00e4sst. Zur\u00fcck bleiben nur wenig mehr als 2.000 Arbeiter, deren Zahl sich aber in den n\u00e4chsten Tagen etwas erh\u00f6ht. Kommandant der Leuna-Werke wird der 24-j\u00e4hrige Malergehilfe Franz Utzelmann, Kampfname Kempin. Kempin geh\u00f6rte einst der Volksmarinedivision in Berlin an und ist Mitglied der KAPD.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim ersten Appell f\u00fcr die Arbeiterwehr finden sich nur 800 Freiwillige ein, die in 18 Sch\u00fctzen- und eine Radfahrerkompanie aufgeteilt werden. Auch in Leuna gibt es nur wenige Waffen, insgesamt nicht mehr als 200 Gewehre und einige Pistolen.<\/p>\n\n\n\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen werden die Leuna-Werke zum Anziehungspunkt von militanten Aktivisten, was auch zu einer Verbesserung der Bewaffnung f\u00fchrt. Es kommt sogar zum Bau eines Panzerzuges, der aus einer Lokomotive und zwei Waggons besteht, die mit 15 mmdicken Stahlplatten ummantelt sind. Die Stahlplatten haben Schie\u00dfscharten und auf schweren Holzbohlen sind in jedem Waggon zwei Maschinengewehre postiert. Mit diesem Panzerzug beunruhigt die Arbeiterwehr die Polizeitruppen durch mehrere Streiffahrten.<\/p>\n\n\n\n<p>In Halle ist die VKPD bem\u00fcht, eine Kampfleitung zu organisieren. Das illegale Hauptquartier wird in der Reilstra\u00dfe bezogen, doch zu keinem Zeitpunkt gelingt es, eine einheitliche F\u00fchrung der Bewegung herzustellen. Weder Kempin noch Hoelz nehmen irgendwelche Anweisungen oder Befehle entgegen, schon gar nicht von der VKPD. Allerdings fungiert die Reilstra\u00dfe sehr effektiv als Nachrichtenzentrale. S\u00e4mtliche Telefonate der Halleschen Schutzpolizei werden hier abgeh\u00f6rt und ein gut organisierter Kurierdienst bringt die wichtigen Informationen ins Aufstandsgebiet.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Ausbruch der K\u00e4mpfe mobilisieren VKPD und KAPD ihre milit\u00e4rischen Kader und schicken sie in die Region, ferner f\u00fchrt zumindest eine Kommandogruppen der Bolschewiki unter B\u00e9la Kun Bombenanschl\u00e4ge durch. Insgesamt kommt es dadurch zu einer erheblichen Steigerung der Streikbewegung, auch, weil Schachtanlagen von bewaffneten Trupps besetzt und Bergwerksbahnen durch Sprengung zerst\u00f6rt werden. Vielerorts organisieren sich Gruppen, holen Arbeiter ihre Waffen aus den Verstecken und versuchen, sich der Hoelz-Truppe anzuschlie\u00dfen bzw. das Leuna-Werk zu erreichen oder eigene Schwerpunkte zu bilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 24. M\u00e4rz geht die Regierung in die Offensive. Es zeichnet sich ab, dass der Aufstand auf das Mitteldeutsche Gebiet beschr\u00e4nkt bleiben wird, lediglich in Hamburg gibt es nennenswerte Unruhen. Um ein B\u00fcrgerkriegsszenario zu vermeiden, verk\u00fcndet Reichspr\u00e4sident Ebert die Verh\u00e4ngung des zivilen und nicht des milit\u00e4rischen Ausnahmezustandes \u00fcber Mitteldeutschland und Gro\u00df-Hamburg. Die K\u00e4mpfe werden somit von der Polizei gef\u00fchrt und von Reichswehrartillerieeinheiten lediglich unterst\u00fctzt. Den Oberbefehl f\u00fcr Mitteldeutschland erh\u00e4lt Polizeioberst Graf von Poninski.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Aufstandsgebiet entspinnen sich derweil an vielen Orten Gefechte und Scharm\u00fctzel, von zentraler Bedeutung bleibt dabei das Vorgehen von Max Hoelz. Er durchzieht mit seiner mobilen Truppe auf Lastwagen und Pferdegespannen die Gegend, sprengt Eisenbahnverbindungen, Villen und \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude. Au\u00dferdem pl\u00fcndert er nicht einfach Gesch\u00e4fte, sondern stellt f\u00fcr enteignete Ware \u201eRequisitionsschreiben\u201c aus \u2013 sp\u00e4ter spricht man von einem disziplinierten Raubzug \u2013 und nimmt Geiseln, die er f\u00fcr L\u00f6segeld wieder frei l\u00e4sst. Zwischen 500 und 1500 Mann (in diesem Falle tats\u00e4chlich nur M\u00e4nner) geh\u00f6ren der Hoelz-Truppe an, die das milit\u00e4rische R\u00fcckgrat des Aufstandes ist. Immer wieder sto\u00dfen neue K\u00e4mpfer zur \u201eArmeegruppe Hoelz\u201c, andere verschwinden, sodass eine genaue Zahl nicht bestimmt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Kempin in den Leuna-Werken hingegen hat im Geb\u00e4ude des Direktoriums einen Generalstab etabliert. Er h\u00e4lt fragw\u00fcrdige Waffenappelle ab und l\u00e4sst sich von Pressevertretern feiern. Hoelz h\u00e4lt die Leuna-Werke f\u00fcr eine Mausefalle und propagiert, dass nur die mobile Kriegsf\u00fchrung einen Erfolg bringen kann. Allerdings zeigt sich, dass weder er noch Kempin noch ein anderer Beteiligter des Aufstandes einen strategischen Plan verfolgt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Generalangriff<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Am 26. M\u00e4rz beginnt in Mitteldeutschland der Generalangriff der massiv verst\u00e4rkten Schupo. Fast alle Polizisten sind Weltkriegsveteranen und es wird nach bew\u00e4hrter Milit\u00e4rtaktik vorgegangen: die Aufst\u00e4ndischen werden eingekesselt, mit gezieltem Artilleriefeuer zusammengeschossen und dann aufgerollt. Bis zum 28. M\u00e4rz wird das Aufstandsgebiet auf diese Weise einmal durchquert. Die Wirkung ist nachhaltig, konsequent werden die Revolution\u00e4re von der Polizei geschlagen und der Streik bricht zusammen. Jedoch bleibt ein entscheidender Zusammensto\u00df mit den Rebellen um Hoelz aus und im Leuna-Werk residiert nach wie vor Kempin.<\/p>\n\n\n\n<p>Max Hoelz besteht am 27. M\u00e4rz einen Kampf mit einem Panzerzug in Sangerhausen. DieSchienen vor und hinter dem Zug k\u00f6nnen die Rebellen sprengen, aber sie haben keine panzerbrechenden Waffen. Deshalb entwickelt sich ein mehrst\u00fcndiges Feuergefecht, in dem mehrere M\u00e4nner auf beiden Seiten fallen, bevor Hoelz den Befehl zum Abzug gibt. Sein Ziel ist Halle, er hofft dort bessere Ausr\u00fcstung zu erbeuten, um dem Aufstand neuen Schwung zu verleihen. Zun\u00e4chst will sich Hoelz aus dem Artilleriedepot in Ammendorf kurz vor Halle bedienen. Obwohl sich seine Truppe vor dem Angriff durch Zuzug verst\u00e4rkt hat, braucht Hoelz mehr K\u00e4mpfer und dringend Munition.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen des 28. M\u00e4rz erreicht Hoelz mit seinen Mannen Ammendorf. Den Sprengkommandos fallen Bahnhof, Post und eine Br\u00fccke zum Opfer \u2013 allerdings erbeutet Hoelz nicht das Erhoffte. Ein Hilferuf nach Leuna hat lediglich den Erfolg, dass Kempin 1000 Patronen schickt, nicht aber die dringend angemahnte Verst\u00e4rkung. Hoelz entschlie\u00dft sich, den Angriff auf Halle allein durchzuf\u00fchren. Was der Rebellenf\u00fchrer nicht wei\u00df: die Polizei hat mittlerweile 40 Hundertschaften zusammengezogen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMit etwa zweitausend Mann ging ich in einer drei Kilometer breiten Front gegen Halle vor. Zweitausend Meter vor Halle stie\u00dfen wir auf ausgeschw\u00e4rmte Schupo. Da uns Munition fehlte, war es nicht ratsam, sich auf einen gr\u00f6\u00dferen Kampf mit dem Gegner einzulassen. Ich wartete ungeduldig auf die Leunaarbeiter. Die meisten unserer Genossen hatten kaum ein bis zwei Patronen.\u201c<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Der Angriff endet im Debakel. Die Aufst\u00e4ndischen werden eingekreist und aufgerieben. Trotzdem gelingt es etlichen zu entkommen, darunter auch Hoelz. Viele Versprengen setzen sich in Richtung Gr\u00f6bers ab, wo ein neuer Sammelpunkt entsteht.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bei Leuna sind viele gefallen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Am 28. M\u00e4rz wird bei einer Versammlung im Leuna-Werk dar\u00fcber debattiert, ob sich die Arbeiter absetzen sollen oder k\u00e4mpfen. Eine Gruppe von 300 Mann, darunter auch Kempin und andere f\u00fchrende K\u00f6pfe, entscheidet, das Werk zu verlassen. Die zur\u00fcckbleibenden Aufst\u00e4ndischen sind damit praktisch f\u00fchrungslos, sodass der Betriebsrat versucht, Verhandlungen mit den Beh\u00f6rden aufzunehmen. Diese haben aber keinen Bedarf an Gespr\u00e4chen. Vielmehr will die Regierung jetzt klare Verh\u00e4ltnisse schaffen \u2013 das Leuna-Werk soll milit\u00e4risch genommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen des 29. M\u00e4rz um 6.30 Uhr gibt ein Artillerieschuss 2.000 Polizisten das Signal zum Angriff. Nur an wenigen Stellen kommt es zu erbitterter Gegenwehr. Die Polizisten t\u00f6ten 70 Arbeiter, mindestens 10 weitere ertrinken, als sie die Saale auf der Flucht durchschwimmen wollen, es werden 998 Gefangene gemacht. Die Polizei gibt ihre Verluste mit einem Toten und mehreren Verwundeten an.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 30. M\u00e4rz existiert als einzige relevante Gruppe des Aufstandes nur noch die Einheit, die sich in Gr\u00f6bers Max Hoelz unterstellt hat. Die Truppe wird am 1. April von \u00fcberlegenen Polizeikr\u00e4ften bei Beesenstedt zerschlagen. Mindesten 18 Aufst\u00e4ndische fallen, Hoelz gelingt es abermals zu entkommen. Er wird schlie\u00dflich am 16. April in Berlin gefasst und zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Nach offiziellen Zahlen kostet der Aufstand 145 \u201eZivilisten\u201c und 35 Polizisten das Leben, die Zahl der Verwundeten bleibt unbekannt. Mindestens 4500 Aktivisten wird vor Sondergerichten der Prozess gemacht, allein der Mitgliederbestand der VKPD sinkt von 359.000 zu Beginn des Aufstandes auf 180.443 im Sommer 1921<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Paul Levi bezieht gegen den M\u00e4rzaufstand in der Brosch\u00fcre \u201eUnser Weg. Wider den Putschismus\u201c \u00f6ffentlich Stellung, weswegen er aus der KPD ausgeschlossen wird. Selbst Lenin, der mit den Bolschewiki in Moskau zu den Drahtziehern des Mitteldeutschen Aufstands geh\u00f6rt, sieht sich gezwungen die \u201eM\u00e4rzaktion\u201c auf dem III. Weltkongress der Komintern (Juni\/Juli 1921) zu kritisieren. Der russische Revolutionsf\u00fchrer moniert die mangelhafte Vorbereitung, es sei sehr wichtig, \u201esich kritisch zu den eigenen Fehlern zu verhalten\u201c.<a href=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-admin\/post.php?post=6159&amp;action=edit#_ftn4\">[4]<\/a> Fehlverhalten der Bolschewiki oder gar eine Infragestellung der Offensivtheorie kommt f\u00fcr Lenin jedoch nicht infrage. Obwohl der bolschewistische Herrscher Selbstkritik fordert findet sie nicht statt. Verantwortung f\u00fcr die katastrophale Niederlage gibt er einzig den Revolution\u00e4ren in Deutschland. Seine Offensivtheorie \u201eangewandt auf die M\u00e4rzaktion in Deutschland 1921 (&#8230;) war falsch\u201c.<a href=\"#_ftn4\">[5]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Im Mitteldeutschen Aufstand ballt sich die Entwicklungen der kommunistischen Bewegung Anfang der 1920er Jahre. Er ist damit Teil eines schwierigen revolution\u00e4ren Erbes.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> damals die preu\u00dfischen Provinz Sachsen, heute Sachsen-Anhalt mit angrenzenden Gebieten Th\u00fcringens und Sachsens<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Hoelz, Max: Vom \u201eWei\u00dfen Kreuz\u201c zur roten Fahne. Jugend-, Kampf- und Zuchthauserlebnisse, Frankfurt\/M. 1969, S. 162 f.<\/p>\n\n\n\n<p> <a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> vgl.: Bericht \u00fcber die Verhandlung des 8. Parteitages der KPD in Leipzig vom 28. Januar bis 1. Februar1923<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Lenin: \u201eRede zur Verteidigung der Taktik des Kommunistischen Internationale\u201c, in: LW 32, S. 496<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-admin\/post.php?post=6159&amp;action=edit#_ftnref4\">[5]<\/a> ebedas<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>90 Jahre Mitteldeutscher Aufstand Zischend h\u00e4lt die Lokomotive des Sp\u00e4tzuges aus Berlin im Bahnhof Kloster-Mansfeld. Es sist die Nacht zum 22. M\u00e4rz 1921, die alte Maschine muss Wasser tanken. Eine g\u00fcnstige Gelegenheit f\u00fcr sechs M\u00e4nner, ihr Abteil zu verlassen und unbemerkt zu verschwinden. 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