{"id":6513,"date":"2022-06-11T22:02:40","date_gmt":"2022-06-11T22:02:40","guid":{"rendered":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/40-jahre-anti-kolonialdemo-copy-copy\/"},"modified":"2022-12-26T16:27:12","modified_gmt":"2022-12-26T16:27:12","slug":"die-schlacht-am-nollendorfplatz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/die-schlacht-am-nollendorfplatz\/","title":{"rendered":"When Cowboy Ronny comes to Town"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Die Schlacht am Nollendorfplatz \u2013 vor 40 Jahren besuchte US-Pr\u00e4sident Reagan Westberlin.<\/strong><\/h3>\n<h6>Bernd Langer, 11.06.2022<\/h6>\n<p>Zwischen 1979 und 1983 bestimmt die atomare Hochr\u00fcstung die politischen Debatten. Das Schreckgespenst eines dritten Weltkriegs droht. Gleich mehrfach sind die Superm\u00e4chte USA und Sowjetunion in der Lage das Leben auf der Erde auszul\u00f6schen. SS 20 stehen gegen Pershing II Raketen und Cruise Missiles. Das hei\u00dft, letztere sollen, laut NATO-Doppelbeschluss, erst noch in Westeuropa stationiert werden.<br \/>\nGegen die atomare Aufr\u00fcstung wendet sich weltweit eine neue Friedensbewegung. Sie basiert auf vielen kleinen, unabh\u00e4ngigen Gruppen und B\u00fcrgerinitiativen. Unter der Parole \u00bbSchwerter zu Pflugscharen\u00ab und der Abbildung der Skulptur des sowjetischen Bildhauers Jewgeni Wutschetitsch, die vor dem UNO-Hauptgeb\u00e4ude in New York steht, findet dies auch in der DDR seinen Widerhall.<\/p>\n<p><strong>Neue Friedensbewegung<\/strong><\/p>\n<p>In der Bundesrepublik setzt die Friedensbewegung am 10. Oktober 1981 im Bonner Hofgarten ein un\u00fcbersehbares Zeichen. Mehr als 800 Organisationen unterst\u00fctzen den Aufruf \u00bbGegen die atomare Bedrohung gemeinsam vorgehen\u00ab dem rund 300.000 Menschen folgen. Ab M\u00e4rz 1982 koordiniert sich die Bewegung im BAF (Bundeskongress Autonomer Friedensgruppen). Dabei kann das Spektrum der Aufr\u00fcstungsgegner kaum gegens\u00e4tzlicher sein. Christen und Kommunisten der verschiedensten Str\u00f6mungen agieren neben Gewerkschaftern, Sozialdemokraten, Gr\u00fcnen und besorgten Menschen aller Couleur. Aber das Ziel bzw. der Gegner eint, zumindest vor\u00fcbergehend.<br \/>\nDie sozialliberale Koalition unter Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) steht zur Politik der USA, wo seit Januar 1981 Pr\u00e4sident Ronald Reagan regiert. Der erzkonservative Reagan hat sich vor seiner politischen Karriere als Schauspieler in zweitklassigen Western versucht. F\u00fcr ihn ist die Sowjetunion \u00bbdas Reich des B\u00f6sen\u00ab.<br \/>\nAnl\u00e4sslich der NATO-Gipfelkonferenz vom 9. bis 11. Juni 1982 in Bonn will Reagan f\u00fcr die Raketenstationierung werben. Dagegen mobilisiert die BAF bundesweit mit einem riesigen Friedens-B\u00fcndnis f\u00fcr Donnerstag, den 10. Juni. Auf diesen Tag f\u00e4llt Fronleichnam, der aber nicht in allen Bundesl\u00e4ndern ein Feiertag ist. Am folgenden Tag ist eine Stippvisite des US-Pr\u00e4sidenten in Westberlin geplant. Doch der Besuch von US-Au\u00dfenminister Alexander Haig am 13. September 1981 hat zu Stra\u00dfenschlachten gef\u00fchrt. Da erneut Ausschreitungen zu bef\u00fcrchten sind, gilt f\u00fcr den 11. Juni ein stadtweites Demoverbot. Dennoch gibt es einen Aufruf sich um 10 Uhr am Nollendorfplatz zu versammeln, und die Alternative Liste (AL) versucht die Demo juristisch durchzusetzen.<br \/>\nZiviler Ungehorsam wird von den Friedensbewegten akzeptiert und praktiziert, Militanz dagegen abgelehnt. Das beruht auf einer prinzipiell pazifistischen Einstellung, au\u00dferdem durchkreuzt Militanz die auf Breite und Verankerung in der Bev\u00f6lkerung abzielende Politik der Friedensbewegung. Das sieht die militante Szene, die sich \u00fcber Hausbesetzungen, Antifa und Anti-AKW-Kampf herausgebildet hat, g\u00e4nzlich anders. In Abgrenzung zum \u00bbgewaltfreien Widerstand\u00ab bezeichnen sich diese autonomen und antiimperialistischen Gruppen als Antikriegsbewegung und nehmen die Parole \u00bbKrieg dem imperialistischen Krieg!\u00ab w\u00f6rtlich.<br \/>\nAls Geburtsstunde dieser militanten Bewegungswelle gilt der 6. Mai 1980. Im Bremer Weserstadion soll an diesem Tag mit der ersten \u00f6ffentlichen Gel\u00f6bnisfeier der Bundeswehr au\u00dferhalb einer Kaserne der 25. Jahrestag des NATO-Beitritts gefeiert werden. Es kommt zu schweren Krawallen.<br \/>\nAutonome und Antiimperialistischen-Gruppen verstehen sich im Zusammenhang mit einem weltweiten Befreiungskampf. \u00c4hnlich wie RZ (Revolution\u00e4ren Zellen) und RAF. F\u00fcr erstere hegen Autonome gro\u00dfe Sympathien. Da die RZ unter der Parole \u00bbSchafft viele Revolution\u00e4re Zellen\u00ab auf Massenmilitanz setzen, bestehen ideologische \u00dcbergangsfelder. Der RAF stehen Autonome daf\u00fcr distanziert gegen\u00fcber. Milit\u00e4rische Strukturen, selbsternannte Avantgarden und das T\u00f6ten von Menschen passen nicht zu einer antiautorit\u00e4ren Jugendbewegung gegen die postfaschistische BRD-Gesellschaft. Aufhebung autorit\u00e4rer Strukturen und die Idee einer sozialen Revolte machen sie aus.<br \/>\nExplizit antiimperialistischen Gruppen, kurz Antiimps, orientieren sich hingegen oft deutlicher an der RAF. Dar\u00fcber hinaus sind all diese Gruppen untereinander in diverse Fraktionen aufgeteilt. Doch eint sie eine Grundhaltung gegen den US-Imperialismus. Mit der Politik der Sowjetunion findet hingegen fast gar keine Auseinandersetzung statt. Es geht um die BRD und deren Politik, die man als im Schlepptau der USA befindlich wahrnimmt.<\/p>\n<div id=\"attachment_6526\" style=\"width: 1177px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6526\" class=\"wp-image-6526 size-full\" src=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bestatten.jpg\" alt=\"\" width=\"1167\" height=\"1653\" srcset=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bestatten.jpg 1167w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bestatten-212x300.jpg 212w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bestatten-768x1088.jpg 768w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bestatten-1084x1536.jpg 1084w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bestatten-1059x1500.jpg 1059w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bestatten-498x705.jpg 498w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Bestatten-450x637.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 1167px) 100vw, 1167px\" \/><p id=\"caption-attachment-6526\" class=\"wp-caption-text\">xxxx<\/p><\/div>\n<p><strong>Lappenkrieg<\/strong><br \/>\nIm Vorfeld des Reagan-Besuchs f\u00fchren die RZ vom 1. bis 9. Juni zehn Sprengstoff- und einen Brandanschlag durch. Ziele sind das US-Hauptquartier in Frankfurt am Main, US-Offiziersclubs und R\u00fcstungsunternehmen. Fast noch mehr Aufsehen erregt der \u00bbLappenkrieg\u00ab in Westberlin. Transparente mit Parolen gegen den US-Pr\u00e4sidenten an besetzten H\u00e4usern werden von der Polizei abgenommen, Parolen \u00fcbert\u00fcncht, selbst Aufkleber verboten und Kassetten mit Kriegsger\u00e4uschen beschlagnahmt. Es entwickelt sich ein Katz- und Maus-Spiel mit hunderten von Polizeieins\u00e4tzen.<br \/>\nAber nicht nur Parolen sind verboten, auch die Demo am 11. Juni wird am Vorabend endg\u00fcltig vom Oberverwaltungsgericht untersagt. Erlaubt ist eine Kundgebung der AL am 10. Juni am Wittenbergplatz, wo sich ca. 80.000 Menschen versammeln. Gleichzeitig protestieren in Bonn fast 500.000 Menschen an den Rheinwiesen. Das ist die bis dato gr\u00f6\u00dfte Nachkriegsdemo.<br \/>\nObwohl alles friedlich verl\u00e4uft finden im Laufe des Tages in Westberlin zahlreiche Hausdurchsuchungen nach dem Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG) statt, 29 Personen werden in Vorbeugehaft genommen. Denn trotz Verbot mobilisieren autonome und antiimperialistische Gruppen weiterhin f\u00fcr den 11. Juni.<br \/>\nUm f\u00fcr den Staatsbesuch Stimmung zu machen, hat der Senat 500.000 Flugbl\u00e4tter drucken lassen, die jeder Westberliner Tageszeitung au\u00dfer der TAZ beigelegt werden. Auf ein \u203aBad in der Menge\u2039 muss Reagan dennoch verzichten. Stattdessen wird zur Begr\u00fc\u00dfung am Flughafen Tempelhof eine handverlesene Menge organisiert und am Charlottenburger Schloss eine Hollywood-Kulisse aufgebaut. Abgeschirmt spricht der Pr\u00e4sident dort vor 25.000 ausgew\u00e4hlten Westberlinern.<br \/>\nZu den vielen kleinen unabh\u00e4ngigen Gruppen in dieser Zeit z\u00e4hlt auch der Antifaschistische Arbeitskreis Bad Lauterberg. Wir haben uns bereits an der Friedensdemo 1981 in Bonn beteiligt. Aber das war nicht mein Ding, ich bin kein Pazifist sondern verstehe mich als Autonomer. F\u00fcr einige von uns steht fest, dass wir in Westberlin demonstrieren. Auf eigene Faust wollen wir mit dem PKW fahren, die \u00dcbernachtung ist bei einem Bekannten organisiert. Helme, Kn\u00fcppel oder \u00e4hnliches packen wir nicht ein. Wir k\u00f6nnen nur \u00fcber die Transitstrecke durch die DDR nach Westberlin gelangen und rechnen damit, durchsucht zu werden.<br \/>\nSo kommt es dann auch. Bei der Einreise am Kontrollpunkt Dreilinden wird unser Auto gefilzt. Auf dem Parkplatz stehen ein paar leere Fahrzeuge, deren Aussehen und Aufkleber darauf schlie\u00dfen lassen, dass die Polizei hier f\u00fcndig geworden ist. Insgesamt werden 72 Personen bei der Einreise nach Westberlin aufgrund des ASOG festgesetzt und teilweise erst nach 48 Stunden wieder auf freien Fu\u00df gesetzt.<br \/>\nAber bei uns ist nichts zu finden, wir k\u00f6nnen weiter.<br \/>\nNach einer kurzen Nacht nehmen wir am Morgen die U-Bahn. Entgegen vieler Bef\u00fcrchtungen gibt es keine Polizeikontrollen. Kurz vor 10 Uhr steigen wir im \u00fcberf\u00fcllten Bahnhof aus. Eine un\u00fcberschaubare Menschenmenge str\u00f6mt zu den Ausg\u00e4ngen. Die U-Bahn f\u00e4hrt nur unterirdisch, das Gleis oben ist stillgelegt und in alten Wagons ein Flohmarkt eingerichtet. Der hat nat\u00fcrlich geschlossen, die Aufg\u00e4nge sind mit Eisengittern verriegelt, uniformierte BVG-Angestellte davor postiert. Doch unsere Aufmerksamkeit gilt dem Platz. Als wir ins Freie treten, empf\u00e4ngt uns eine atemberaubende Atmosph\u00e4re. Eine Art Rauschen ist zu h\u00f6ren, das hunderte von Menschen erzeugen, die Pflastersteine aneinander schlagen. Adrenalin steigt ins Blut, Euphorie und Furcht prickeln durch den K\u00f6rper. Im gro\u00dfen Rund sind \u00fcberall Gleichgesinnte zu sehen, hier und da mit Helmen.<br \/>\nUnvergessliche Bilder, wie ein Typ mit Helm, Maske und schwarzer Lederjacke der auf einem Poller steht. In seiner Rechten h\u00e4lt er ein langes Stahlrohr, oben plattgeklopft, aufrecht wie einen Spie\u00df. Der U-Bahnhof ist teilweise einger\u00fcstet, dort werden einige Stahlrohre abmontiert. \u00dcberall w\u00fchlen Leute Steine aus den Gehwegen und werfen sie auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>Im Kessel<\/strong><br \/>\nMehrere tausend Militante aus dem gesamten Bundesgebiet sind trotz Verbot auf dem Nollendorfplatz versammelt und ab kurz nach 10 Uhr eingeschlossen. Die Polizei riegelt alle sechs Zufahrtsstra\u00dfen ab. Ringsum Wasserwerfer, Polizeiwannen, Hundertschaften. NATO-Draht wird ausgerollt. Mit Presslufth\u00e4mmern sind vorher Halterungen f\u00fcr den Drahtverhau in der Stra\u00dfendecke verankert worden. \u00bbAktion Eisenbart\u00ab taufen Polizeistrategen diese Massenfestsetzung.<br \/>\nAuf dem Platz gibt es weder Transparente noch einen Lautsprecherwagen, nicht mal ein Megafon. Jeder ist auf sich bzw. seine Bezugsgruppe gestellt. F\u00fcr unseren alten Freund, bei dem wir \u00fcbernachten, ist das alles zu viel, er will nur noch raus. Das wollen auch eine Reihe von Passanten, die zuf\u00e4llig im Kessel gelandet sind.<br \/>\nDoch die U-Bahn-Eing\u00e4nge sind mit Gittern verschlossen, dahinter uniformierte BVG-Knechte. Verzweifelte r\u00fctteln an den Gittern. Daraufhin ziehen die BVG\u2019ler grinsend mit Kn\u00fcppeln kreuz und quer \u00fcber die Gitterst\u00e4be oder schlagen direkt auf die H\u00e4nde. Dem Dreckspack macht das Spa\u00df.<br \/>\nIn der Maa\u00dfenstra\u00dfe, unweit des Gesch\u00e4fts M\u00f6bel Roland, f\u00e4hrt ein Lautsprecherwagen der Polizei auf und gibt bekannt, dass die Demo verboten ist. An vorbereiteten Kontrollstellen k\u00f6nne man einzeln, nach Feststellung der Personalien und Durchsuchung den Platz verlassen. Das mit den Passierstellen ist jedoch eine L\u00fcge, niemand kommt vom Nollendorfplatz.<br \/>\nWut und Frust entladen sich in Richtung Lautsprecherwagen. Ein Steinhagel zwingt die Polizisten in Deckung, es gelingt den Stacheldraht beiseite zu ziehen und ein paar Meter in die Maa\u00dfenstra\u00dfe vorzudringen. Sogleich wird die Attacke von der Polizei zur\u00fcckgeschlagen, ein paar Leute verheddern sich beim zur\u00fcckrennen im NATO-Draht, nur knapp k\u00f6nnen sie den vorst\u00fcrmenden Polizisten entkommen.<br \/>\nDumpfe Absch\u00fcsse sind zu h\u00f6ren. Einen wei\u00dfen Schweif hinter sich herziehend fliegen Gasgranaten auf dem Platz. Tr\u00e4nengas ist \u00e4tzend, ger\u00e4t man hinein, ist man mit einem Schlag orientierungslos und hat das Gef\u00fchl ersticken zu m\u00fcssen. Gegen den bohrenden Schmerz in den Augen hilft nur das Aussp\u00fclen mit Wasser. Die Granaten bestehen aus einer Aluminiumkapsel die in einer wei\u00dfen Styropor Ummantelung steckt. Beim Auftreffen fliegt das Styropor weg oder verschmort an der Kapsel. Mit dicken Handschuhen kann man die ziemlich hei\u00df werdenden Aluminiumkapseln zur\u00fcckwerfen. W\u00e4hrend die Polizei mit Gasmasken ausger\u00fcstet ist, sehe ich bei Autonomen keine einzige. Man greift auf primitive Hilfsmittel zur\u00fcck. Ich habe eine wei\u00dfe Bundeswehr-Gasschutzbrille auf und ein mit Zitronensaft getr\u00e4nktes Tuch vor dem Gesicht. Ein wenig hilft das. Im Tohuwabohu auf dem Platz taucht vor uns ein Typ mit blutender Kopfwunde auf. Er ruft nach einem Sanit\u00e4ter und schimpft auf die Idioten, die ihm von hinten mit einem Stein getroffen haben.<br \/>\nAuf der Suche nach einer Passierstelle gehen wir in die Motzstra\u00dfe. In der Mitte der Fahrbahn geben die Stacheldrahtrollen den Weg frei, in der breiten L\u00fccke stehen kampfbereite Hundertschaften hinter denen Wasserwerfer aufgefahren sind. Hier ist kein Durchkommen. Sogleich beginnen Schimpfereien von Leuten die den Platz verlassen wollen, der Einsatzleiter wird verlangt. Aber kein Verantwortlicher tritt in Erscheinung, daf\u00fcr gibt die Polizei \u00fcber Lautsprecher eine andere Kontrollstelle bekannt. Dem schenkt niemand mehr Glauben. Wir wollen zur\u00fcck auf den Platz, als sich vor uns auf der gesamten Breite der Stra\u00dfe ein schwarzer Block formiert. Wir weichen in einen Hauseingang aus.<br \/>\nDicht an dicht, untergehakt, Helme, schwarze Sturmhauben und Lederjacken, so r\u00fccken die Autonomen langsam heran. Viele haben Kn\u00fcppel oder Eisenstangen in den H\u00e4nden, einige reihen sich noch ein. Vereinzelt sind graue Haare unter der Maskierung zu erkennen. Noch nie habe ich so alte Leute bei den Autonomen gesehen. Ich werde an diesem Tag 22 Jahre alt, sehr viel \u00e4lter sind Autonome f\u00fcr gew\u00f6hnlich nicht.<br \/>\nBeim Anblick der kampfentschlossenen Militanten werden die Polizisten unruhig. \u00bbLinie zusammenr\u00fccken!\u00ab, schallt es aus einem Lautsprecher. Pl\u00f6tzlich trommeln die Polizisten auf ihre Schilde, der bollernde Ton dr\u00f6hnt durch die Stra\u00dfe. Seltsamerweise fliegt kein Stein, auch Tr\u00e4nengas wird nicht verschossen.<br \/>\nIn Trippelschritten schiebt sich der Block bis auf wenige Meter an die Polizeikette heran. Da h\u00f6rt das Trommeln auf die Schilde mit einem Schlag auf. F\u00fcr einen Moment sind nur die Schritte aus dem schwarzen Block zu h\u00f6ren. Gespannte Gesichter bei der Polizei, ihre Plexiglasschilde hochgezogen, die Schlagst\u00f6cke fest in den F\u00e4usten. Dann ein Ruf und fast gleichzeitig lassen sich die Autonomen los und schie\u00dfen wie ein Blitz heran. Kn\u00fcppel schmetterten auf Helme und Schilde, dazwischen das eklige, dumpfe Ger\u00e4usch wenn ein Schlag einen K\u00f6rper trifft. Einige Autonome sacken von Schl\u00e4gen getroffen weg, durch ihre Schilde und Helme sind die Polizisten im Vorteil. Die Autonomen kommen nicht durch. Die Reihen trennen sich, ohne dass die Polizei nachsetzt.<br \/>\nDoch es ist noch nicht zu Ende. In etwa f\u00fcnf Meter Abstand formiert sich der Block neu. Der Durchbruch soll erzwungen werden, und in neuem Anlauf krachen die Reihen aufeinander. Die Autonomen versuchen die Polizisten hinter ihren Schilden in die Defensive zu dr\u00e4ngen. Ab und zu gelingt ein Schlag \u00fcber einen Schild, direkt auf den Helm. Um zuzuschlagen m\u00fcssen die Polizisten einen Ausfallschritt machen. Links den Schild anheben und mit der Rechten den langen Schlagstock durchziehen. Es wirkt wie bei einer Schlacht aus ferner Zeit. Aber trotz aller Entschlossenheit bleiben die Autonomen unterlegen. Binnen weniger Minuten gibt es unter ihnen wieder etliche Verletzte, sie weichen geschlossen zur\u00fcck. Keuchend stehen die Polizisten da, den Schrecken im Gesicht. Aber ihre Reihen haben gehalten.<\/p>\n<div id=\"attachment_6529\" style=\"width: 2190px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-6529\" class=\"wp-image-6529 size-full\" src=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/11_6_Amis_raus.jpg\" alt=\"\" width=\"2180\" height=\"1645\" srcset=\"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/11_6_Amis_raus.jpg 2180w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/11_6_Amis_raus-300x226.jpg 300w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/11_6_Amis_raus-768x580.jpg 768w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/11_6_Amis_raus-2000x1509.jpg 2000w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/11_6_Amis_raus-1536x1159.jpg 1536w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/11_6_Amis_raus-2048x1545.jpg 2048w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/11_6_Amis_raus-1500x1132.jpg 1500w, https:\/\/kunst-und-kampf.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/11_6_Amis_raus-705x532.jpg 705w\" sizes=\"auto, (max-width: 2180px) 100vw, 2180px\" \/><p id=\"caption-attachment-6529\" class=\"wp-caption-text\">xxxx<\/p><\/div>\n<p><strong>Durchbruch<\/strong><br \/>\nWir kehren auf den Platz zur\u00fcck. An s\u00e4mtlichen Sperren greifen Militante die Polizei an. Wahre Steinwolken gehen auf die sie nieder, aber die NATO-Drahtrollen verhindern wirkungsvolle Durchbruchsversuche. Im Get\u00fcmmel wird die Mercedes-Limousine eines US-amerikanischen Fernsehteams entdeckt. Das Auto wird auf den Platz gezerrt, auf das Dach gedreht und angez\u00fcndet. Insgesamt gehen an diesem Tag mindestens zehn Fahrzeuge in Flammen auf.<br \/>\nKurz nach 11 Uhr werden endlich Kontrollstellen ge\u00f6ffnet, viele verlassen den Kessel. Wer bleibt, ist entschlossen zu k\u00e4mpfen. Die Konfrontation eskaliert zur wohl h\u00e4rtesten Stra\u00dfenschlacht in der Geschichte Westberlins. Mit Eisenstangen und Steinen, etwas anderes steht nicht zur Verf\u00fcgung, rennen wir immer wieder gegen die Polizei an. Es geht \u00fcber Stunden so, ohne an Intensit\u00e4t zu verlieren. Rund um den Nollendorfplatz erstreckt sich die Kampfzone. Flammen, Qualm, Martinsh\u00f6rner, Wasserwerfer, Pflastersteine, Tr\u00e4nengas, \u00fcberall Scharm\u00fctzel. Die Lage wird zunehmend un\u00fcbersichtlich. Vor allem bekommt die Polizei Probleme weil Hundertschaften auch von Gruppen au\u00dferhalb des Kessels angegriffen werden. Auf dem Kudamm versuchen 1.500 Leute, die nicht mehr auf den Platz gekommen sind, eine Spontan-Demo durchzusetzen. Die wird von der Polizei schnell aufgel\u00f6st. Aber es sind sicher noch mindestens 2.000 Menschen auf dem Nollendorfplatz, und die gleiche Zahl greift die Polizeiabsperrungen von au\u00dfen an.<br \/>\nDer Ausbruch muss jedoch von innen erfolgen. An der Ecke Maa\u00dfenstra\u00dfe, wo M\u00f6bel Roland seine Schaufenster mit Spanplatten verbarrikadiert hat, kracht und splittert es, die Platten werden weggebrochen, die Schaufenster gehen zu Bruch. M\u00f6bel, B\u00fccher Attrappen und anderer Krempel fliegen auf die Stra\u00dfe. In Richtung B\u00fclowstra\u00dfe entsteht eine brennende Barrikade. Teppiche aus dem M\u00f6belgesch\u00e4ft werden \u00fcber die NATO-Drahtrollen geworfen und eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe versucht dar\u00fcber zu st\u00fcrmen. Das misslingt, doch einige Rollen sind plattgedr\u00fcckt oder aus ihren Verankerungen gerissen.<br \/>\nIrgendwann befinde ich mich von meiner Bezugsgruppe getrennt an einer Stelle, an der es bereits mehrere Attacken gegeben hat. Die Drahtrollen in der Stra\u00dfenmitte sind weggezogen. Dahinter stehen Polizisten mit Gasmasken, sie schie\u00dfen Granaten, sobald sich eine Menschentraube bildet. Es gilt, sich spontan zusammenzuschlie\u00dfen und \u00fcberraschend die Polizeiabsperrungen anzugreifen.<br \/>\nSo kommen wir zusammen, ein Pulk, der schnell auf ein paar hundert Leute anw\u00e4chst. Viel Zeit bleibt nicht, Br\u00fcder und Schwestern im Geiste formieren wir uns ohne Leitung. Vertrauen uns ganz einfach so. Niemand wird zur\u00fcckstehen.<br \/>\nMit einem Steinhagel setzen wir \u00fcber den NATO-Draht. Die \u00fcberraschten Polizisten geraten in Panik, springen in die anfahrenden Wannen, Steine fliegen in die offenen T\u00fcren. Sie rasen davon. Wir haben sie geschlagen, ein Wahnsinnsgef\u00fchl!<br \/>\nDie Auseinandersetzungen sind damit aber noch lange nicht beendet, sondern verlagern sich auf den benachbarten Winterfeldplatz, wo sie bis in die fr\u00fchen Abendstunden andauern. Ich sehe jedoch keinen Sinn in einer weiteren Konfrontation und setzte mich ab.<br \/>\nAus dem Areal zwischen Winterfeld- und Nollendorfplatz bis zur B\u00fclowstra\u00dfe hat sich die Polizei weitgehend zur\u00fcckgezogen. \u00dcberall kokelnde Barrikaden und einige Autowracks. Der Boden ist mit unz\u00e4hligen Pflastersteinen \u00fcbers\u00e4t, dazwischen hunderte von wei\u00dfen Styroporkapseln abgeschossener Tr\u00e4nengasgranaten.<br \/>\nUnd da steht doch an der B\u00fclowstra\u00dfe, Ecke Zietenstra\u00dfe, eine verlassen Bullenwanne. Das Fahrzeug ist wegen eines Motorschadens zur\u00fcckgelassen worden. Schnell finden sich ein paar Leute zusammen, und die Wanne wird auf die Seite gelegt. Kurz darauf brennt sie lichterloh. Das Bild geht sp\u00e4ter um die Welt.<br \/>\nGro\u00dfartige Fotos und Gef\u00fchlserlebnisse sind aber nur zwei Aspekte dieses Tages. Zur Bilanz geh\u00f6ren hunderte von Verletzten und 415 Festnahmen. Es gibt zivile Greiftrupps, die Leute mit gezogener Pistole festnehmen, und in der Nacht durchsucht die Polizei besetzte H\u00e4user. Gegen 22 Personen werden Haftbefehle wegen schwerem Landfriedensbruch ausgestellt. Auch im Nachhinein gibt es etliche Haussuchungen, und noch Monate sp\u00e4ter wertet die Polizei Fotos und Videoaufzeichnungen aus. Ein Aktivist bekommt f\u00fcr einen nachgewiesenen Steinwurf dreieinhalb Jahre Knast.<br \/>\nDie AL hat sich politisch ziemlich aus dem Fenster gelehnt und distanziert sich nicht von der verbotenen Demonstration. In der Nacht zum 12. Juni werden ihr B\u00fcro und die daneben befindliche Igel-Kneipe ein Raub der Flammen. Gleich in der Nacht des Brandanschlags gibt es eine Soli-Demo. Ich erinnere mich noch genau, wie ein p\u00f6belnder Mob uns vom Stra\u00dfenrand aus beschimpft. Wir sind eben nur eine kleine radikale Minderheit.<br \/>\nNach dem 11. Juni 1982 werden militante antiimperialistische Demonstrationen nicht mehr zugelassen. Als US-Vizepr\u00e4sident George Bush am 25. Juni 1983 Krefeld besucht, wird ein entsprechender Versuch von der Polizei im Ansatz zerschlagen und 118 Strafermittlungsverfahren eingeleitet. Zum letzten Aufb\u00e4umen von Friedens- und Antikriegsbewegung ger\u00e4t dann der \u00bbHei\u00dfe Herbst\u00ab 1983. Mittels \u00bbSt\u00f6rman\u00f6vern\u00ab sollen die NATO-Herbstman\u00f6ver sabotiert werden. Schlie\u00dflich beginnt im November 1983 die Stationierung der US-Atomraketen. Damit bricht die Mobilisierungsf\u00e4higkeit zusammen. Die Autonomen machen trotzdem weiter, allerdings bald auf anderem Terrain. So wird in der zweiten H\u00e4lfte der 1980er Jahre autonomer Antifaschismus mehr und mehr zum bestimmenden Thema.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schlacht am Nollendorfplatz \u2013 vor 40 Jahren besuchte US-Pr\u00e4sident Reagan Westberlin. Bernd Langer, 11.06.2022 Zwischen 1979 und 1983 bestimmt die atomare Hochr\u00fcstung die politischen Debatten. Das Schreckgespenst eines dritten Weltkriegs droht. Gleich mehrfach sind die Superm\u00e4chte USA und Sowjetunion in der Lage das Leben auf der Erde auszul\u00f6schen. SS 20 stehen gegen Pershing II [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":6523,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16,14],"tags":[342,93,328,283,74,341,340,339],"class_list":["post-6513","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuell","category-hauptartikel","tag-342","tag-antifa","tag-antifaschistischer-arbeitskreis-bad-lauterberg","tag-autonome","tag-bernd-langer","tag-militanz","tag-ronald-reagan","tag-westberlin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6513","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6513"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6513\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6592,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6513\/revisions\/6592"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6523"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6513"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6513"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunst-und-kampf.de\/WordPress_02\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6513"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}