Generalstreik für die sozialistische Republik

100 Jahre Abwehr des Kapp-Putsches am Beispiel Bad Lauterberg

Autor: Bernd Langer|erschienen in Unser Harz Nr.9/2020|in gekürzter Fassung am 19. April im Harzkurier

Im gesamten Reichsgebiet hat sich die Spaltung der sozialdemokratischen Bewegung nach der Novemberrevolution 1918 vertieft. Auf der einen Seite existiert die gemäßigte, eher dem bürgerlichen Lager zuzuordnende SPD, während die Vertreter_innen der U(nabhängigen)SPD, die beim Umsturz eine entscheidende Rolle gespielt haben, sich mehr und mehr an den Rand gedrängt und um die proletarische Revolution betrogen fühlen.

Die politischen Entwicklungen in den großen Städten bilden sich analog in der Provinz ab. Ein Beispiel gibt Bad Lauterberg, wo ab April 1919 eine USPD-Ortsgruppe in Erscheinung tritt, deren Anhängerschaft größer ist als die der SPD. Zwar findet am 1. Mai 1919 noch eine gemeinsame Maifeier mit der SPD statt, doch dann trennen sich die Wege.

Wirtschaftlich bleibt die Lage angespannt. In einigen Betrieben ist Kurzarbeit angeordnet, die Lebensmittelversorgung ist auf einen niedrigen Stand rationiert. Als Folge entsteht ein grassierender Schleichhandel. Besonders hart sind die lohnabhängigen Schichten von der Misere betroffen, die keine Wucherpreise zahlen können. Schuld an den steigenden Lebensmittelpreisen tragen nach Ansicht vieler Arbeiter_innen Kurgäste und andere „Nichtstuer“. Es kommt vor, dass Kurgästen auf dem Weg zum Bahnhof die Koffer geöffnet und diese „revidiert“, also durchsucht werden.

Ideologisch wird der proletarische Unmut durch eine Reihe von Veranstaltungen mit prominenter Beteiligung untermauert. So spricht Ende Mai 1919 Hans Plettner, USPD-Sekretär aus Hannover, in Bad Lauterberg und fordert zur Vereinigung von SPD und USPD auf sozialistischer Grundlage auf. Wenig später tritt der Schriftsteller Karl Meier aus Berlin für die USPD auf und gibt die Schuld an Streiks und Unruhen im Land der SPD, weil diese das Hauptproblem, die immer noch offene Sozialisierungsfrage, nicht angehe.

Am 11. August eskaliert die Situation, als eine Kundgebung gegen den Schleichhandel aus dem Ruder läuft. Nach einigen Ansprachen vor dem Rathaus, die sich gegen Kaufleute und Kurgäste richten, bricht die hungernde Menge zu einer Spontandemonstration durch die Hauptstraße auf. Verdächtige Läden werden gestürmt und nach gehorteter Ware durchsucht. Auch bei etlichen Kaufleuten, Schlachtern usw. wird illegale Ware entdeckt. Insbesondere im Kaufmannsladen der Frau Meyer in der unteren Hauptstraße und bei einem Schwarzhändler Teizel in der Schulstraße wird man fündig. „Die beiden hatte man vor einen Einspänner gespannt, und sie mussten die Fuhre mit beschlagnahmten Lebensmitteln zum Rathaus bringen.“[1] Die sichergestellten Lebensmittel werden am nächsten Tag zu festgesetzten Preisen verkauft.[2]

Da sich ein Großteil der Arbeiter_innen nach links entwickelt hat, wird bei der Monatsversammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins am 16. August der Antrag gestellt, geschlossen zur USPD überzutreten.[3] Obwohl ein großer Teil der Mitglieder den Übertritt vollzieht, bleibt die SPD am Orte bestehen.

Bei ihrer nächsten Vollversammlung hat die USPD wieder Plettner aus Hannover zu Gast. Der beendet die Zusammenkunft mit dem Aufruf, das Rätesystem zu verwirklichen.[4]

Wenig später agitiert das USPD-Mitglied Jean Uebel[5] als Vorsitzender des Ortsverbandes des Zentralverbandes der proletarischen Freidenker gegen die Kirche, mit dem Erfolg, dass bis Dezember 56 Personen aus der Gemeinde austreten.[6]

Die Revolutionsfeiern am 9. November werden getrennt begangen. Während die SPD nach einer Rede von Senator Steckhahn einen Ball im Kursaal eröffnet, ruft die USPD „alle Genossen, die auf dem Boden des Sozialismus stehen“ auf, in den kleinen Saal des Hotel Kurhaus zu kommen. Senator Steckhahn kritisiert in seiner Festrede die radikalen „krassen und undurchführbaren Forderungen“ der Unabhängigen und meint, „man könne nicht einfach alles umwerfen.“[7]

Im Gegensatz dazu eröffnet der Ortsvorsitzende der USPD, Hermann Stopperich,[8] die Veranstaltung mit einer Anspielung auf die SPD. Momentan ginge es nicht um „Vergnügungen und Tanzlustbarkeiten“, sondern es gelte vielmehr, der in Schutzhaft sitzenden Genossen zu gedenken und deren sofortige Freilassung zu fordern. Ferner müsse auf die Abschaffung der Todesstrafe hingewirkt werden. Dann singt der Arbeitergesangverein Frohsinn und es folgt der Festredner Jean Uebel. Dieser meint, dass der Arbeiter nun zu der Erkenntnis komme, dass er „um die Früchte der Revolution betrogen worden sei“, denn es herrsche die Diktatur des Bürgertums. Auch der Militarismus tauche wieder auf. Er fügt einige Beispiele an, bei denen die Reichswehr gegen streikende Arbeiter eingesetzt worden ist und führt aus, wie die Regierung mit Belagerungszustand und Schutzhaft herrscht. Auch seien verschiedentlich Einwohnerwehren gegen Arbeiter eingesetzt worden. Daher müssten die Blicke den „Brüdern und Schwestern in Rußland zugewandt“ sein, „mit ihnen müssen wir uns vereinen, damit das rote Banner der Räterepublik errichtet werde!“ Am Ende wird eine Resolution „Freiheit denen, die für die Freiheit kämpfen!“ [9] einstimmig angenommen und nach Berlin zur Reichsregierung geschickt.

Auf einer schwach besuchten Vollversammlung der USPD am 16. Dezember unter dem Motto „Gegenrevolution“ verkündet Jean Uebel, dass die unabhängige Partei „nicht auf dem Wege der Demokratie, sondern durch die Diktatur des Proletariats den Sozialismus verwirklichen wolle.“[10]

Arbeiterschaft und Bürgertum stehen sich in zwei Lagern gegenüber. Die aus der Kaiserzeit herrührende Privilegierung der bürgerlichen Klasse ist zwar politisch formal durch das gleiche, allgemeine Wahlrecht und andere rechtliche Gleichstellungen aufgehoben, aber man lebt immer noch in den alten Klischees und Bildern und bleibt vor allem sozial getrennt.

Einen entscheidenden Höhepunkt erfährt dieser soziale Konflikt im Zuge der Abwehrmaßnahmen gegen den Kapp-Putsch. Die überraschende Nachricht vom Putsch in Berlin erreicht eine öffentliche Versammlung der USPD im Kursaal. Die Partei hat dort am Samstag, dem 13. März 1920, als prominenten Referenten Karl Aderhold, Mitglied der Nationalversammlung, aus Hannover zu Gast. Nach den Meldungen vom Einmarsch der Marinebrigade Ehrhardt in die Reichshauptstadt wird die Veranstaltung unterbrochen. General Walther von Lüttwitz und Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp sollen die Macht an sich gerissen haben. Die Regierung Ebert/Bauer ist nach Dresden entkommen, von wo sie kurze Zeit später in das für sie sicherere Stuttgart weiterflieht.

Während „Reichswehr nicht auf Reichswehr schießt“, wie es General von Seeckt von der Reichswehrleitung formuliert, antwortet die Arbeiterschaft in ganz Deutschland auf diesen ersten rechtsradikalen Putsch mit einem Generalstreik, dem sich auch Beamtenschaft und selbst Geschäftsleute anschließen. An diesem Widerstand und der Unfähigkeit der Putschisten scheitert der Umsturz bereits am 17. März. Doch das Land ist in Unruhe, Arbeiterwehren die vielerorts entstehen, wollen ihre Waffen nicht mehr ohne größere politische Zugeständnisse abgeben, manche glauben gar, die Stunde der Revolution sei gekommen. In der Region um Halle, im Ruhrgebiet und an anderen Orten führt das zum Bürgerkrieg. Die Auswirkungen dieser Bewegung spielen sich auch in der Provinz ab.

In Bad Lauterberg ruft die USPD für den nächsten Tag, Sonntag, den 14. März, zu einer Versammlung an der Quelle, einem Pavillon im Stadtzentrum, auf. Dort kommt gegen 11.30 Uhr eine große Menschmenge zusammen. Verschiedene Redner fordern, sich dem Generalstreik anzuschließen. Am Ende wird ein dreifaches Hoch auf die Republik ausgebracht.[11]

Obwohl die Streikparole seit dem 13. März im Umlauf ist, setzt der Streik in Bad Lauterberg erst am Montag, dem 15. März, mit voller Wucht ein. An diesem Tag bestimmen USPD, SPD und Gewerkschaften im Schützenhaus einen Vollzugsrat, der ausschließlich aus Mitgliedern von USPD und SPD besteht. Als Leitungsgremium wird ein engerer Vollzugsrat gewählt, der aus fünf USPD- und einem SPD-Mitglied besteht. Da nun die Arbeiterschaft für Ruhe und Ordnung sorgen will, wird eine Volkswehr gegründet sowie eine Überwachungskommission für den Magistrat und eine Kommission zur Regelung des Ernährungswesens eingesetzt.[12] Bad Lauterberg ist damit in der Hand der sozialistischen Arbeiterparteien.

Mittels eines Flugblatts veröffentlicht der Vollzugsrat seine Anordnungen. Sämtliche Fabriken und Kaufhäuser müssen ihren Betrieb einstellen. Außerdem werden alle Genossen, die das 20. Lebensjahr erreicht haben, aufgefordert, „zur Bekämpfung der reaktionären Regierung“ in die Volkswehr einzutreten. Um die Bewaffnung zu gewährleisten, sollen sämtliche Hand- und Schusswaffen an die Volkswehrkommission abgegeben werden, was als „Schutzmaßnahme für Lauterberg gegen etwaige Überfälle von Seiten reaktionärer Truppen“[13] gedacht ist. Allerdings wird die Forderung, die Waffen abzuliefern, von Teilen des Bürgertums ignoriert. Die Volkswehr richtet ihr Hauptquartier im Schützenhaus ein.

Der Magistrat ist von den Ereignissen überrumpelt und erklärt sich zunächst mit den Maßnahmen des Vollzugsrates einverstanden.

Um die Neuigkeiten sofort bekannt zu machen, rattert der linke Aktivist Albert Knochel mit einem Auto durch den Ort, trötet mit dem Signalhorn und verkündet: „Kollegen und Kolleginnen! Wir haben die Macht an uns gerissen, entweder wir streiken oder wir legen die Arbeit nieder!“ – Kurz darauf kommt der Gegenbimmler, Fleckendiener Müller, der im Namen des Bürgermeisters proklamiert: „[…] noch haben wir die Macht […]!“[14] Als Antwort detoniert eine Handgranate vor der Tür des Wissmannhauses,[15] in dem der alte Bürgermeister von Ernsthausen wohnt. In Panik sucht von Ernsthausen das Weite. Noch lange Zeit erinnern Handgranatensplitter im Türrahmen an diese Episode.[16]

Der linke Aktivist Albert Knochel, der mit den Worten: „[…] entweder wir streiken oder wir legen die Arbeit nieder!“, den Generalstreik in Bad Lauterberg bekannt gibt. Die Aufnahme zeigt Knochel ein Jahr zuvor, in alter Uniform ohne Kokarden und Abzeichen, auf der Mai-Demo 1919 in Bad Lauterberg.

Unter dem Motto „Der Kampf gegen die Reaktion“ ruft die USPD am 15. März um 20 Uhr zu einer Volksversammlung im Kursaal auf.[17] Der Saal ist übervoll und der Vorsitzende der USPD, Stopperich, „ergriff als Referent das Wort. Er zeichnete das Bild über die augenblickliche politische Lage, über die Kämpfe für und gegen die Reaktion, die sich in den Großstädten abspielten. […] Heute gälte es für jeden Arbeiter und Beamten, diese Reaktion zu bekämpfen. Das einzige, aber tödlich wirksame Mittel in der Hand des Arbeiters sei der Generalstreik, in den seit heute auch alle Betriebe – mit Ausnahme derjenigen, die für Erhaltung des Lebens unbedingt erforderlich – eingetreten sind. Dieser Generalstreik – ein politischer Streik, der nicht bezahlt wird – müsse die Reaktion niederzwingen, denn keine Regierung sei lebensfähig, der die Arbeiter ihren Dienst verweigerten. Alle sollten eingedenk des großen Zieles gern die kleinen Opfer, die ihnen dieser Generalstreik auferlegte, bringen.“[18]

Verschiedene Redner bringen eine entschlossene und radikale Stimmung zum Ausdruck. „Herr Hanisch betonte, dass es die Pflicht eines jeden sei, in diesem Augenblick einmütig in den Reihen der Kämpfer gegen die Reaktion zu stehen, es gälte einen Kampf um Sein und Nichtsein. Die gemeinsame Not der Stunde würde alle Arbeiter zusammenschweißen zu einem Kampfblock, dem alle Widersacher weichen müssten.“[19]

Solche Worte zeigen Wirkung, auch die anwesenden SPD-Mitglieder lassen sich mitreißen: „Herr Fischer verlas dann folgende heute Nachmittag im Schützenhaus gefasste Entschließung: Sämtliche anwesenden Vertreter der Gewerkschaften sowie der Vorstände beider sozialistischen Parteien erklären einstimmig, den Generalstreik solange durchzuhalten, bis die Reaktion beseitigt und an deren Stelle eine rein sozialistische Regierung eingesetzt ist.“[20]

Allerdings führt das Auftreten des Vollzugsrats zu Konflikten mit dem Bürgertum. Der Magistrat gedenkt nicht, seine Befugnisse an die sozialistische Arbeiterschaft abzutreten, und der Bürgermeister spricht dem Vollzugsrat die Legitimation ab.

Dessen ungeachtet patrouillieren Angehörige der Volkswehr durch die Stadt und achten auf die Durchführung der Kampfmaßnahmen. So fordern sie den Lehrer Bartels kategorisch auf, die Schule zu schließen. Nur widerwillig und unter Protest lässt sich der Lehrer in den Streik zwingen. Desweiteren werden nachts Patrouillen auf den Weg geschickt, um den Schleichhandel zu unterdrücken.

Die sozialistische Arbeiterschaft misstraut dem Bürgertum und verdächtigt es pauschal, mit den Putschisten sympathisieren. Dagegen sehen viele Bürger_innen sich und ihr Eigentum von den Proletarier_innen bedroht. In der Nacht zum 17. März eskaliert die Situation, als in der Aue, einem vornehmlich proletarischen Stadtgebiet, auf den USPD-Mann Hanisch geschossen wird. Umgehend zieht die Volkswehr bei sämtlichen Bürgern die Waffen ein, wozu Abteilungen der Volkswehr Hausdurchsuchungen vornehmen. Als sich Bürger gegen die Willkürmaßnahmen wehren, führt das zu Tätlichkeiten.

Mittlerweile gibt der Vollzugsrat bekannt, dass in Süddeutschland und Westfalen die Räterepublik ausgerufen worden sei. In Braunschweig und Heiligenstadt sollen heftige Kämpfe stattfinden, in Hamburg, Gotha und anderen Städten die Arbeiter die Macht vollständig übernommen haben. Abgesehen von Gotha entsprechen die Meldungen zwar nicht den Tatsachen, geben den linken Aktivisten aber Rückenwind.

Die Stimmung zwischen den politischen Lagern in Bad Lauterberg wird immer gereizter, was sich auch bei einer öffentlichen Versammlung zeigt, die am Mittwochabend, dem 17. März, im Kursaal einberufen wird. Die Aussprache endet in einer verbalen Konfrontation. Maßner von der bürgerlichen Fraktion: „Ich rufe den Bürgern zu: ‚Heraus aus dem Mauseloch!‘“, darauf antwortet Branig von den Linken: „Diese Worte haben den Kampf entfacht, aber wir werden nicht eher ruhen, bis die Diktatur des Proletariats den Sieg in Deutschland feiert.“[21]

Major Maßner, der in Bad Lauterberg eine kleine Fabrik leitet, bringen solche Äußerungen auf die Palme. Dazu erscheint eine Gruppe von 10 Leuten der Volkswehr vor seinem Haus und wirft, nachdem nicht geöffnet wird, eine Handgranate vor den Eingang. Als Maßner daraufhin an die Tür tritt, wird sein Haus durchsucht und zwei Gewehre mitgenommen. Empört spricht der Major von „Plünderung“ und bringt den Vorfall am 18. März zur Anzeige. Ein ähnlicher Vorfall ereignet sich beim Geheimen Bergrat Uthemann.[22]

Es gibt zwei sich argwöhnisch betrachtende Fraktionen, auf der einen Seite der Vollzugsrat mit der Volkswehr und auf der anderen der Magistrat und das Bürgertum. Die sozialistische Arbeiterschaft ist in Bad Lauterberg aber eindeutig in der Mehrheit und zudem bewaffnet, insofern ist die Machtfrage geklärt. Auf dieser Grundlage stellt die Volkswehr in den folgenden Tagen gehortete Lebensmittel sicher und verteilt sie an Bedürftige.

Die in Bad Lauterberg aufgestellte Volkswehr besteht ausschließlich aus sozialistisch eingestellten Arbeitern. Ihr Hauptquartier ist das Schützenhaus,
heute Hotel Riemann.

Am 18. März wird bekannt, dass der Putsch wegen des Generalstreiks gescheitert ist, die Regierung Ebert/Bauer übernimmt wieder die Geschäfte, Gespräche zur Beendigung des Streiks werden aufgenommen. Noch bleibt die Informationslage allerdings unklar. Trotzdem veröffentlichen fünf Industrielle und Kaufleute in Bad Lauterberg im Namen der gesamten Bürgerschaft ein Flugblatt, in dem sie das Vorgehen der USPD als ungesetzlich diffamieren und dazu auffordern, am 19. März die Arbeit wieder aufzunehmen. Wer dem nicht nachkommt, soll entlassen werden. Zusätzlich veröffentlicht der Magistrat am 19. März ein Flugblatt, in dem er sich vom Vollzugsrat distanziert und erklärt, dass er die ihm beigeordnete Überwachungskommission nicht anerkennt. Noch am selben Tag wird dem Magistrat im Fleckenkollektiv[23] von allen Parteien das Vertrauen ausgesprochen, mit Ausnahme der USPD, die nicht in diesem Gremium vertreten ist. Das heißt, dass die SPD auf die Seite der „bürgerlichen Parteien“ wechselt.

Am selben Tag tritt das Gewerkschaftskartell zusammen, das am Ort aus den vier Verbänden der Holz-, Metall-, Berg- und Mühlenarbeiter besteht. Die Gewerkschafter_innen stimmen über den Streik ab und sprechen sich mit 478 zu 85 Stimmen für die Fortführung des Ausstandes aus, was dem Magistrat am 21. März offiziell mitgeteilt wird. Damit bekennen sich die Arbeiter_innen zum linken Flügel der Sozialdemokratie, denn am 20. März erklärt der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) in Berlin, der Dachverband der freien Gewerkschaften, das Ende des Generalstreiks. Im Gegensatz dazu wollen linkssozialistische Organisationen ihn erst abbrechen, wenn die Vergesellschaftung der Großindustrie vorgenommen worden ist.

Währenddessen treffen in Bad Lauterberg Nachrichten von Kämpfen zwischen Reichswehr und Arbeiterwehren im knapp 150 km entfernt liegenden Halle ein. Außerdem soll sich im Ruhrgebiet eine Rote Ruhrarmee konstituiert haben. Um das Blutvergießen zu beenden, finden unaufhörlich Verhandlungen statt. Als der Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) am 22. März zurücktritt, bricht auch die USPD den Generalstreik ab. Nur im Ruhrgebiet eskaliert die Situation, und vereinzelt gibt es noch weitere Städte und Regionen, in denen die Kampfmaßnahmen länger durchgeführt werden – zu denen, die am längsten durchhalten gehören die Arbeiter_innen in Bad Lauterberg.

Die bürgerlichen Parteien in Lauterberg schließen sich zu einem Block zusammen und erklären, ihrerseits für „Ruhe und Ordnung“ sorgen zu wollen. Bereits am 17. März hat General Walter von Hülsen, der Chef der 10. Reichswehrbrigade in Hannover, an den Landrat in Osterode ein Telegramm gesandt. Einerseits gibt der General darin seiner Hoffnung Ausdruck, „dass auch in dem mir unterstellten Gebiet der bedauernswerte Streik sein Ende nehmen wird“,[24] anderseits sind die Behörden damit in Kenntnis gesetzt, dass das Militär zum Einmarsch bereit steht. Spätestens seit dem 22. März ist der Magistrat in Bad Lauterberg über dieses Telegramm informiert. An diesem Tag verfügt General Hülsen, dass alle Schusswaffen sowie Munition und Sprengmittel von den Gemeindebehörden einzusammeln sind. Wenig später bekräftigt der Landrat diese Verordnung, was mittels Zeitungsanzeige und Flugblatt bekannt gemacht wird. Doch die Arbeiterwehr gibt ihre Waffen nicht ab und bleibt auf dem Posten. Im Gegenzug bewaffnen sich die Bauern im Dorf Scharzfeld, die politisch rechts stehen. Die Scharzfelder Bauern geben vor, sich gegen Überfälle der Sozialisten aus Lauterberg verteidigen zu wollen und stehen als Verstärkung für die Reichswehr gegen „die Roten“ zur Verfügung.

Am 26. März werden Vertreter des Lauterberger Magistrats, darunter auch Funktionsträger der SPD, im Rathaus in Herzberg zusammengerufen. Offiziere der Reichswehr geben bekannt, dass am nächsten Tag eine groß angelegte Entwaffnungsaktion im Südharz anläuft. In Bad Lauterberg seien die Waffen bis 10 Uhr abzugeben, im anderen Fall würden Zwangsmaßnahmen erfolgen.

Der Einsatz der Reichswehr bezieht sich auf verschiedene Orte, mindestens 400 Soldaten marschieren in Herzberg ein, wo ebenfalls Entwaffnungsaktionen erfolgen. Ziel und Schwerpunkt der Operation ist aber Bad Lauterberg.

Am Morgen des 27. März, einem Samstag, wird das Harzstädtchen umstellt. Zeitzeug_innen berichten von Geschützen auf dem Butterberg. In der Stadt profiliert sich Senator Steckhahn von der SPD, der bereits bei den Gesprächen am Vortag mit den Reichswehroffizieren Kontakt aufgenommen hat, als Waffeneinsammler. Das macht keine Probleme, denn die Angehörigen der Volkswehr sehen ein, dass es keinen Sinn hat, gegen die Reichswehr anzutreten. Kurz nach 10 Uhr meldet Steckhahn, die Waffen seien eingesammelt, und Reichswehr marschiert in die Stadt. Von den Soldaten werden an den Ortseingängen mit spanischen Reitern gesicherte Kontrollposten aufgestellt und an strategisch wichtigen Punkten in der Stadt MGs in Stellung gebracht. Dann erfolgen Haussuchungen bei linken Aktivisten. Insgesamt dauert die Entwaffnungsaktion eine Stunde.

Anschließend zieht sich die Reichswehr in das für sie etwas angenehmere Scharzfeld zurück und biwakiert auf dem Mühlenplatz. Dorthin werden auch die beschlagnahmten Waffen gebracht. Viele Schaulustige, Jugendliche und Kinder finden sich ein, etliche sind den Soldaten aus Bad Lauterberg gefolgt. Eine Pistole, Ausrüstungsgegenstände und einige der beschlagnahmten Gewehre kommen der Reichswehr bei dieser Gelegenheit abhanden.

Nach der Entwaffnung ist der Streik in Bad Lauterberg beendet und am Montag, dem 29. März, wird die Arbeit wieder aufgenommen. Im Nachhinein werden einige Gerichtsverfahren angestrengt, die aber wenig später durch eine Amnestie für alle im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch begangenen Straftaten null und nichtig werden.

Gravierend wirken sich die Ereignisse auf das Verhältnis zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum aus, sowie auf das Verhältnis zwischen USPD und SPD. Die Linken werfen der SPD Verrat vor, selbst Maifeiern werden ab jetzt getrennt durchgeführt. Als Folge der Radikalisierung wird wenig später die Ortsgruppe der KPD in Lauterberg gegründet, zu der bald sehr viele USPD-Mitglieder übertreten.

Lauterberger Wochen- und Anzeigenblatt (LWA), existiert bis 30.6.1929, ab 1.7.1929 Bad Lauterberger Tageblatt (BLT).


[1] Theo Schlösser, Lebenserinnerungen, o. J., mündlicher Bericht, nicht gedrucktes Skript, im Besitz des Verfassers.

[2] Lauterberger Wochen- und Anzeigenblatt (LWA), 12.8.1919.

[3] LWA, 16.8.1919.

[4] Die Versammlung fand am 1.9.1919 statt. Vgl.: LWA, 4.9.1919.

[5] Jean Uebel, im Weltkrieg Unteroffizier, 1918 Soldatenrat in Bad Lauterberg, 1919-1922 USPD, 1924-1933 Ortsvereinsvorsitzender und Wortführer der SPD, 1945-1946 kurzzeitig von den Alliierten als Bürgermeister eingesetzt.

[6] LWA, 13.9.1920, und Evangelisches Pfarramt Bad Lauterberg, Akte Austritte 1910-1945.

[7] LWA, 11.11.1920.

[8] Hermann Stopperich, gebürtig in Dahlhausen, heute Bochum, kommt 1917 nach Bad Lauterberg und arbeitet in der Industrie. Bis dahin war er als Soldat im Weltkrieg und wird wohl Ende des Krieges erneut eingezogen. 1918 ist er Mitglied im Soldatenrat in Münster. Im selben Jahr schließt er sich der SPD und dem Metallarbeiterverband an. Er ist Betriebsratsvorsitzender und Vorsitzender der Betriebsratsvereinigung in Bad Lauterberg und tritt zur USPD über. Bis 1922 ist er deren Parteisekretär und von 1949 bis zu seinem Tod 1952 Bundestagsabgeordneter der SPD für den Wahlkreis Harz.

[9] LWA, 11.11.1920.

[10] LWA, 17.11.1920.

[11] LWA, 15.11.1920.

[12] Vgl.: Handschriftlicher Bericht vermutlich des Bürgermeisters, zit. in: Eberhard Jacobshagen: Die Entwicklung der SPD und KPD in der Weimarer Republik, dargestellt am Beispiel einer niedersächsischen Kleinstadt: Bad Lauterberg. Schriftliche Hausarbeit für das Lehramt an Volksschulen. Bad Lauterberg 1969, S. 27 f.

[13] Flugblatt des Bad Lauterberger Vollzugsrats, zit. in: Jacobshagen (1969), S. 28.

[14] Theo Schlösser, Lebenserinnerungen, o. J., mündlicher Bericht, nicht gedrucktes Skript, im Besitz des Verfassers.

[15] In dem Haus in der heutigen Wissmannstraße lebte die Mutter Hermann von Wissmanns nach dem Tod ihres Mannes. Der prominente Afrikaforscher, Offizier und Kolonialbeamter, später Reichskommissar und letztendlich Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Hermann von Wissmann (1853 – 1905) besuchte des öfteren seine Mutter, das Haus erhielt daraufhin seinen Namen.

[16] Hierbei handelte es sich wohl um eine Machtdemonstration gegenüber dem Bürgertum. Der Bürgermeister ist seit den Wahlen von 1919 August Stauf (SPD).

[17] LWA, 16.3.1920.

[18] LWA, 16.3.1920.

[19] LWA, 16.3.1920.

[20] LWA, 16.3.1920.

[21] LWA, Nr. 33, 18. März 1920.

[22] Siehe: Jacobshagen (1969), S. 29.

[23] Verwaltung mit zentralörtlicher Funktion, ein Flecken bildet für die umliegenden Dörfer den Mittelpunkt.

[24] Zit. in: Jacobshagen (1969), S. 30.

Visuelle Hymne

Das Antifa-Comic von Gord Hill

Bernd Langer

Qualitativ auf hohem Niveau, vierfarbig, im DIN-A4-Format und als gebundenes Buch mit festem Einband, ist das Antifa-Comic von Gord Hill in deutscher Übersetzung erschienen. Der seit 1990 politisch aktive Autor ist kanadischer Staatsbürger und indigener Aktivist der Kwakwaka’wakw-Nation. U.a. betreibt er die Homepage Warrior Publications und arbeitet auch unter dem Pseudonym Zig Zag. Zu seinen Kunstwerken gehören Grafiken, T-Shirts, Gemälde, Schnitzereien und Comics. Die Arbeiten von Gord sind Kunst aus dem Widerstand.

Sein nunmehr drittes Comic kommt ohne die das Genre kennzeichnenden Sprechblasen aus und ist eher ein illustriertes Geschichtsbuch. Wobei Gord Hill meist historische Fotos und Plakate als Vorlagen für seine Zeichnungen verwendet, was dem Ganzen Authentizität verleiht und hier und da einigen älteren Antifa-Aktivist_innen ein Lächeln abgewinnen wird, wenn sie ihre Aktionen oder gar sich selbst im Comic wiederfinden.

Den militanten Antifaschismus zu thematisieren und popularisieren ist Teil der aktuellen Auseinandersetzung. Posaunt doch US-Präsident Donald Trump herum, dass er die Antifa verbieten will, die selbst in der BRD, allen voran dem Bundestag, als linksradikale Gefahr gilt. Insofern kommt dass Antifa-Comic genau zur richtigen Zeit.

Gord Hill ist es gelungen, 100 Jahre Geschichte auf 113 Seiten darzustellen. Obgleich durch die zwangsläufigen Verkürzungen viele Inhalte verloren gehen und die Darstellungen nicht frei von Fehlern und Widersprüchen sind.

So ist die anarchistische Orientierung des Autors bereits auf der Titelseite unübersehbar durch eine schwarze Fahne markiert. Demgegenüber beruht seine geschichtliche Darstellung vor allem auf der kommunistischen Sichtweise. Der Januaraufstand 1919 in Berlin heißt bei Gord „Spartakusaufstand“, bei dem „1.200 Spartakisten“ ihr Leben verloren. Tatsächlich waren es insgesamt 120 Tote, die meisten Linken waren USPD-Mitglieder oder Unorganisierte.

Solche Fehler und unkorrekte Beschreibungen finden sich leider zuhauf. Inhaltlich führt dies manchmal zu Schräglagen. So beim Kapitel über den antifaschistischen Kampf in Italien, wo über dem Anteil der „Arditi del Popolo“ (ehemalige Kriegsfreiwillige) eingehend berichtet wird.Keine Erwähnung findet hingegen, dass ein Großteil der Arditi mit dem Faschismus sympathisierte, sich Mussolini anschloss und ihre Waffenfarbe die Vorlage für das Schwarzhemd lieferte.

Im dem Teil ab 1945, der die Hälfte des Bandes ausmacht, sind die Beschreibungen bis auf wenige Ausrutscher präziser. Etwa heißt es im Kapitel zur BRD „Nach dem Abzug der Alliierten 1949 wurden einige neue faschistische Parteien gegründet“.

Vor allem die internationale Darstellung des antifaschistischen Widerstandes, der oft mitsamt seiner historischen Entwicklung in den betreffenden Ländern abgehandelt wird und bis ins Jahr 2018 reicht, gehört zu den Stärken des Comics. Wenngleich auch hier einiges verkürzt erscheint. Wie zum Beispiel beim Kapitel „Der NATO-Putsch in der Ukraine“, in dem das Wirken faschistischer Gruppen beschrieben wird, hingegen antifaschistische Gruppen keine Erwähnung finden.

Dass die Antifa in den USA und vor allem in Kanada in dem Band eine große Rolle spielen, ist logisch, dass aber Frankreich lediglich auf zwei mageren Seiten abgehandelt wird, übergeht die große Bedeutung die das Land für den internationalen Antifaschismus hatte. In Frankreich entstand 1934 die Volksfront und in einer mehrtägigen Straßenschlacht vor den Regierungsgebäuden in Paris wurden die Faschisten gestoppt.

Dabei scheut sich der Comic nicht vor inhaltlichen Statements. Gleich auf der ersten Seite wird der Faschismus in acht Punkten definiert. Richtig stimmig gelingt das nicht, es handelt sich eher um eine Charakterisierung des Nationalsozialismus. Auf Seite zwei folgt dann alter Wein in neuen Schläuchen. Unter einem Kapitalisten mit Zylinder, der erschrocken von der Revolution in Russland liest, steht: „In diesem Kontext entstand der Faschismus als politisch militärische Kraft, die eingesetzt wurde, um revolutionäre Bewegungen anzugreifen und damit die Macht von Staat und Kapital auch in Krisenzeiten zu sichern.“

Das erinnert an John Heartfields Fotomontage „Millionen stehen hinter mir“, auf der ein riesiger Kapitalist aus dem Hintergrund Adolf Hitler ein Bündel Geldscheine zusteckt. Nicht ganz falsch, sicher, doch mit Recht ist diese simple Erklärung umstritten. Die Existenz heutiger rechtsradikaler Entwicklungen bzw. Regime lassen sich so jedenfalls nur unzureichend erklären. Faschismus ist eben nicht einfach eine Verschwörungdes Kapitals und Nazis nicht die willenlosen Marionetten der Industriebosse.

Ein Comic ist aber keine wissenschaftliche Abhandlung. Seine inhaltlichen Mängel stellen das Gesamtwerk nicht in Frage. Gord Hills Comic ist ein lohnender, künstlerischer Beitrag zur Antifa-Bewegung und eine gute Einführung in das Thema.

25 Jahre FAP-Verbot

Das Ende der letzten legalen, bundesweiten Neonazi-Partei

Vorrangiges Thema der Rechtsradikalen ist Anfang der 1970er Jahre die neue Ostpolitik der Bundesregierung. Vor allem geht es um die staatsrechtliche Anerkennung der DDR und der Oder-Neiße-Linie, ohne die Ansprüche auf diese Gebiete vollends aufzugeben. Dagegen mobilisiert die NPD im Jahr 1970 mit der Aktion Widerstand, der sich viele rechtsradikale Zirkel anschließen. In diesem Zusammenhang kommt auch der dem Hitlergruß ähnelnde Widerstandsgruß mit erhobenem rechtem Arm und abgespreizten drei Fingern auf. Sämtliche Veranstaltungen der Aktion Widerstand verlaufen gewalttätig, so das sich die NPD bereits im folgenden Jahr gezwungen sieht, die Organisation aufzulösen. Dennoch hat diese kurze Zeit zu einem Radikalisierungsschub samt Generationenwechsel geführt. Nun entstehen Wehrsportgruppen und Neonazi-Parteien nach Vorbild der NSDAP sowie der Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik.

Eine zentrale Rolle spielt der Anfang 1977 wegen seiner Gesinnung aus der Bundeswehr entlassene Michael Kühnen. Mit dem Deutschamerikaner Gary Lauck gründet Kühnen im selben Jahr den SA-Sturm Hamburg als Teil der NSDAP/AO (sowohl Aufbau- als auch Auslands-Organisation). Über Lauck gelangt in den nächsten Jahren Hakenkreuz-Propagandamaterial aus den USA in die BRD. Darunter auch die Zeitung NS-Kampfruf, in der Kühnen seine programmatische Schrift Die zweite Revolution veröffentlicht. Internationales Aufsehen erregt die von Kühnen, Christian Worch und anderen gegründete ANS (Aktionsfront Nationaler Sozialisten) 1978 in Hamburg mit der „Eselmasken-Aktion“. Einige Neonazis setzen sich entsprechende Masken auf und hängen sich Schilder mit der Aufschrift „Ich Esel glaube noch, dass in deutschen KZs Juden ‚vergast‘ wurden“ um. Dieser Aufmarsch wird nach wenigen Metern von der Polizei unterbunden. Es gibt aber Filmaufzeichnungen, die als Sensationsnachrichten weltweit ausgestrahlt werden.

Es dauert nicht lange und Kühnen sitzt zum ersten Mal im Knast. Während der Haft ereignet sich 1981 ein Fememord. Das ehemalige ANS-Mitglied Johannes Bügner wird wegen erwiesener Homosexualität von seinen Kameraden mit 20 Messerstichen ermordet, die Kehle durchgeschnitten. Kühnen distanziert sich von dieser Tat, die ihn aufgrund seiner eigenen sexuellen Neigung nicht in Ruhe lässt. Zunächst aber geht die neonazistische Aufbauarbeit ohne weitere interne Konflikte weiter.

Im Jahr 1983 vereinigt sich die ANS mit den NA (Nationalen Aktivisten) zur bundesweit agierenden ANS/NA, die noch im selben Jahr verboten wird. Mit diesem Verbot haben die Neonazis gerechnet und Kontakt mit der FAP (Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei) aufgenommen. Die 1979 vom ehemaligen HJ-Führer und nachmaligen NPD-Funktionär Martin Pape in Stuttgart gegründete Partei ist bis zu diesem Zeitpunkt eine unbedeutende, regionale Erscheinung. Das ändert sich mit der Übernahme der FAP durch die verbotene ANS/NA. Aus taktischen Gründen tritt Kühnen selbst nicht in die FAP ein, die schnell zu der angesagtesten Neonazi-Partei der BRD wird.

Kühnen veröffentlicht dann 1986 die Broschüre Nationalsozialismus und Homosexualität, die er dem ermordeten Bügner widmet. Ein direktes Outing findet sich zwar nicht im Text, trotzdem gilt er auch als öffentliches Bekenntnis Kühnens. Der Text führt zu einer erbittert geführten internen Auseinandersetzung. An deren Ende gilt Homosexualität, zumindest in größeren Teilen der rechtsradikalen Szene, nicht mehr als „perverse Entartung“. Kühnen stirbt 1991 an AIDS.

Der Programmatik Kühnens folgend versucht die FAP ein möglichst getreues Abbild der NSADP darzustellen. Es gibt Standarten sowie eine Art Parteiuniform, man trägt Schulterriemen, Gebietsdreieck und Feldmütze mit SS-Totenkopf. Das Äußere zeigt, dass es sich bei der FAP eher um einen Schlägerhaufen handelt, der sich in der Nachfolge der SA begreift. Parlamentarisch bleibt die Partei denn auch absolut bedeutungslos und erreicht Wahlergebnisse meist unter 1 Prozent. Zu ihrer Hochzeit, Anfang der 1990er Jahre, zählt die Partei maximal 1.000 Mitglieder.

Vorsitzender der FAP ist seit 1988 bis zu ihrem Verbot 1995 Friedhelm Busse (1929 – 2008).[1] Über die NPD ist Busse, der auch über Kontakte zur NSDAP/AO verfügt, an der Gründung der Aktion Widerstand beteiligt und wird kurz darauf wegen ständiger gewalttätiger Übergriffe aus der Partei ausgeschlossen. 1971 gründet er die Partei der Arbeit/Deutsche Sozialisten die sich ab 1975 VSBD/PdA (Volkssozialistische Bewegung Deutschland/Partei der Arbeit) nennt. Die VSBD wird nach einer Schießerei mit zwei Toten[2] Anfang 1982 verboten. Busse kommt für mehr als drei Jahre in den Knast und wird bald nach seiner Haftentlassung FAP-Vorsitzender.

Zu den frühen Zentren der neuen FAP zählt Südniedersachsen. Im Dorf Mackenrode bei Göttingen lebt der österreichische Frührentner Karl Polacek (1934 – 2014) in seinem Haus, das ab Mitte der 1980er Jahre als Parteizentrum dient. Es gelingt Polacek, Einfluss auf die Skinhead-Szene zu gewinnen, zu dessen Vertretern Thorsten Heise aus Northeim zählt.

Der Aufbau der Neonazi-Strukturen trifft in Südniedersachsen jedoch auf den Widerstand der Antifa-Bewegung. Mittels permanenter militanter Konfrontationen, deren Höhepunkt ein Frontalangriff auf das Haus während einer FAP-Schulung 1991 darstellt, Anschlägen, Aufklärungsarbeit und Demonstrationen, gelingt es, die Neonazis in ihre Schranken zu weisen.[3] Als Polacek 1992 nach Österreich abgeschoben wird, verlagert sich der Schwerpunkt der FAP nach Northeim, zum Wohnhaus von Thorsten Heise. Dort findet 1994 eine Antifa-Demo mit mehr als 3.000 Menschen der Autonomen Antifa (M) statt. Anschließend durchsucht die Polizei das von Neonazis verbarrikadierte Anwesen von Thorsten Heise. Wenige Monate später wird die FAP verboten. Das Verbot wird aufgrund fehlender Parteieigenschaften nach Vereinsrecht durchgeführt. Fast sämtliche Kader der FAP treten bald darauf (wieder) in die NPD ein.

Einen solchen bundesweiten Zusammenschluss wie die FAP hat die Neonaziszene bislang nicht mehr zustande gebracht. Heute existieren mit der Neonazisekte III. Weg, der Kleinstpartei Die Rechte, der diffusen Szene der Freien Kameradschaften und der erheblich geschrumpften NPD vier Fraktionen. Übrig geblieben ist auch Thorsten Heise, dem Ambitionen auf den NPD-Vorsitz nachgesagt werden. Wir werden sehen, was daraus wird.

Foto: Verbrennen der FAP-Standarte vor dem Haus von Thorsten Heise bei der Antifa-Demo in Northeim am 4.6.1994.

[1] Busses Vater ist bereits 1920 Mitglied der NSDAP und SA-Sturmbannführer im Ruhrgebiet. In diesem Geiste erzogen meldet sich Busse, im Jahr 1944 mit gerade mal 15 Jahren freiwillig zur SS-Division-Hitlerjugend und erlebt im letzten Aufgebot als Panzerjäger den Krieg.

[2] Bereits am 24. Dezember 1980 will das VSBD Mitglied Frank Schubert in seinem Auto Waffen aus der Schweiz schmuggeln. Als ihn an der Grenze Schweizer Zöllner kontrollieren wollen, erschießt er zwei der Beamten und verletzt zwei weitere, anschließend erschießt sich Schubert selbst. Im Oktober 1981 stoppt die Polizei in München ein Auto mit fünf VSBD Mitgliedern die von der Wohnung Busses zu einem Banküberfall aufbrechen. Es kommt zu einer Schießerei bei der zwei VSBD-Mitglieder sterben und einer schwer verletzt wird.

[3] Es sollte nicht vergessen werden, dass in diesem Zusammenhang drei Menschen in Göttingen ihr Leben verlieren. 1987 verunglückt der Neonazi Ingo Kretschmann, der zuvor einige Zeit im FAP-Haus in Mackenrode gelebt hat, beim Experimentieren mit selbstgebastelten Sprengkörpern tödlich. 1989 wird Conny Wessmann von der Polizei bei einer Antifa-Aktion vor ein Auto getrieben. In der Nacht zum 1. Januar 1991 wird Alexander Selchow von einem FAP-Mitglied erstochen.

Die Tode von Conny und Alex

Vor 30 Jahren in Göttingen

Man schrieb Freitag, den 17. November 1989, es war eine kalte Novembernacht. In Northeim hatte ich einen Dia-Vortrag über Neonazis gehalten und war auf der Rückfahrt nach Göttingen. Da flackerte von Ferne auf der Weender Landstraße Blaulicht in der Höhe des Iduna Zentrums. Ein Polizeieinsatz gegen 21.30 Uhr, direkt gegenüber des Uni-Geländes, da musste Stress mit Neonazis der Grund sein. Seit das Haus des Frührentners Karl Polacek (1934 – 2014) in Mackenrode der FAP (Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei) als Stützpunkt diente, kam es jedes Wochenende zu Schlägereien in der Stadt. Wir hatten für solche Fälle Telefonketten organisiert um in Kürze militante Gegenwehr auf der Straße organisieren zu können. Neben den Nazis stand allerdings stets schützend die Polizei. Das im Hinterkopf stellte ich mein Auto ab und näherte mich einer merkwürdigen Szene. Einige Genoss_innen aus der autonomen Bewegung liefen konfus herum, andere lagen sich weinend in den Armen. Dazwischen Polizisten, die nicht so recht wussten was zu tun war. Es musst gerade eben passiert sein. Stadtauswärts lief der Verkehr noch. Auf der abgesperrten Fahrbahn in Richtung Stadt, stand ein weißer PKW mit zersplitterter Frontscheibe und offener Fahrertür. Einige Meter davon entfernt lag rücklings eine Frau auf der Fahrbahn. Sie war offensichtlich im hohen Bogen durch die Luft geschleudert worden. Verletzungen waren nicht zu erkennen, das Gesicht war zur Seite gedreht. Doch unter der reglos daliegenden breitete sich eine große Blutlache aus, die in der Kälte kondensierte.

Es dauerte einige Zeit bis der Notarztwagen eintraf und kurz darauf ein weiteres Fahrzeug heran fuhr. Die hinteren Türen des Wagens öffneten sich, und ein Zinksarg kam zum Vorschein. Zwei Männer stellten die Blechkiste neben die Tote und nahmen den Deckel ab. Als die Leichenträger den leblose Körper in den Blechsarg hoben, machte das endgültig klar, die Frau auf dem Asphalt, Kornelia Wessmann, genannt Conny, 24 Jahre, Studentin, war wirklich tot.

Die Verantwortung für diesen Tod hatte die Polizei, wie bei den drei anderen Toten aus der Bewegung zuvor. Olaf Ritzmann, der in Hamburg bei einer Anti-Strauß-Demo 1980 sterben musste. Klaus Jürgen Rattay, Hausbesetzer in Westberlin, der 1981 in den fließenden Verkehr getrieben wurde. Günter Sare, den bei einer Anti-NPD Demonstration in Frankfurt/Main 1985 ein Wasserwerfer überrollte.

Wie in diesen Fällen musste eine Antwort her! In vielen Städten der BRD gingen Menschen auf die Straße und es gab einige Sachschäden. Vor allem in Göttingen, wo es eine Woche lang täglich zu Demonstrationen kam und in der Innenstadt ständig Scheiben von Banken und Kaufhäusern zu Bruch gingen. Den Abschluss bildete eine bundesweite Demo am 25.11.1989.

Die Polizei hielt sich, abgesehen von Vorkontrollen auf der Autobahn, vollständig zurück. Kein Polizist war in der Nähe der Demo zu sehen. Mehr als 18.000 Menschen kamen zusammen, vorn ging ein großer schwarzer Block und die Fahne der Antifaschistischen Aktion mit Trauerflor wehte an der Spitze.

Ab der Kreuzung der Weender Landstraße, lief die Demo bis zur Todesstelle als Schweigemarsch. Erst auf dem Rückweg setzte kurz vor dem erreichen der Fußgängerzone donnernd der Sprechchor: „Feuer und Flamme für diesen Staat!“ ein. Die Worte hallten in der breiten Einkaufsstraße wie ein Racheschrei. Dann zerlegten wir die Innenstadt. Wobei darauf geachtet wurde, das niemand plünderte.

Am Ende, als sich die Demonstration am Jugendzentrum Innenstadt auflöste, preschte plötzlich eine Hundertschaft frontal in die Versammelten. Sofort hagelte es Steine, Flaschen, Feuerwerkskörper und Molotowcocktails auf die Polizisten, die derbe einstecken mussten und flüchteten.

Für die Region Südniedersachsen war Connys Tod von großer Bedeutung. Die Antifa-Bewegung erlebte einen großen Aufschwung und das Verhalten der Polizei geriet unter öffentlichen Druck. Daran änderten auch die Sachschäden in der Innenstadt nichts.

Auch durch den Mord an dem 21-jährigen Wehrdienstleistenden Alexander Selchow in der Silvesternacht 1991 blieb Antifa ein Thema. Zwei FAP-Anhänger erstachen den Bundeswehrsoldaten in Rosdorf bei Göttingen. Diese Tat hatte allerdings mit dem Tod von Conny wenig zu tun. Der Mord an Alex gehörte eher zu der rechtsradikalen Gewaltwelle die durch Anschluss der DDR an die BRD entstand. Allein die Statistik der Bundesregierung führt 83 Todesopfern seit 1990 durch rechtsradikale Gewalttaten auf.

Göttingen, Januar 1991.

„The only serious Trouble“

Der 9. November 1989 und die Antifa – eine persönliche Erinnerung

Bernd Langer

Am Abend des 9. November 1989 hatte wir in Göttingen mit unserer Antifa-Demo gerade, von der Geismar Straße kommend, die Ecke Wendenstraße erreicht. Hier befand sich ein italienisches Restaurant, in dem sich Neonazis trafen. Grund für eine Zwischenkundgebung unserer Anti-Pogrom-Demo. Seit einiger Zeit stellten Neonazis ein erhebliches Problem dar. Im Dorf Mackenrode, 15 Kilometer von Göttingen entfernt, residierte der österreichische Frührentner Karl Polacek und hatte sein Haus zu einem Zentrum für die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) gemacht. In der Partei organisierte sich die Skinheadszene um Thorsten Heise und Jörg Latzkowiak aus Göttingen und Northeim. Eine Sonnenwendfeier im Dezember 1986 brachte die Neonazis zum Ersten mal in die Schlagzeilen. Seitdem kam es ständig zu Schlägereien in der Innenstadt. FAP-Skins machten Jagd auf Schwule, verprügelten Ausländer und versuchten Linke anzugreifen. Als Gegenreaktion organisierte die autonome Szene Telefonketten. Bekannte WGs konnten damit in kürzester Zeit eine ansehnliche Zahl von Militanten mobilisieren.

Niedergang der Autonomen

In Göttingen existierte eine große autonome Szene. Sie hatte seit den 1970er Jahren in der Anti-AKW-Bewegung eine Rolle gespielt und war 1980 durch Hausbesetzungen in Erscheinung getreten. Antifa spielte hingegen bei den Autonomen kaum eine Rolle. Sicher gab es auch in Göttingen Zusammenstöße, aber eine kontinuierliche Antifa-Arbeit entwickelte erst der 1977 entstandene Arbeitskreis Antifaschismus, der sich vor allem aus dem Kommunistischen Bund (KB) rekrutierte und 1981 wieder von der Bildfläche verschwand. Die erste autonome Antifa-Gruppe in Göttingen initiierte ich 1983. Ihr gehörten anfangs gar keine Autonomen an, sondern einige Anarchisten und ein paar jugendliche Aktivisten_innen, die nicht mit den Autonomen verwechselt werden wollten. Daher hieß die Gruppe Unabhängige Antifa, der Name änderte sich erst im Lauf des Jahres 1984 in „Autonome Antifa“. Ohnehin gingen die Aktionen in der Stadt nur zu einem Teil von den im autonomen Plenum organisierten Autonomen aus. Die Übergänge in der politischen Subkultur waren fließend, vor allem zu den sogenannten Gö-Punks.

Im November 1986 kam es erneut zu einer Welle von Hausbesetzungen. Eines dieser Häuser lag in der Burgstraße, unweit eines Büros, das vom NPD-Landesvorsitzenden Hans-Michael Fiedler betrieben wurde. Da die Polizei in der Defensive war, ergriffen wir die Gelegenheit, hackten ein Loch in das Rollo vor dem Schaufenster und stiegen in den Laden ein. Wenig später flog das Inventar nebst allen Büchern und Unterlagen auf die Straße. Einiges wurde zur Auswertung weggeschafft, mit dem Rest vor dem Laden ein großes Feuer entfacht. An dieser Aktion schieden sich wenig später die Geister, weil sie angeblich an die Bücherverbrennung erinnert habe. Aber der Nazi-Krempel musste schnell vernichtet werden.

Zur selben Zeit erfuhr die autonome Bewegung auch bundesweit einen letzten Auftrieb durch den Super-GAU in Tschernobyl. Insbesondere die Auseinandersetzungen um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf spielten kurzfristig eine herausragende Rolle. Doch ein Grundproblem der Autonomen blieb: Abgesehen von der Phrase, dass man kollektiv und selbstbestimmt kämpfen wollte und militant agierte, existierten keine Konzepte. Ohne eine weitergehende politische Überlegung führte die Militanz zwangsläufig in die Sackgasse.

So kam das unvermeidliche Ende, bei dem die Startbahn-West am Flughafen Frankfurt am Main eine besondere Rolle spielte. Obwohl bereits seit 1984 in Betrieb, fanden weiterhin regelmäßig Aktionen statt. Bis bei einer nächtlichen Demonstration am 2. November 1987 zwei Polizisten erschossen wurden. Die folgende Repression und die selbstzerfleischenden Diskussionen beschleunigten den Niedergang der autonomen Szene.

Zugleich löste sich die 1985 entstandene bundesweite autonome Antifa-Koordination auf. Die letzte größere Aktion war eine Demonstration gegen das Herbstlager der Wiking-Jugend in Hetendorf bei Celle im Herbst 1987, die in einem Polizeikessel endete.

In Südniedersachsen traten die Neonazis immer offensiver in Erscheinung. Wie gefährlich die Entwicklung war, zeigte sich im Januar 1987, als Ingo Kretschmann, aus dem Dunstkreis der FAP um Polacek, beim Experimentieren mit Sprengsätzen tödlich verunfallte. Auch kam es nun in Göttingen und Northeim permanent zu Zusammenstößen mit Faschisten.

Ein Gegenschlag erfolgte durch das Antifa-Kommando Siegbert und Lotte Rotholz. Am 25. Juni 1987 brannten die Kellergarage samt Auto und Teile des Hauses von Karl Polacek nieder. Einen nachhaltigen Erfolg zeitigte das nicht. Nach kurzer Unterbrechung gingen die Auseinandersetzungen in Göttingen weiter. Am Abend des 23. Januar 1988 griffen die Neonazis das Jugendzentrum Innenstadt (JuZI) an. Die Telefonkette funktionierte und die Nazis erlebten ihr blaues Wunder. Sie wurden durch die Stadt zu ihren Autos zurückgeprügelt, die Fahrzeuge demoliert. Das Eingreifen der Polizei unterband die Totalverschrottung, und der geschlagene Haufen wurde zur Autobahn geleitet. Währenddessen nahmen wir in der Innenstadt die Wohnung eines Neonazis auseinander. Alles Private, vom Foto bis zum Bankauszug, wurde zur Auswertung eingesackt, was von Wert und Nutzen war, sozialisiert und der Rest zu Kleinholz verarbeitet, selbst die Rigipswände an einigen Stellen eingeschlagen.

Antifaschistische Aktion

In der Presse war von Zusammenstößen rivalisierender Jugendbanden zu lesen. Mit dieser Floskel wurde stets geleugnet, dass es sich um politische Auseinandersetzungen handelte. In der Bundesrepublik gab es ein Neonazi-Problem, aber es wurde nicht ernst genommen. Lediglich ein paar ewig Gestrige hätten da einige Jugendliche um sich geschart. Das Thema würde sich in einigen Jahren biologisch von alleine erledigen. So predigten es Medien und die etablierten Parteien.

Wir mussten überhaupt erst einmal darum kämpfen, dass Antifa als Feld der politischen Auseinandersetzung wahrgenommen wurde. Die Gelegenheit ergab sich vor Ort, weil Gewerkschafter mit rechtsradikalen Einstellungen in den Betrieben konfrontiert waren. Es entstand ein Bündnis, das von Autonomen über die Grünen bis zum DGB reichte. Damit betraten wir politisches Neuland. Krönung unserer Bestrebungen war die Antifa-Bündnisdemo am 7. Mai 1988 in Mackenrode. In 20 Reisebussen und etlichen Privatfahrzeugen fuhren 2.000 Demonstrantinnen und Demonstranten aus Göttingen in das Dorf. Angeführt von einem großen schwarzen Block ging es am FAP-Haus vorbei zur Abschlusskundgebung auf dem Dorfplatz. Das Haus wurde mit einigen Farbbeuteln und einzelnen Steinen beworfen. Ein Angriff fand aufgrund der Bündnisabsprachen aber nicht statt. Politisch gelang uns mit der Demo ein großer Erfolg. Nun waren Autonome als politische Bündnispartner anerkannt, und die Wahrnehmung der Antifa in der Öffentlichkeit änderte sich. Um für diesen Weg zu werben, gaben wir eine Broschüre über die Demo heraus. Auf der Titelseite war die rote Fahne der Antifaschistischen Aktion abgebildet, die kurz vor der Mackerode-Demo fertig gestellt wurde und dort zum Ersten mal flatterte. Die Symbolik  war neu und stellte einen kalkulierten Tabubruch dar, weil Autonome eigentlich keine roten Fahnen verwendeten. Bald kopiert, sollte diese Fahne das Symbol der Antifa-Bewegung werden.

Für die Altautonomen war ein Bündnis mit etablierten Kräften Verrat an der revolutionären Sache. Man müsse im Kampf auf die eigenen Kräfte vertrauen und ein schwarzer Block das Haus auch tatsächlich angreifen, hieß es in polemischen Papieren. Wenige Wochen später wurde das Bündnis beendet und ich, als Repräsentant dieser Politik, aus der autonomen Antifa ausgeschlossen. Als Grund diente ein Kritikpapier an einer Aktion in Kassel, das mit Einige Autonome Antifas unterzeichnet war. Daraufhin behauptete die Autonome Antifa, ich würde in ihrem Namen Papiere veröffentlichen. Bei Autonomen bedeutete ein Gruppenausschluss auch soziale Ausgrenzung. Viele Treffpunkte waren damit tabu, Freundschaften gekündigt. Ganz zurückziehen wollte ich mich dennoch nicht und begann mit zunächst zwei Personen an einer Ausstellung kriminalisierter Plakate zu arbeiten. Wir trafen uns regelmäßig im Keller des Grünen Zentrums als Ausstellungsgruppe. Zudem machte sich ein gesellschaftlicher Rechtsruck bemerkbar und wir mischten uns langsam wieder in das politische Geschehen ein und vergrößerten unseren Kreis. Das verlangte jedem Neuzugang einen bewussten Schritt ab. Denn sich zu dieser Gruppe zu bekennen bedeutete, dass der Umgang mit einigen Fraktionen aus der Szene nicht mehr möglich war.

1989 wurde zu einem Jahr bislang nicht gekannter Antifa-Aktivität. Ein Grund war die DVU – Liste D (Deutsche Volksunion). Zunächst ein Verein, gründete sich die DVU 1987 als Partei. Von Anfang an arbeitete sie mit der NPD zusammen und errang bereits im Gründungsjahr ein Mandat in Bremerhaven. Der große Coup war aber mit dem Einzug ins Europa-Parlament im Juni 1989 geplant. NPD und DVU traten gemeinsam als Liste D an und der DVU-Vorsitzende Gerhard Frey pulverte 18 Millionen DM in den Wahlkampf. Es gab eine Postwurfsendung für jeden bundesdeutschen Haushalt und eine Flut an öffentlichen Wahlveranstaltungen. Ernsthafte Konkurrenz hatte die Liste D durch die 1983 gegründeten Republikaner, an deren Spitze seit 1985 Franz Schönhuber stand. Einstmals Freiwilliger der SS-Leibstandarte war Schönhuber nach dem Krieg ein anerkannter Journalist in Bayern, u. a. stellvertretender Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens und Hauptabteilungsleiter des Bayerischen Rundfunks. Doch dann veröffentlichte der Veteran sein Buch Ich war dabei. Es folgte die fristlose Kündigung beim Bayerischen Rundfunk, wogegen der Geschasste klagte und vom Gericht eine Abfindung von 290.000 DM und die sofortige monatliche Pension von 7.000 DM zugesprochen bekam. Derart von finanziellen Sorgen befreit konnte sich Schönhuber mit ganzer Energie in die Politik stürzen. In Westberlin gelangten die Republikaner im Juni 1989 mit  7,5 Prozent der Stimmen in den Senat. Erstmals war dies einer Partei rechts von der CDU gelungen. Ein allgemeiner Aufschrei ging durch die Republik, überall gingen die Menschen gegen den rechtsradikalen Wahlsieg auf die Straßen. Auch in Göttingen kam es zu einer Spontandemo, über die noch länger gesprochen wurde. Da die Polizei nicht so schnell reagieren konnte und nur einige Beamte zur Beobachtung abgestellt waren, verlegten wir die Demoroute kurzerhand durch das Warenhaus C&A.

Für den Europawahlkampf 1989 war dann bundesweit eine wahre Welle von Liste-D-Veranstaltungen angekündigt. Vor der Stadthalle in Göttingen ging es dabei am 13. Mai 1989 zwischen Antifas und der Polizei ziemlich zur Sache. Besonders die extra aus Westberlin angekarrte EbLT (Einheit für besondere Lagen und einsatzbezogenes Training) sorgte für Verhaftete und Verletzte. Einem beherzten Antifaschisten gelang es schließlich, das Mikrofonkabel der NPD zu kappen. Weitere Veranstaltungen der Liste D in und um Göttingen fanden dann nicht mehr statt.

Letztendlich scheiterte die Liste D bei den Europawahlen im Juni  mit 1,6 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde. Das lag vor allem an den Republikanern, die ihre Konkurrenz überflügelten und mit sieben Prozent der Stimmen ins Europaparlament einzogen.

Anti-Pogrom-Demo

In diesen Auseinandersetzungen hatten wir uns, in einem ätzenden Ringen mit der autonomen Szene, profiliert, ohne einen Gruppennamen zu haben. Aufrufe unterzeichneten wir schlicht mit Autonome Antifas aus Göttingen und verfolgten das Konzept einer breit angelegten Antifa-Arbeit, das von Geschichtsarbeit bis zu Militanz reichte. Letztere ging natürlich nicht von der legal agierenden Gruppe aus.

Unsere Geschichte und Inhalte sollten im Vordergrund stehen. Der 9. November als Datum von Novemberrevolution, Hitlerputsch und Reichspogromnacht bot sich in diesem Zusammenhang an. Historisches ließ sich außerdem gut mit dem aktuellen Geschehen verbinden. So entstand die Idee zur Anti-Pogrom-Demo am 9. November 1989. Wir gewannen dafür auch die Unterstützung einiger anderer linken Gruppen. Zu einer von diesen gehörte  auch Conny Wessmann. Ein Transparent der Demo, das sie mitgestaltet hatte, sollte in den nächsten Monaten noch oft zu sehen sein.

Die Demo fand am Abend statt. Die Route führte mit etlichen Zwischenkundgebungen durch die Stadt. Als wir in Richtung Albani-Kirche weiterzogen, sprach sich auf einmal herum, das in Berlin die Mauer gefallen sei. Wir nahmen das als Neuigkeit hin, ohne weiter darauf zu reagieren. In den letzten Monaten waren viele DDR-Flüchtlinge über die Botschaft in Prag oder die ungarische Grenze abgehauen. Dass in der DDR und in Osteuropa ein Umbruch im Gang war, konnte man nicht übersehen. Der Fall der Mauer kam dann trotzdem überraschend. Aber mit uns hatte das nichts zu tun. Unser Kampf ging weiter und eskalierte wenige Tage später, als Conny Wessmann bei einer Antifa-Aktion starb. Sie gehörte zu einer Gruppe, die am 17. November über eine Telefonkette mobilisiert worden war und sich den Neonazi entgegenstellen wollte. Von der Polizei sollte die Gruppe verhaftet werden, Conny wurde dabei vor ein Auto getrieben. Im Bundesgebiet und vor allem in Göttingen kam es daraufhin zu Demos und militanten Aktionen. Seinen Abschluss fand die Empörung über den Mord  in einer bundesweiten Demonstration am 25. November 1989 in Göttingen mit mehr als 15.000 Menschen. Sämtliche Schaufensterscheiben der großen Kaufhäuser in der Innenstadt gingen zu Bruch, vor dem JuZI kam es zur Konfrontation mit der Polizei, die in die Flucht geschlagen wurde.

Im Trubel um den Mauerfall blieb Connys Tod ein Randthema. Auf den allgemeinen nationalen Wiedervereinigungstaumel reagierte die Linke mit der Kampagne „Nie wieder Deutschland“. Als politische Parole war das zwar eher populistischer Nonsens, doch auch in Göttingen stellten wir unsere Aktionen unter diese Überschrift. Wenn die Bevölkerung einen Staat völlig reformieren und umgestalten würde, wäre das sicher ein interessantes Experiment, aber einen Anschluss der DDR lehnten wir ab. Er würde nur den Kapitalismus und die Kräfte, die wir bekämpften, stärken. So ungefähr war unsere Sicht der Dinge. Was einmal mehr zeigte, dass wir überhaupt keine Ahnung hatten und vollständig überrascht waren. Vor der Grenzöffnung bestanden so gut wie keine Kontakte in die DDR, autonome Strukturen existierten dort ohnehin nicht. Das entwickelte sich jetzt alles sehr schnell und bereits am 10. März 1990 fand die erste autonome Antifa-Demo in Leipzig statt. »Gegen Faschismus und die Einverleibung der DDR durch die BRD« lautete die Parole. Eine Abschlusskundgebung im Hauptbahnhof und selbstgestrickte Sturmhauben blieben mir in Erinnerung, doch weitere Kontakte ergaben sich nicht.

Am 15. März 1990 riefen wir in Göttingen zur Demo auf. Erstmals unter dem Namen Autonome Antifa (M). Es gab ein großes Transparent einer antiimperialistischen Gruppe mit der Aufschrift „Völkerrechtliche Anerkennung der DDR“. Gar nicht anachronistisch war hingegen unsere Agitpropaktion am 2. Oktober 1990, dem Vorabend der sogenannten Wiedervereinigung. Vier Verkleidete (Kapitalist, Polizist, Militarist, SA-Mann), deren Gesichter als Totenschädel geschminkt waren, hielten ein Transparent mit dem Slogan „Wir begrüßen Deutschland!“ in Frakturschrift. Dazu wurden falsche Hunderter als Begrüßungsgeld unters Volk gebracht. Jeder DDR-Bürger und jede DDR-Bürgerin bekam nach der Grenzöffnung 100 DM. Wir meinten, dass 100 Mark allen zustanden und druckten eine Neandertaler auf den Geldschein. Der Hunderter kam dann in einigen Fällen tatsächlich in Umlauf, was ein Verfahren wegen Herstellung und Verbreitung von Falschgeld nach sich zog.

Antifa contra Wiedervereinigung

Nach dieser Agitprop-Aktion zog unsere Demo durch die Stadt. Das Göttinger Tageblatt berichtete am 3. Oktober 1989: „Steine fielen, Böller krachten: Göttingen am Abend vor Deutschland“. Und in der New York Times war zu lesen: „The only serious trouble was reportet in Göttingen, a West German city near the former border, where about 1.000 radical youth went on a rampage, smashing windows and denouncing unity.“

Unsere Agitprop-Aktion und Demo am 2. Oktober setzten wir in den folgenden drei Jahre in immer größerem Format fort. Dann wurden wir kriminalisiert.

Wir wollten die Organisierung der Antifa-Bewegung, waren maßgeblich an der Gründung der Antifaschistischen Aktion/Bundesweite Organisation (AA/BO) im Jahr 1992 beteiligt und verfolgten das Konzept eines revolutionären, antikapitalistischen Antifaschismus. Dabei entpuppte sich die untergehende autonome Bewegung als unser größter Widersacher. Allein fünf Aktenorder füllten die Kritikpapiere gegen den Organisierungsprozess.

Währenddessen steigerte sich der Straßenterror der Neonazis. Allein von Oktober 1990 bis Mitte Juni 1991 gab es neun Tote. Darunter war der 21jährige Wehrdienstleistende Alexander Selchow, der in der Silvesternacht 1990 in Rosdorf von Neonazis erstochen wurde. Die Täter stammten aus dem Kreis um Polacek in Mackenrode, der sich kurz darauf in einer Illustrierten mit einem großen Messer beim Interview ablichten ließ. Darauf musste es eine Antwort geben! Die sollte nach der Gedenkdemo für Alex am 5. Januar 1991 mit 5.000 Menschen erfolgen, doch der Aufruf, im Anschluss nach Mackerode zu fahren, wurde vom Veranstalter verhindert. Erst im Herbst sollte es dazu kommen. Wir hatten erfahren, dass in Mackenrode ein Schulungswochenende der FAP stattfand. Im JuZI versammelte sich ein Plenum und zerredete die Idee nach Mackenrode zu fahren. Schließlich stand ich auf und sagte, dass ich losfahren würde, wer Bock hätte, solle sich anschließen. Man schrieb den 26. Oktober 1991 als wir am helllichten Tag Mackenrode erreichten. Es war davon auszugehen, dass wir irgendwann vor dem Haus von der Polizei gestoppt werden würden. Doch es war nur eine Zivilstreife vor Ort, die das Gebäude aus der Entfernung beobachtete. Was nun passierte, hätte man sich nicht besser ausdenken können. Sonst griffen Nazis immer linke Projekte an, hier war es andersherum. Wie wir ausstiegen, formierten wir uns zum Frontalangriff auf das FAP-Haus. Nazis in Parteiuniformen mit Schulterriemen kamen aus dem Gebäude. Nur sie und wir auf der Straße. Steine, Mollis, Zwillen – auf die Fresse. Vier schwerverletzte Neonazis lagen auf der Straße, dazu weitere, die sich mit blutigen Köpfen noch auf den Beinen halten konnten, und verwüstete Vorgärten ließen wir nach ca. 15 Minuten zurück. Das war europaweit eine Zeitungsmeldung wert. Von uns hat es keine(n) erwischt.

Erfolgreiche Bündnisarbeit

Sicher war dies eine herausragende Aktion, doch vor allen Dingen wurden wir durch die Wiederaufnahme der Bündnisdemonstrationen zu einem regionalen Faktor. Es gab noch zwei dieser Bündnisdemos, eine 1993 zum Wohnhaus des NPD-Funktionärs Hans Michael Fiedler in Adelebsen mit mehr als 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die andere 1994 zum Wohnhaus des damaligen FAP-Funktionärs Thorsten Heise in Northeim mit mehr als 3.000 Menschen. Die Demos waren angekündigt, aber nicht angemeldet und stets von einem breiten Bündnis bis hin zu den Grünen und dem DGB unterstützt, angeführt von einem voll ausgerüsteten schwarzen Block von mehr als 1.000 Antifas. Wir bestimmten die Demonstrationen, inhaltlich und visuell. Der schwarze Block wurde als taktisches Mittel eingesetzt, Angriffe gingen von ihm nicht aus.

Unser Kampf war erfolgreich: Der Ausbreitung des Neofaschismus haben wir auf Jahre hinaus Einhalt geboten. Doch in die Zeit unserer größten politischen Erfolge fiel die Kriminalisierung. Der Staat ermittelte gegen uns wegen der „Bildung einer terroristischen Vereinigung“ (§ 129a). Selbst daran sind wir nicht gescheitert. Aber das wäre bereits eine andere Geschichte.

Abbildung: Der Wi(e)dervereinigungs-Hunderter oder Neandertaler, am Abend des 2.10.1990 in Göttingen verteilt. Einige Scheine gerieten in Umlauf, was Ermittlungen wegen Herstellung und Verbreitung von Falschgeld nach sich zog.

„Frauen lasst und das selbst in die Hand nehmen!“

Zum Anteil von Frauen am Klassenkampf und Novemberrevolution am Fallbeispiel Bad Lauterberg

Autor: Bernd Langer|erschienen in undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft im Juli 2019

Sie haben ihre Geschichte nicht aufgeschrieben. Den Arbeiterinnen und Arbeitern fehlte schlichtweg Sinn und Zeit dafür. Was überdauerte, sind Fragmente, Zeitungsmeldungen, hier und da ein Flugblatt, mit Glück eine persönliche Aufzeichnung oder ein Foto. Vieles ging zudem durch die Nazi-Zeit und den Krieg verloren. Danach schwieg man lieber über das, was war. Doch soziale Kämpfe finden nicht im luftleeren Raum statt, sie zeichnen Spuren, verändern und münden in der Gegenwart, in der das nicht Abgegoltene weiter Aufgabe bleibt.

So verstand ich vom Anbeginn meiner Politisierung in den 1970er Jahren die Aneignung und Aufarbeitung der Widerstandsgeschichte als Teil meiner Aufgabe. Dass in meiner ersten politischen Gruppe, dem ‚Antifaschistischen Arbeitskreis Bad Lauterberg‘, ein alter Kommunist mitarbeitete, kam mir dabei zugute. Über die Jahre konnte ich weitere letzte Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus meiner Heimatstadt befragen und ein paar spärliche Dokumente sammeln. Mehr und mehr fügten sich die Bruchstücke zu einem Bild.

Ausgangspunkt war für mich die Novemberrevolution 1918. Als große Ausnahme war in Bad Lauterberg mit Lina Heidelberg eine Frau Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates (ASR). Im weiten Umland findet sich erst mit Minna Faßhauer in Braunschweig wieder eine Frau in einem Revolutionsgremium. Minna Faßhauer, die erste Ministerin Deutschlands, war knapp drei Monate im Amt, Lina Heidelberg konnte sich keine zwei Wochen als Mitglied im ASR halten. Honorige Bürger machten Druck, wollten den ASR delegitimieren, am Ende konnte Lina Heidelberg, weil sie eine Frau war, nur noch als Beigeordnete weitermachen.

Der Volksmund nannte sie bald die Rosa Luxemburg von Bad Lauterberg. Ab wann Lina Heidelberg diesen Beinahmen erhielt lässt sich nicht mehr klären. In jedem Fall wurde sie im Jahr 1923 zur lokalen Legende, weil sie den größten Straßenkrawall in der Geschichte Bad Lauterbergs auslöste.

Minna Faßhauer und Lina Heidelberg stammten aus dem Proletariat und handelten aus der politisch wie sozial doppelt entrechteten Rolle als Frau und Arbeiterin. Wie die Kämpferinnen aus der sozialistisch-proletarischen Bewegung vor ihnen. In der folgenden Geschichte will ich an den Anteil dieser Frauen erinnern. Wobei ich Bezeichnungen wie Arbeiterbewegung oder Holzarbeiterstreik als feststehende historische Begriffe betrachte.

Frauen ohne Wahlrecht

Als der ‚Rat der Volksbeauftragen‘ am 9. November 1918 in Berlin die Macht übernahm, hatte sich der Kaiser bereits nach Belgien abgesetzt. Damit war die Monarchie gestürzt, Deutschland eine Republik und der verlorene Weltkrieg konnte am 11. November beendet werden. In den folgenden Tagen wurde die gesellschaftliche Umwälzung auch in der Provinz nachvollzogen. So erreichte die Revolution Bad Lauterberg im Harz, zu diesem Zeitpunkt ein Flecken (Stadtrechte ab 1929), der zum Kreis Osterode im Königreich Preußen gehörte.

Die bisherigen politischen Gremien waren durch ein sozial segregiertes Wahlsystem bestimmt worden. Frauen hatten weder aktives noch passives Wahlrecht. Wählen durften nur Männer, die mindestens 25 Jahre alt waren. Wer öffentliche Armenunterstützung erhielt oder durch ein rechtskräftiges Urteil die bürgerlichen Rechte verloren hatte, blieb vom Wahlrecht ausgeschlossen. Bei den Wahlen zum Provinziallandtag kam hinzu, dass im Königreich Preußen seit der Revolution 1848/49 das Dreiklassenwahlrecht in Kraft war, welches die Wähler nach der Höhe ihrer Steuerleistung in drei ‚Klassen‘ einstufte. Damit nicht genug, konnten bei Gemeindewahlen nur Bürger den Magistrat bestimmen. Das Gesetz unterschied grundsätzlich zwischen Bürgern und Einwohnern. Bürger konnte nur sein, wer ein Haus besaß und Häusersteuer abführte oder wer sonst direkte Landsteuer von mindestens 6 Reichsmark zahlte. Außerdem musste der Betreffende seit mindestens sechs Monaten seinen Wohnsitz am Ort haben und durfte nicht in Lohn und Kost eines anderen stehen. Nur wer diese Voraussetzungen erfüllte, konnte das Bürgerrecht erwerben und bei Gemeindewahlen abstimmen.

Den Bürgern gleichberechtigte Bürgerinnen gab es nicht. Zwar konnte eine Frau durch Erbschaft die sozialen und ökonomischen Privilegien ihres Standes beanspruchen, von den politischen Mitwirkungsrechten blieb sie aber ausgeschlossen. Für Bankgeschäfte, gewerbliche Verträge u. ä. benötigten Frauen einen Mann als Vormund. Die Ehe war gesetzte Norm und man blieb in der Regel ein Leben lang zusammen. Alleinstehend lebte man nur in Ausnahmefällen, den Begriff Single gab es nicht.

Eine Scheidung war unter gewissen Vorrausetzungen in einigen deutschen Staaten ab 1794 möglich, wurde aber erst 1875 mit dem ‚Gesetz über die Eheschließung‘ reichsweit geregelt. Abseits juristischer Möglichkeiten galt eine Scheidung weiterhin als Stigma.

Für die Frau verbanden sich mit der Eheschließung einige Sicherheiten und soziales Prestige, doch blieb sie ein Mensch zweiter Klasse. Bis in die Zeit der Bundesrepublik änderte sich an diesen Verhältnissen wenig. Bis zum 1. Juli 1958 konnte der Ehemann den Arbeitsvertrag seiner Frau ohne deren Einwilligung fristlos kündigen. Auch hatte ein Ehemann das Recht, den Lohn seiner Frau zu verwalten. Ein eigenes Bankkonto können Frauen erst seit 1962 eröffnen, als geschäftsfähig gelten sie seit 1969. Noch bis 1977 durften verheiratete Frauen ohne Genehmigung ihres Ehemannes keine Erwerbstätigkeit aufnehmen.

In Verbindung mit linksliberalen Einflüssen war diese Entmündigung Antrieb für den Feminismus. Dabei strebten die linksliberalen Strömungen des 19. Jahrhunderts nach der Durchsetzung individueller Freiheitsrechte. Sozialistische Gedanken, wie Aufbau eines Sozialstaates, wurden abgelehnt. Der Feminismus bezog sich in seinen Anfängen daher vor allem auf die bürgerlichen Frauen, die sich erheblich in Bildungsniveau, Erziehung usw. von denen aus dem Proletariat unterschieden. Der soziale Stand markierte eine kulturelle Kluft. Tatsächlich grenzten sich Frauen, die sich dem Klassenkampf zurechneten, vom ‚bürgerlichen‘ Feminismus ab. Clara Zetkin, die Wortführerin der proletarischen Frauenbewegung, prägte diese Auseinandersetzung und stilisierte in der Debatte nach marxistischer Denkart die soziale Frage zum gesellschaftlichen Hauptwiderspruch.

Abbildung: ‚The Capitalist Vampire‘, Holzschnitt, 1885, England, von Walter Crane (1845–1915) für das Justice Journal (Parteizeitung der Social Democratic Federation). Späterer Druck mit deutschem Text.
Mit der Fanfare des Sozialismus erweckt der Freiheitsengel mit Jakobinermütze das Proletariat, das dem blutsaugenden Vampir Kapitalismus ausgeliefert ist. Die soziale Frage war die zentrale gesellschaftliche Auseinandersetzung des
19. Jahrhunderts. Patriarchale Unterdrückung wurde von der Arbeiterbewegung als Nebenwiderspruch gesehen.

Der große Holzarbeiterstreik

Der Klassenkampf hatte in Bad Lauterberg bereits vor dem I. Weltkrieg seine Spuren hinterlassen. Ende des 19. Jahrhunderts zählte der Ort zu den wichtigen Zentren der deutschen Möbel-, genauer Stuhlproduktion. Das erklärt, warum wohl bereits 1863 eine sozialdemokratische Ortsgruppe existierte. Auf dem ‚Allgemeinen deutschen sozial-demokratischen Arbeiterkongress‘ im Jahr 1869 in Eisenach befand sich jedenfalls mit Eduard Dannhauer ein Delegierter aus Lauterberg, der 105 Mitglieder vertrat (vgl. Tyke, SPD Bad Lauterberg). Das war der Gründungskongress der SDAP (Sozialistische deutsche Arbeiterpartei). Diese Partei entstand auf Initiative von August Bebel und Karl Liebknecht als marxistisch ausgerichtete Konkurrenz zum ADAV (Allgemeinen deutschen Arbeiterverein).

Als sich in Lauterberg im Jahre 1896 fünf örtliche Möbelfabrikanten zu einem Kartell zusammenschlossen, um die Löhne zu drücken, kam es zu einem erbittert geführten Arbeitskampf, der reichsweit für Aufsehen sorgte. Der große Lauterberger Holzarbeiterstreik (es gab noch einen zweiten mit erheblich weniger Härte geführten 1907/08) dauerte von Mai bis Dezember 1896.

Abbildung: Austragungsort des Streiks war nicht nur Lauterberg, sondern auch eine große Fabrik auf dem Oderfeld und damit die Gemeinde Barbis, zu dieser Zeit mit mehr als 1300 Einwohnern und Einwohnerinnen ein bedeutendes Dorf im Kreis Osterode.

Im Verlauf des achtmonatigen Streiks kam es zu Schlägereien mit angeheuerten Streikbrechern, es gab Verletzte durch Messerstechereien, sogar mit Pistolen wurde aufeinander geschossen und ein Streikbrecher-Lokal brannte nieder. Mehr als 500 Arbeiter und Arbeiterinnen waren im Ausstand oder ausgesperrt. Polizei und Behörden standen auf Seiten der Fabrikanten.

Es gab aber nicht nur Krawalle, vor allem hatten die Arbeiterinnen und Arbeiter durch den Ausstand zum ersten Mal in ihrem Leben Freizeit.Ansonsten war eine tägliche Arbeitszeit von 12 Stunden üblich. Gearbeitet wurde sechs Tage die Woche, Urlaub gab es überhaupt nicht. So ist in der Zeitung ‚Der Holzarbeiter‘ Nr. 25 vom 21. Juni 1896 auf Seite 4 zu lesen:

„Eine vorzügliche Wirkung hat diese Aussperrung noch; die Arbeiter haben Muße zum Nachdenken über sozialpolitische Dinge und eine allwöchentlich stattfindende große Versammlung unterstützt die Bildungsbestrebungen in vorzüglicher Weise. Diese Versammlungen verlaufen stets musterhaft und sind sehr stark besucht, so sprachen hier der Reihe nach Gen. Trautwein (600), Gen. Keßler (600), Gen. Weißmann-Halle (600), Genossin Greifenberg-Berlin 700 Personen, darunter viele Frauen.“

Die zeitgenössische Sprachregelung subsumierte unter der Mehrzahl ‚Arbeiter‘ Männer wie Frauen. Hinzu kam, dass in Deutschland Frauen erst ab dem Jahr 1908 Mitglied einer Partei oder Gewerkschaft werden konnten. Allein schon deshalb war es ausgeschlossen, dass eine Frau in einem Streik von 1896 eine offizielle Position einnahm. So wird der Anteil von Frauen in dieser Auseinandersetzung erst bei näherer Betrachtung deutlich.

Leider lässt sich nur über die Agitatorin Marie Greifenberg etwas mehr sagen. Im Gegensatz zu feministischen bürgerlichen Kreisen, die in den achtziger und neunziger Jahren auf das gezielte Verteilen von Petitionen setzten, versuchte die proletarische Frauenbewegung, ihre Basis über Agitationstouren durch das Land zu verbreitern. Als Rednerinnen fungierten begabte Arbeiterinnen. Eine davon war Marie Greifenberg, geb. Fein, Ehefrau eines Kartonarbeiters (vgl. Sachse 2011). Im Übrigen standen Frauen auf beiden Seiten, traten also auch als Streikbrecherinnen in Erscheinung.

Dem Streikführer Fritz Erfurth ging es nicht so sehr um eine Verbesserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse, sondern um Grundsätzliches, d.h. den Kampf um den Sozialismus. Weshalb sich die Auseinandersetzung radikalisierte. Das öffentliche Leben in Lauterberg war stark beeinträchtigt und ein Streikende nicht abzusehen. Zwar funktionierte die Unterstützung der Streikenden durch den DHV (Deutscher Holzarbeiter Verband), doch kam dieser nach einigen Monaten an seine finanziellen Grenzen. Selbst in der sozialdemokratischen Presse mussten Gelder für den Ausstand in Lauterberg gesammelt werden, damit die Kasse des Holzarbeiterverbandes nicht vollständige ausblutete. Schließlich schritt die Führung des DHV ein, um den Streik schnellstmöglich beizulegen. Inkognito reiste eine Gewerkschaftsdelegation aus Hamburg nach Lauterberg, um zuerst mit den Fabrikanten Kontakt aufzunehmen und deren Bedingungen für die Beilegung der Auseinandersetzungen zu erkunden und zu akzeptieren. Anschließend  brachten die DHV-Delegierten ihrer Basis bei, was diese nun zu tun hatte. Der Streikführer Fritz Erfurth, der gleichzeitig die SPD in Lauterberg anführte, wurde fallen gelassen. Er musste mit seiner Familie den Harz binnen 14 Tagen auf Nimmerwiedersehen verlassen. Sämtliche Arbeiterinnen und Arbeiter wurden zunächst entlassen und mussten bei ihrer Wiedereinstellung eine Erklärung unterschreiben, dass sie kein Mitglied der Gewerkschaft waren (vgl. Das HolzArbeiterBuch 1993).

Solche Erfahrungen wirkten nach und trugen dazu bei, dass die sozialdemokratische Partei am Ort bedeutungslos blieb und sich zu Beginn des I. Weltkrieges auflöste. Doch existierte in Lauterberg weiterhin ein klassisches Proletariat. Insgesamt 17 größere Betriebe beschäftigten ca. 1700 Arbeiterinnen und Arbeiter. Hinzu kamen viele kleine Handwerksbetriebe. Landwirtschaft hatte hingegen kaum Bedeutung für den Ort.

Die Oberschicht repräsentierte ein Bürgertum, das sich Villen bauen ließ und mit den wohlhabenden Kurgästen harmonierte. Bereits ab Sommer 1839 begann auf Initiative des Arztes Dr. Ritscher ein Bäderbetrieb, weshalb die Stadt ab dem Jahr 1906 den Titel Bad tragen durfte. Bald besuchten mehr gut betuchte Kurgäste die Stadt, als sie Einwohnerinnen und Einwohner zählte. Die sozialen Ungleichheiten zwischen Reich und Arm, Bürgertum und Proletariat, prallten somit unmittelbar und ständig aufeinander.

Die Novemberrevolution

Im Kaiserreich behielt das Bürgertum die Zügel fest in der Hand. Das zeigte sich vor allem bei der politischen Mitbestimmung. So waren in Bad Lauterberg bei den Bürgervorsteherwahlen des Jahres 1913 von den ca. 6000 Einwohnerinnen und Einwohnern nur 581 Bürger (unter 10 Prozent!) stimmberechtigt. Während des Weltkrieges fanden keine Gemeindewahlen statt. Der Krieg führte zu einer drastischen Veränderung der sozialen Verhältnisse. Bereits ab 1915 wurden Lebensmittelkarten eingeführt und im Jahr 1916 übernahm die Oberste Heeresleitung unter den Generälen Hindenburg und Ludendorff quasi die Regierung. Deutschland unterstand damit faktisch einer Militärdiktatur. Das gesamte öffentliche Leben und die Industrie wurden dem Programm der totalen Kriegsführung unterworfen.

Für Bad Lauterberg hatte dies u.a. die Auswirkung, dass der Rüstungsbetrieb ‚Kuhlmann‘, mit Stammsitz in Rüstringen (Wilhelmshaven), eine Fabrik aufbaute. Mit dem Betrieb kamen im Jahr 1916 auch eine Anzahl von sozialistisch eingestellten Arbeitern aus der Nordseestadt in den Ort. Dass sich 1917 ein ‚Sozialdemokratischer Wahlverein‘ neu gründete, hat vermutlich mit den Arbeitern aus Wilhelmshaven zu tun. In jedem Falle hatte die Gruppe entscheidenden Anteil an der Bildung des Arbeiter – und Soldatenrates (ASR) 1918.

Für den 13. November 1918 kursierte in der Stadt ein Aufruf. Eine Volksversammlung sollte im Stadtzentrum bei der ‚Quelle‘, einem öffentlichen Brunnenpavillon, in dem eine Heilquelle sprudelte, stattfinden. Gegen 14 Uhr wurde eine rote Fahne auf dem Gebäude angebracht und es sammelten sich Tausende von Menschen. Adolf Trauzettel, der Wortführer der Arbeiter aus Wilhelmshaven, eröffnete die Versammlung, deren Tagesordnungspunkte waren: 1.) Bildung des Arbeiter- und Soldatenrates, 2.) Absetzung des Bürgermeisters und des Baumeisters, 3.) Verschiedenes.

Es folgte die Wahl des vorläufigen Arbeiter- und Soldatenrates. Dessen Mitglieder legitimierte die Menge einfach durch Handzeichen. Zum Vorsitzenden wurde Adolf Trauzettel bestimmt. Ein wahrlich revolutionärer Schritt verband sich jedoch mit der Wahl von Lina Heidelberg in den ASR. Gewählt wurde sie sicher deshalb, weil sich viele Frauen unter den Versammelten befanden. Spontan wählten sie eine aus ihren Reihen ins revolutionäre Gremium. Zwar erhielten Frauen durch die Revolution ihr aktives wie passives Wahlrecht, das war aber offiziell erst im Januar 1919 der Fall.

Bislang waren Frauen vor allem in bürgerlichen Organisationen wie dem ‚Evangelischen Frauenbund‘ oder dem ‚Vaterländischen Frauenverein‘ aktiv. Dass sich Frauen, zumal Arbeiterinnen, führend in der sozialistischen Bewegung engagierten, blieb die Ausnahme. Obwohl sie klar in der sozialistischen Bewegung verortet werden kann, ist über ein parteipolitisches Engagement von Lina Heidelberg nichts bekannt. Im November 1918 war sie 46 Jahre alt, hatte ihren Mann verloren und musste sechs Kinder allein großziehen.

Eine Urenkelin berichtete, das Lina Heidelberg als resolute, anpackende Persönlichkeit bekannt war, die sich nicht so leicht von Schwierigkeiten unterkriegen ließ.

Abbildung: ‚Die Quelle‘ in Bad Lauterberg. Ein 1846 errichteter Brunnenpavillon, oft Treffpunkt von Versammlungen und Demonstrationen. Im Jahre 1955 abgerissen. Foto: Felix Petz, 1890.

Nach der Wahl zog die Demonstration zu dem nur wenige hundert Meter entfernt liegenden Rathaus. Es folgte die Absetzung von Bürgermeister und Baumeister. Abschließend wurde, unter allgemeinem Jubel, eine rote Fahne auf dem Rathaus gehisst (BLT – Bad Lauterberger Tageblatt , Nr. 133, 14.11.1918).

Obwohl der ASR offiziell die politische Führung übernommen hatte, blieben Verwaltung und Polizei unangetastet. Die meisten Mitglieder des ASR sahen ihre Tätigkeit lediglich als Provisorium. Möglichst bald sollten reguläre Neuwahlen stattfinden, um einen neuen Stadtrat und einen Bürgermeister zu bestimmen. Mehr als Symbolpolitik war dem ASR ohnehin nicht möglich. Seine Mitglieder hatten keine Erfahrungen hinsichtlich der kommunalen Stadtverwaltung und mussten ihre Maßnahmen stets mit dem Magistrat und dem Bürgervorsteherkollegium abstimmen. Politisch stand der ASR auf Seiten der SPD, distanzierte sich sogar öffentlich von den Bolschewiki und dem Spartakusbund.

Wann sich eine örtliche Sektion der USPD gründete, ist nicht bekannt. Inserate und Berichte im BLT dokumentieren ab April 1919 eine rege Parteiarbeit.

Bürger

Für den 27. November 1918 riefen angesehene Bürger aus Bad Lauterberg „die über 20 Jahre alten Mitglieder der bürgerlichen Parteien (Hervorh. i. Orig., B.L.), Männer und Frauen, auf“, sich im Kursaal zusammen zu finden (BLT, 26.11.1918). Die bevorstehenden Wahlen für die konstituierende Nationalversammlung sollten besprochen werden. Dabei war die Bezeichnung ‚bürgerliche Parteien‘ eine Provokation gegenüber dem ASR und der sozialdemokratisch gesinnten Arbeiterschaft. Denn in der Novemberrevolution spielten die ‚bürgerlichen Parteien‘  keine Rolle, lösten sich auf bzw. bildeten sich gerade wieder neu.

Der vormalige Anhänger der rechtsradikalen ‚Deutschen Vaterlandspartei‘, Direktor Dr. Bartels, führte das Wort. Jetzt, nach der Revolution, konnte von seiner rechtsnationalen Einstellung natürlich keine Rede mehr sein. Im Gegenteil, der Herr Direktor verkündete, auf dem Boden der neuen Regierung Haase/Ebert zu stehen. Dennoch müsse er die Legitimation des ASR in Frage stellen. Eine Wahl einfach so mit Handzeichen, das ginge nicht. Damit kam Direktor Bartels aber beim vollzählig erschienenen ASR nicht durch. Bartels schwenkte daraufhin schnell um und kam auf’s Wesentliche zu sprechen, schließlich ginge es um die Rettung des Vaterlandes, wofür die Wahl der Nationalversammlung eine dringende Voraussetzung sei. Geschickt versuchte Bartels, die Versammelten zu umgarnen. U.a. referierte Rektor Hoff über die nun kommende Einheitsschule und die Lehrmittelfreiheit. „Es solle alles geschehen zum Besten unserer Kinder, für die das Beste gerade gut genug sei.“ (Die Einführung der Einheitsschule und die Lehrmittelfreiheit scheiterten wenig später am Widerstand der bürgerlichen Parteien.)

Noch lebte man von der Hoffnung, alles würde gut werden, USPD und SPD stellten ja mit Haase und Ebert gemeinsam eine rein sozialistische Revolutionsregierung. Lina Heidelberg schenkte der Entwicklung ihr Vertrauen: „Frau Heidelberg erinnerte daran, was die Frauen im Kriege alles erlitten und geduldet haben. Alles sei so knapp, daß es schwer sei, den Hunger zu stillen. Sogar von Seiten unserer Feinde seien die Leistungen der deutschen Hausfrau anerkannt und bewundert. Während das Volk habe hungern und darben müssen, sei in der kaiserlichen Hofhaltung alles vorrätig gewesen: Zucker, Fett, Fleisch usw. Sie rief allen Frauen zu, getreulich auszuharren und der neuen Regierung ihr Vertrauen entgegen zu bringen.“ (BLT, 28.11.1918)

Alsdann wurde von Direktor Bartels die Katze aus dem Sack gelassen. Er schlug die Bildung eines Bürgerrates vor, der die Arbeit des ASR unterstützen sollte. Hier unterschätzten Bartels und seine Bürger die Intelligenz ihrer Kontrahenten. Der Schlosser Pfotenhauer wandte ein, dass der frühere Klassenunterschied jetzt nicht mehr bestünde, es gäbe nur noch Staatsbürger, deshalb sei ein Bürgerrat überflüssig. Eine Gründung dieser Institution wurde mehrheitlich abgelehnt. Einer anderen Forderung musste nachgegeben werden, weil Frauen eben weder Arbeiter noch Soldaten waren. „Vorsitzender gab bekannt, daß Frauen keine Mitglieder im A- und S-Rat sein könnten, wohl aber könnten sie bei der Beratung über Lebensmittelversorgung usw. hinzugezogen werden. Dazu wurden von der Versammlung Frau Heidelberg, Frau Barsch und Frau Leinhos gewählt“ (BLT, 28.11.1918).

Radikalisierung

Für den 19. Januar 1919 wurden die Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung angesetzt, im Zuge dessen fanden kurz darauf auch Landtags- und Gemeindewahlen statt. Damit verlor der ASR seine Funktion. Was Dr. Bartels, der bei den Wahlen für die ‚Deutsch-Hannoversche Partei‘ – nach dem hannoverschen Herrschergeschlecht kurz ‚Welfenpartei‘ genannt – antrat, im Verein mit angesehenen Bürgern zum finalen Schlag gegen den ASR nutzen wollte. Es sei angemerkt das sich die ‚Welfenpartei‘ im Zuge ihres Niedergangs ab 1924 in die DNVP und die NSDAP auflöste.

Für den 5. Februar 1919 beriefen angesehene Bürger im Kursaal eine öffentliche Versammlung ein. Vorher verbreitete die ‚Welfenpartei‘ Flugblätter gegen die örtliche SPD, was mit dazu beitrug, dass über 1000 Personen den Saal bis auf den letzten Platz füllten. Mit dem ersten Tagesordnungspunkt wurde die Frage gestellt, ob die Besoldung des ASR im Interesse der Gemeinde wäre. Was die Bürger mit Verweis auf die Geldnot der Kommune verneinten, auch versuchten sie mit allerlei Argumenten den ASR zu diskreditieren und verlangten seine Absetzung. Damit überspannten Dr. Bartels und die Seinen den Bogen. Es gab viel Widerspruch von den anwesenden sozialistisch gesinnten Arbeiterinnen und Arbeitern. Unter denen, die sich zu Wort meldeten, waren Lina Heidelberg und ihre Kollegin Ackermann (Vorname nicht bekannt). Es gab immer mehr Zwischenrufe, so dass Bartels schließlich kapitulieren musste und den Vorsitz der Versammlung einem Angehörigen des ASR übergab (BLT, 6.2.1919). Der ASR bestand weiter und löste sich erst im April 1919 auf. Zu diesem Zeitpunkt sorgte die Lebensmittelversorgung für Zündstoff, die sich nach der Revolution in Bad Lauterberg zunehmend verschlechterte. Schuld daran gab man der Kreisverwaltung in Osterode, wo noch immer der kaiserliche Landrat Freiherr von Stockmar sein Amt ausübte. Mit einer großen Demonstration machten die sozialistischen Parteien in Bad Lauterberg am 9. April 1919 auf diese Misere aufmerksam. Für den Abend rief die USPD zum ersten Mal zu einer Versammlung in den Kursaal auf. Vorsitzender der USPD war der Angestellte Herrmann Stopperich. Sehr viel später, nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde Stopperich von den Alliierten als SPD-Vorsitzender eingesetzt und zog im Jahr 1949 als Direktkandidat des Wahlkreises Harz in den ersten Bundestag ein, dem er bis zu seinem Tode 1952 angehörte.

Am 24. April 1919 wurde eine Kommission, bestehend aus 29 Lauterberger SPD- und USPD-Mitgliedern, beim Landrat in Osterode vorstellig. Dieser Vorstoß wurde auch von 3000 Arbeiterinnen und Arbeitern in der Kreisstadt unterstützt, die sich auf dem Marktplatz versammelten. Stopperich verlangte im Namen der Lauterberger Bevölkerung den Rücktritt des Landrats, doch dieser lehnte ab. Daraufhin verkündete die Kommission, dass die Lauterberger Bevölkerung den Landrat forthin als nicht mehr existent betrachten würde.

Weiterhin agierten SPD und USPD gemeinsam und feiern den 1. Mai 1919 in Bad Lauterberg mit einem Umzug zum Schützenplatz. Mehrere tausend Menschen folgten dem Aufruf. Doch bald erfolgte ein tiefer politischer Bruch, der mit dem Einmarsch der Marinebrigade Ehrhardt am 13. März 1920 in Berlin zusammenhing. Gegen den Kapp-Putsch riefen alle sozialistischen und demokratischen Parteien und Gewerkschaften zum Generalstreik auf. Dass sich ein Aktionsausschuss aus USPD und SPD in Bad Lauterberg bildete, der den Streik proklamierte, war keine Frage. Darüber hinaus stellten linke Aktivisten eine Sicherheitswehr auf, der Bürger nicht angehören durften. Allein das sorgte für viel Unmut beim Bürgertum. Wie konnte es sein, das die sozialistischen Parteien einfach ihre eigene bewaffnete Macht ins Leben riefen, um damit das öffentliche Leben zu kontrollieren? Die Situation eskalierte, als in der Nacht des 17. März Schüsse auf ein bekanntes USPD-Mitglied abgegeben wurden. Seine Genossen handelten sofort, den Bürgern mussten ihre Waffen weggenommen werden. Das nun die Proleten der Sicherheitswehr ohne viel Federlesens ihre Wohnungen durchsuchten, war für viele Bürgerinnen und Bürger eine unfassbare Anmaßung.

Der Putsch brach bereits am 17. März zusammen. Während die gemäßigten Kräfte den Streik daraufhin am 18. März für beendet erklärten, wollten Linkssozialisten erst Bedingungen durchgesetzt wissen bzw. sahen Kommunisten und andere Linksradikale die Zeit für die proletarische Revolution gekommen. In einigen Regionen eskalierte das in bewaffneten Kämpfen. Auch die Sicherheitswehr in Bad Lauterberg wollte ihre Waffen nicht freiwillig abgeben. Schließlich umstellte am 27. März die Reichswehr die Stadt und erzwang die Waffenabgabe. Im Ergebnis führten die Auseinandersetzungen um den Kapp-Putsch zu einer Radikalisierung. Viele USPD-Mitglieder traten zur KPD über und gründeten 1921 eine KPD-Ortsgruppe (BLT 16.3., 18.3. und 30.3.1920, sowie Skript Männel 1951/1992).

Hungerrevolte

Durch den verlorenen Krieg und den Versailler Vertrag war das Deutsche Reich wirtschaftlich ruiniert. Mangelhafte Lebensmittelversorgung und steigende Preise blieben ein ständiges Problem. Im Jahr 1923 eskalierte die Situation in einer Hyperinflation. Geld verlor stündlich an Wert. Auf dem Höhepunkt der Geldentwertung im November 1923 entsprach der Kurs für einen US-Dollar 4,2 Billionen Reichsmark.

Abbildung: Eine Inflationsmedaille dokumentiert die Geldentwertung. Hunger, Elend und Aufruhr waren die Folge, die staatliche Ordnung stand vor dem Kollaps.

Geschäftsleute horteten ihre Waren, hofften auf eine Aufwertung des Geldes, gute Lebensmittel bekam man nur noch auf dem Schwarzmarkt. Mit aller Härte trafen diese Zustände die proletarische Bevölkerung. Es ging den Menschen schlechter als im Krieg, es gab wieder Hunger. Das führte zu Unruhen, die fast den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung zur Folge hatten. Auch in Bad Lauterberg fanden Demonstrationen statt, die schließlich eskalierten:

„Begonnen hat es am Rathaus, im kleinen Kurpark war eine Versammlung. Am kleinen Pavillon […]. Die Leute waren wütend, weil sie hungerten und dabei wussten, dass die Speiskammern der Reichen voll waren. So einfach war das, und schöne Reden füllen auch nicht den Magen. Da nahm dann Lina Heidelberg das Heft in die Hand. ‚Frauen, lasst uns das selbst in die Hand nehmen. Die Männer sind alles Flaschen!‘  und so begann dann der Protest- und Hungermarsch durch Bad Lauterberg“ (Lebenserinnerungen Theo Schlösser o.J.).

Umgehend wurden Lebensmittelläden und Geschäfte von der Menge gestürmt und geplündert. Der anwesende Stadtpolizist war machtlos. Erst zwei Tage nach der Hungerrevolte kam eine Hundertschaft nach Bad Lauterberg. Die Einheit wurde in einer Schule einquartiert und durchkämmte in den folgenden Tagen Wohnungen der proletarischen Bevölkerung. Einiges ‚Diebesgut‘ wurde von den Polizisten noch gefunden, es folgten etliche Gerichtsverhandlungen. Zu den Verurteilten gehörte auch Lina Heidelberg, sie wurde vom Landgericht Göttingen wegen Landfriedensbruch zu drei Monaten und drei Wochen Haft verurteilt.

Die Polizeihundertschaft blieb vorerst in Bad Lauterberg stationiert und ging mehrfach gegen kommunistische Versammlungen und einzelne Linke vor. Höhepunkt dieser Konfrontation war der mysteriöse Mord an dem Polizeiwachtmeister Alwin Hegener in der Nacht des 8. Oktober 1924:

„Es hing mit der Hungerrevolte zusammen. Am Bahnhof […] war ein Schild wegen eines toten Sipo-Mannes [Sicherheitspolizei, B.L.] aufgestellt. Von dem war ein blutbesudeltes Notizbuch gefunden worden […]. Es wurde aber nichts weiter gefunden […]. Man vermutete Rache, weil der Sipo den Ernst Struwe einmal furchtbar verprügelt hatte. Bei ihm wurde das ganze Haus ausgeräumt […]. Es wurde nichts gefunden. Dann stellte die Sipo in der MIAG [Mühlenbau und Industrie Aktiengesellschaft, B.L.] Nachforschungen an, ob die Leiche im Kessel verbrannt worden war. Auch in der Königshütte wurde gesucht, weil man sich erzählte, der Tote sei im Kupolofen verbrannt worden. Man hat dann die Suche eingestellt“ (Lebenserinnerungen von Theo Schlösser).

Es gab auch den Verdacht, die Leiche sei im Wiesenbeker Teich versenkt worden. Das Gewässer wurde abgesucht und sogar Taucher eingesetzt. Alle Bemühungen waren vergebens, die Leiche des Wachtmeisters wurde nie gefunden.          

Mitte der 1920er Jahre beruhigte sich die Situation. Im Jahr 1927 wurde Lina Heidelberg noch einmal wegen Beleidigung zu 40 Reichsmark Geldstrafe verurteilt. Welchen Hintergrund dieses Verfahren hatte, ist nicht bekannt. Über ein weiteres politisches Engagement von Lina Heidelberg finden sich keine Informationen. Sie starb (laut Melderegisterauskunft) am 17. August 1938, wenige Tage vor ihrem 66. Geburtstag.

Quellenverzeichnis

Helga Grebing, Hans-Otto Hemmer, Gottfried Christmann (Hg.) 1993: Das HolzArbeiterBuch. Köln: Bund-Verlag GmbH, Kapitel II, S. 106 – 110, Gottfried Christmann: ‚Revolution im Harz, der Lauterberger Stuhlarbeiterstreik‘.

Jacobshagen 1969: Eberhard Jacobshagen: Die Entwicklung der SPD und KPD in der Weimarer Republik, dargestellt am Beispiel einer niedersächsischen Kleinstadt: Bad Lauterberg. Schriftliche Hausarbeit für das Lehramt Geschichte an Volksschulen.

Sachse 2011: Mirjam Sachse: Von ‚weiblichen Vollmenschen‘ und Klassenkämpferinnen. Dissertation, Kassel.

Teyke, Gudrun: Geschichte der SPD Bad Lauterberg, unter: https://spd-badlauterberg.de/historie-des-ortsverein/ (abgerufen am 1.7.2019)

Schlösser o.J.: Theo Schlösser: Lebenserinnerungen. Nicht gedrucktes Skript, im Besitz des Verfassers.

Männel 1951/1992: Eberhard Männel: Karl Peix ein Kämpfer gegen Krieg und Faschismus. Überarbeitetes handschriftliches Skript, im Besitz des Verfassers.

Zeitungen

Holzarbeiter-Zeitung. Zeitschrift für die Interessen aller Holzarbeiter. Publikationsorgan des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes, Nr. 25, Hamburg, 1896.

Bad Lautberger Tageblatt (BLT), erschien 1854 – 1997

Nr. 133, 65. Jahrgang, 14.11.1918, Ausgabe 6.2.1919, Ausgaben 16.3.1920, 18.3.1920. 30.3.1920

Blutmai 1929

Bernd Langer

Polizeigewalt und Faschismus

Im Jahr 1929 besteht die Weimarer Republik zehn Jahre. An ihrem Beginn stand eine Zeit, die geprägt war von Not, revolutionären Aufständen, rechtsradikalen Putschversuchen und einer Hyperinflation. Zwischen 1924 und 1928 schien sich die Lage zu stabilisieren. Doch 1929 bricht mit Macht die Weltwirtschaftskrise über das Deutsche Reich herein. Während es 1927 etwa eine Million Erwerbslose gab, klettert ihre Zahl bis 1929 auf drei Millionen und wird im Februar 1932 mit 6.120.000 Arbeitslosen – das entspricht 16,3 % – ihren Höhepunkt erreichen.

Die Regierung kann diese Situation kaum bewältigen und ist gezwungen, die öffentlichen Gehälter um 25 % zu kürzen. Arbeitslosenunterstützung wird lediglich sechs Wochen bezahlt, danach stehen für die Betroffenen nur noch öffentliche Suppenküchen zur Verfügung.

In dieser schwierigen Situation wird Herrmann Müller (SPD) im Juni 1928 zum Reichskanzler einer Großen Koalition, zu der auch die nationalliberale DVP gehört (Kabinett Müller II). Erstmals seit dem Jahr 1921 steht die SPD damit wieder in der Regierungsverantwortung.

Nur in Preußen, dem größten und bedeutendsten Reichsland, ist das anders. Abgesehen von kurzen Unterbrechungen, heißt hier der Dauerministerpräsident von 1920 bis 1932 Otto Braun (SPD). Der ›rote Zar von Preußen‹ stützt sich auf eine Koalition mit Zentrum und DDP und will aus dem Freistaat ein ›demokratisches Bollwerk‹ machen. Dabei zählen die beiden sozialdemokratischen Innenminister Carl Severing (ab 1928 Reichsinnminister) und Albert Grzesinski zu Brauns wichtigsten Mitarbeitern. NSDAP und SA sind in Preußen bereits 1922 verboten worden.

Hauptfeinde

Als gefährlicher Gegner der Republik gilt Mitte der 1920er Jahre die KPD. Diese, ebenfalls zeitweise verbotene, Partei steht für mehrere bewaffnete Aufstände und in engem Kontakt mit den Bolschewiki. Ein Dorn im Auge der Behörden ist außerdem der formal unabhängige Rote Frontkämpferbund (RFB), dessen Führungskader über Kontakte zur Roten Armee verfügen. Nicht zuletzt ist die KPD eine Sektion der Kommunistischen Internationale (KI), einer Art revolutionärer Weltpartei, die ihren Sitz in Moskau hat.

Von jeher sind KPD und SPD politische Gegner und bereits 1924 ersinnt der bolschewistische Vordenker Grigori Sinowjew die These vom ›Sozialfaschismus‹, nach der die Sozialdemokratie lediglich eine Variante des Faschismus darstellt. Dass die Sozialfaschismusthese dann zur ideologischen Richtschnur der KI wird, hat jedoch mit Josef Stalin zu tun, der 1927 bei den Bolschewiki endgültig die Macht übernimmt.

In Bezug auf Deutschland hat der Diktator aufgrund eines geheimen Militärabkommens ein besonderes Interesse. Die Reichswehr hilft (bis 1933!), die Rote Armee aufzubauen, im Gegenzug können sich deutsche Soldaten auf russischem Gebiet an Waffen ausbilden, die ihnen der Versailler Vertrag in Deutschland verbietet. Dieses Geheimabkommen wird durch die SPD gefährdet, denn diese vertritt einen kritischen Kurs gegenüber der Sowjetunion und strebt eine Annäherung an Frankreich an.

Nach ihrem 6. Weltkongress vom 17. Juli bis 1. September 1928 in Moskau verschärft die KI ihren Kurs gegen den ›Sozialfaschismus‹. Die Sozialdemokratie wird zum Hauptfeind der kommunistischen Weltbewegung erklärt und eine aktive Politik zu deren Destabilisierung verkündet. Fortan ist es kommunistischen Parteien untersagt, Bündnisse mit sozialdemokratischen Parteien und Organisationen einzugehen.

Im Gegensatz dazu kommt es auf den Straßen verstärkt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, bei denen Kommunisten und Sozialdemokraten von den Nazis in eine Front geprügelt werden.

Die Nazis

Nach ihrem gescheiterten Putschversuch 1923 in München wird die Nazi-Partei reichsweit verboten. Aber bereits 1924 kommt Hitler vorzeitig auf freien Fuß und kann die NSDAP 1925 neu gründen. Zunächst bleibt der ›Führer‹ durch ein Redeverbot gehemmt und seine Partei parlamentarisch bedeutungslos. Bei den Wahlen zum 4. Reichstag am 20. Mai 1928 erhalten die Nazis ganze 2,6 % der Stimmen. Doch vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise vollzieht sich ab Frühjahr 1929 der Aufstieg der NSDAP zu einer Massenbewegung.

In diesem Zusammenhang spielt Josef Goebbels eine wichtige Rolle. Ab November 1926 Gauleiter von Berlin-Brandenburg, treibt er mit einer Mischung aus Propaganda und Straßenkampf die ›Eroberung‹ der Reichshauptstadt voran. Nachdem das Redeverbot für Hitler in Preußen 1928 fällt, organisiert Goebbels am 16. November eine Großkundgebung mit dem ›Führer‹ im Sportpalast. Es kommt zu Zusammenstößen mit Antifaschisten und am folgenden Tag wird die Leiche eines SA-Scharführers aus dem Landwehrkanal gezogen. Es bleibt nicht der einzige Tote, insgesamt verlieren bis zum 9. Dezember bei ähnlichen Auseinandersetzungen mindestens vier Menschen in Berlin ihr Leben.

Daraufhin beraten am 12. Dezember die Minister Grzesinski, Braun und Severing ein Verbot von KPD, NSDAP, RFB und SA. Zunächst erlässt Polizeipräsident Zörgiebel nach Zusammenstößen am 13. Dezember ein allgemeines Demonstrationsverbot für Berlin. Bald wird dieses Verbot ausgeweitet, denn in der Nacht zum 7. März 1929 findet in der kleinen Ortschaft Wöhrden (Schleswig-Holstein) eine heftige Straßenschlacht zwischen Nazis und Kommunisten statt. Es gibt drei Tote (zwei Nazis, ein Kommunist) und viele Schwerverletzte. Auch für diese preußische Provinz gilt von da ab ein Demonstrationsverbot.

Aufschaukeln

Seit 1925 ist Ernst Thälmann in Personalunion Vorsitzender von KPD und RFB. Thälmann steht für den stalinistischen Kurs und ist beim 6. Kongress der KI 1928 in der Sowjetunion anwesend. Nach seiner Rückkehr kommt fast das politische Ende für den Spitzenfunktionär. Obwohl dem Vorsitzenden die Unterschlagung von Parteigeldern bekannt ist, hat er dies für sich behalten (Wittorf-Affäre). Thälmann wird seiner Ämter enthoben, dann aber am 6. Oktober 1928 auf Intervention Stalins wieder in seine Parteifunktionen eingesetzt. Im selben Atemzug werden eine ganze Reihe von ›Abweichlern‹, die gegen den stalinistischen Kurs opponieren, aus der Partei bzw. ihren Nebenorganisationen ausgeschlossen. Thälmann ist Stalins Mann und soll mit dafür sorgen, dass sich die ›Sozialfaschismusthese‹ in der Partei und der kommunistischen Weltbewegung durchsetzt. Dafür bietet das Demonstrationsverbot am 1. Mai in Berlin durch die SPD eine Steilvorlage. Umgehend proklamiert die KPD das ›Recht auf die Straße‹ nicht aufzugeben und fordert Aktionen ›Gegen das Demonstrationsverbot, gegen das geplante Verbot des RFB‹.[1] Im März ruft die KPD ›Maikomitees‹ ins Leben, um trotz Verbot eine Großdemonstration zu organisieren.

Am 13. April veröffentlicht die ›Roten Fahne‹ den Aufruf des ZK der KPD, in dem es heißt: ›Heraus zur Mai-Demonstration … Arbeitsruhe in den Betrieben!‹

Da der 1. Mai in der Weimarer Republik kein gesetzlicher Feiertag ist, soll gestreikt werden.

Um der KPD-Agitation den Wind aus den Segeln zu nehmen, werden Zug um Zug in allen Städten und Gebieten Deutschlands, wo Demonstrationsverbote für den 1. Mai bestehen, diese aufgehoben. Eine ganze Reihe politischer Mandatsträger, unter ihnen Carl Severing, sind dafür, auch in Berlin die Mai-Demonstration zu erlauben. Doch in der Reichshauptstadt bleiben nur Saalveranstaltungen erlaubt.[2] Das liegt in erster Linie am preußischen Innenminister Albert Grzesinski. Er gilt als Kommunistenhasser der sich bereits Anfang 1919 für die militärische Niederschlagung des Berliner Januaraufstandes aussprach. Lieber heute als morgen will der preußische Innenminister RFB und KPD verbieten. Darin ist er sich mit seinem Parteigenossen Polizeipräsident Zörgiebel einig.

Mittlerweile putschen kommunistische und sozialdemokratische Presse die Stimmung wechselseitig in die Höhe. Im ›Vorwärts‹ vom 19. April heißt es: ›Die KPD will Tote … sie fordert auf, Zusammenstöße zu provozieren‹. Die ›Rote Fahne‹ kontert am 21.4. mit: ›Zörgiebel will am 1. Mai schießen‹. Schließlich titelt der ›Vorwärts. Der Abend‹ am 29. April: ›200 Tote am 1. Mai: Verbrecherische Pläne der Kommunisten …‹.

Tatsächlich hofft man bei der KPD, dass es ihr gelingt, die Aufhebung des Verbotes in Berlin zu erzwingen. Das wäre ein großer politischer Erfolg. Schließlich gehört die Maidemonstration zu den alten Traditionen der Arbeiterbewegung. Auf keinen Fall will die KPD-Führung 1929 auf die Maidemonstration verzichten und wird es darauf ankommen lassen. Noch gut erinnert man sich an das Jahr 1924, als ein ähnliches Demonstrationsverbot bestand und die Berliner Kommunisten trotzdem auf die Straße gingen. Noch dazu fühlt sich die KPD 1929 im Aufwind, u.a. ist es gelungen, bei der BVG (Berliner Verkehrs AG) einen kommunistischen Betriebsrat durchzusetzen. Diesen Erfolg beabsichtigt man auszubauen, indem am 1. Mai ein von der KPD angeführter BVG-Streik initiiert werden soll. Im Gegenzug ist der Streik von der Betriebsleitung der BVG und der sozialdemokratischen Gewerkschaft untersagt und gilt damit als ›wilder Streik‹. D.h., wer sich daran beteiligt, riskiert die fristlose Kündigung. Selbst der kommunistische Betriebsrat zweifelt daher an der Streikbereitschaft.

Solche Bedenken scheren die Parteileitung nicht, die ferner meint, bis zu 300.000 Menschen in die Innenstadt mobilisieren zu können. Selbst die ›Arbeiterkinder‹ sind aufgerufen  die Schule zu schwänzen und sich zu beteiligen. Sollte die Maidemonstration unterdrückt werden, will die KPD am 2. Mai zu einem ›Massenstreik‹ aufrufen.

Mit der Realität haben die bombastischen Verlautbarungen der KPD jedoch reichlich wenig zu tun. Viele Menschen sind durch die Stimmungsmache und das Verbot der Mai-Demonstration abgeschreckt. Um die Mobilisierung der KPD weiterhin zu beeinträchtigen, organisieren SPD und den ADGB-Gewerkschaften diverse große Mai-Saalkundgebungen und rufen dazu auf, sich nicht an den KPD-Veranstaltungen zu beteiligen. Genauso fordert die KPD, ›die Versammlungen der sozialfaschistischen Gewerkschaftsbürokratie zu meiden‹.[3]

Die Polizei

Zu den Gegnern der KPD gehört zweifellos die Polizei. Insbesondere bei der politischen Abteilung der Kripo, der ›Abteilung I A‹, sind viele Kommissare ehemalige Freikorpskämpfer. In der Regel entstammen die Polizisten jedoch jüngeren Jahrgängen. Das Eintrittsalter liegt bei 20 Jahren. Bevor man in den Revierdienst übernommen wird, durchläuft man eine militärische Ausbildung, gefolgt von mehreren Jahren kaserniertem Bereitschaftsdienst. In Berlin betrifft dies zirka 5.000 Mann der insgesamt 14.000 Köpfe zählenden uniformierten Schupo (Schutzpolizei).

Insgesamt hat die Polizei in Berlin eine Stärke von 16.500 Mann, die allesamt am 1. Mai zur Verfügung stehen, um Demonstrationen im Keim zu ersticken.

Kalkül und Realität

Die KPD will verschiedene Demonstrationszüge am Alexander- und Potsdamer Platz zusammenströmen lassen, da diese wichtigen Verkehrskreuzungen nicht gänzlich von der Polizei abgesperrt werden können.

Waffen, Hieb- oder Stichwerkzeuge, selbst Knüppel sind von der Partei streng untersagt. Der RFB soll in Zivil antreten, sich friedlich verhalten und lediglich die Demonstrationszüge abschirmen. Nicht von einer militanten Straßenschlacht sollen Bilder um die Welt gehen, sondern von der Polizei, die auf wehrlose Demonstranten losgeht.

Nur haben weit weniger Menschen Ambitionen, sich an dem angekündigten Schlagabtausch mit der SPD zu beteiligen, als von der KPD gedacht. Nur einige zehntausende lassen sich mobilisieren.[4] Vom angekündigten BVG-Streik ist nichts zu bemerken. Der öffentliche Nahverkehr läuft am 1. Mai wie an jedem anderen Tag. Baumaterial, das in Neukölln auf Gleise geworfen wird, und Sabotage an elektrischen Leitungen der Straßenbahn haben nur einen sehr begrenzten Effekt.

Erfolgreicher ist der ›Schulstreik‹. Zum einen hat das politische Gründe, zum anderen lassen viele Eltern ihre Kinder wegen der sich abzeichnenden Konfrontationen lieber zu Hause bleiben. In etlichen Klassen fällt der Unterricht aus.

18 Tote am ersten Tag

In den Vormittagsstunden des 1. Mai kann die Polizei einige Menschenansammlungen, vor allem in den ›besseren‹ westlichen Stadtteilen, ohne Gewaltanwendung zerstreuen. In den kommunistischen Hochburgen wie Neukölln allerdings kommt es gleich zu Beginn am Reuterplatz zu Gerangel, Flaschen und Steine fliegen, es setzt Prügel. In der Folge gibt es Verletzte auf beiden Seiten, einige Beamte feuern Warnschüsse ab.

Wenig später werden an den zentralen Sammelpunkten Potsdamer- und Alexanderplatz Demonstranten unter massivem Schlagstockeinsatz und mit an Hydranten angeschlossenen Wasserschläuchen auseinandergetrieben. Immer wieder versuchen sich Demonstranten zusammenzufinden. Es entstehen verschiedene Brennpunkte, die Lage wird unübersichtlich.

Um die umherfahrenden Polizeifahrzeuge zu stoppen, werden hier und da Hindernisse aus schnell erreichbarem Baumaterial, umgestürzten Fahrzeugen oder Litfaßsäulen errichtet. Immer wieder machen Polizisten bei den Auseinandersetzungen von ihren Dienstwaffen gebraucht, bis 14 Uhr sterben dadurch im Bezirk Mitte vier Menschen. Dann wird in der Kösliner Straße im Wedding der dort bekannte Sozialdemokrat Max Gemeinhardt am Fenster seiner Wohnung erschossen. Das lässt die Lage rund um die Straße sofort eskalieren. Angeblich werden Schüsse auf die Polizei abgegeben. Von nun an nehmen die Polizisten jedes verdächtige Fenster sofort massiv unter Feuer. Nach kurzer Zeit zieht sich die Schupo aus der Kösliner Straße zurück. Wenig später beginnt man dort, aus einem umgestürzten Wagen eine ›Barrikade‹ zu improvisieren.

Erneut rücken die Beamten gegen die Straße vor, nun mit Karabinern ausgerüstet. Obwohl sie auf keinen Widerstand stoßen, feuern die Polizisten auf alles, was sich hinter Fenstern oder Hausecken bewegt. Acht Menschen werden tödlich getroffen. Bis zum Abend des 1. Mai erschießt die Polizei allein im Wedding 10 Menschen. Insgesamt werden es an diesem Tag 18 Tote sein. Nachdem ein Panzerwagen, der von seinem MG keinen Gebrauch macht, gegen 20 Uhr durch die Kösliner Straße gefahren ist, schweigen hier endlich die Waffen. Die Polizei sieht von einer Besetzung der Straße ab und zieht sich zurück. Im Wedding finden nach Anbruch der Dunkelheit keine Kämpfe statt. Auch im übrigen Stadtgebiet gelingt es der Polizei durch ihr rigoroses und gewalttätiges Vorgehen bis zum Abend, alle Ansammlungen und Demonstrationszüge zu zersprengen. Bis auf eine Ausnahme: Neukölln.

Barrikaden in Neukölln

Den ganzen Tag über ist es im Gebiet um die Herrmannstraße und den angrenzenden Rollbergkiez unruhig, mit Einbruch der Nacht eskaliert die Lage. Neben KPD-Aktivist_innen stellen sich vor allem Jugendliche aus ›Wilden Cliquen‹ der Polizeigewalt entgegen.

Um der Schupo das Vorgehen zu erschweren, werden die meisten Straßenlaternen demoliert. Im Schutz der Dunkelheit entstehen die einzigen tatsächlichen Barrikaden in diesen Auseinandersetzungen. Aufgebrochene Pflastersteine werden aufgetürmt, die Straße auf ganzer Breite freigelegt und mit Schaufeln und Händen ein Graben ausgehoben.

Einzig auf ihr Scheinwerferlicht angewiesen, trauen sich die Polizisten nur sehr vorsichtig vor und machen ausgiebig von ihren Schusswaffen Gebrauch. Wieder heißt es, dass Dachschützen die Schupo unter Feuer nehmen. Einen Beweis dafür gibt es allerdings nicht. Tatsächlich wird während der gesamten Tage kein einziger Polizist von einer Kugel getroffen. Die Polizei bringt einen Panzerwagen zum Einsatz, der mit seinem MG auf alles feuert was sich in der Dunkelheit bewegt. Vier Menschen, die zufällig in die Feuerlinie geraten, werden erschossen.

Unbeteiligte sind keine Seltenheit, denn außerhalb des unmittelbaren Kampfgebietes geht das Leben seinen ganz normalen Gang, sind Kneipen und Kinos geöffnet.

Gegen Mitternacht hat die Polizei die Barrikaden beseitigt und zieht sich zum Hermannplatz zurück.

In dieser Nacht (zum 2. Mai) beschließt das ZK der KPD, das den Einfluss auf das Geschehen weitgehend verloren hat, weitere Demonstrationen zu untersagen. Stattdessen soll ein politischer Proteststreik am 2. Mai den ›Rückzug der kämpfenden Arbeiter decken‹. Die Beteiligung fällt bescheiden aus. Selbst die parteioffizielle Chronik bilanziert lediglich 75.000 Streikende (25.000 in Berlin, 50.000 im übrigen Reich), laut Polizeiangaben sind es in Berlin 14.000 Streikende, nach anderer Quellen legen reichsweit insgesamt 50.000 Menschen die Arbeit nieder.[5]

Insbesondere in der Parteijugend trifft der ZK-Beschluss auf Ablehnung. Zwar verläuft der 2. Mai zunächst ruhig und ohne Demonstrationsversuche. Als aber die Nacht hereinbricht, beginnen in Neukölln und dem Wedding erneut Auseinandersetzungen. Versuche, im Wedding Barrikaden zu errichten, werden von der Polizei unterbunden. Dabei fallen wieder Schüsse und etliche Menschen werden verletzt oder verhaftet, Tote gibt es in dieser Nacht im Wedding aber nicht. In Neukölln geht es härter zur Sache. Auch hier versuchen jugendliche Aktivist_innen Barrikaden zu errichten. Wieder setzt die Polizei einen Panzerwagen ein. Eine unbeteiligte Frau wird am Fenster erschossen sowie ein zufälliger Passant auf der Straße.

Sonderaktion

Am 3. Mai könnte alles vorbei sein, doch jetzt holt die Polizei zum großen Schlag aus. Eine Sonderaktion, also umfangreiche Durchsuchungen, finden in den Unruhegebieten von Wedding und Neukölln statt. Gleich zu Beginn heißt es, die Beamten würden von Dachschützen beschossen. Was folgt, kann man als Polizeimassaker bezeichnen. Ohne Zögern nehmen mit Karabinern ausgerüstete Polizisten jedes Fenster aufs Korn, hinter dem sich ein Schatten zeigt. In Neukölln rast der Panzerwagen die Hermannstraße rauf und runter und feuert mit seinem MG auf alles Verdächtige. An diesem Tag erschießt die Polizei in Neukölln weitere elf Menschen.

Gleichzeitig verbietet der preußische Innenminister Grzesinski den RFB. Das Verbot wird bis zum 17. Mai von allen Reichsländern übernommen. Grzesinski will auch die KPD verbieten, was aber von Severing als undurchführbar angesehen wird. Über mehrere Wochen untersagen die Innenminister jedoch das Erscheinen der ›Roten Fahne‹ und andere KPD-Zeitungen. Bei der BVG werden die kommunistischen Betriebsräte Deter und Krüger am 2. Mai entlassen. Ebenso wird in anderen Betrieben verfahren. Etwa 500 Personen, zumeist Frauen, verlieren auf Dauer ihre Arbeitsstellen[6].

Am Misserfolg der KPD lässt sich nicht deuteln. Andererseits erringen weder die SPD noch die verantwortlichen Minister oder gar die Polizei einen Sieg. Letztere behauptet zwar die Straße, doch ihr beispiellos brutales Vorgehen das über 30 Tote und mehr als 150 Schwerverletzte zu Folge hat, ist eine Bankrotterklärung für die Republik. Nachhaltig vertieft der ›Blutmai‹ den Bruch zwischen SPD und KPD und gilt als fürderhin als Beleg für die Sozialfaschismusthese, die nun von der KPD-Basis nachvollzogen wird und den stalinistischen Kurs unter Ernst Thälmann bestätigt. Den Nutzen aus der Frontstellung von KPD und SPD werden die Nazis ziehen.


[1] ›Rote Fahne‹, 19.12.1928

[2] Am Nachmittag und Abend des 1. Mai finden laut Polizeibericht 20 von der KPD angemeldete  Saalveranstaltungen mit insgesamt 12.000 Teilnehmer_innen statt, die allesamt ruhig verlaufen. Léon Schirmann, Berlin 1991 ›Blutmai‹, S. 134

[3] Flugblatt der KPD, im Besitz des Verfassers

[4] ›Berliner Blutmai 1929‹, Mitte Museum 2009, S. 13, gibt insgesamt 25.000 Demonstranten an. Angaben bei Léon Schirmann, Berlin 1991 ›Blutmai‹, S. 98, liegen etwas höher.

[5] W. Ulbricht, ›Die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung‹, Berlin 1966, Bd.4, S. 199. Siehe auch Kurt P. G. Schuster, ›Der Rote Frontkämpferbund 1924 – 29‹, Düsseldorf 1975, S. 220 und Léon Schirmann, ›Blutmai‹, Berlin 1991, S 290.

[6] Léon Schirmann, ›Blutmai‹, Berlin 1991, S. 290.

Comic ›Der Matrosenaufstand 1918 in Kiel‹

Man schreibt das Jahr 1918: Seit vier Jahren tobt der I. Weltkrieg. In Deutschland regiert faktisch die Oberste Heeresleitung (OHL) unter den Generälen Hindenburg und Ludendorff und zwingt das Land unter die Knute der totalen Kriegsführung. Die wirtschaftlichen und militärischen Ressourcen sind erschöpft.
Allein zwei Millionen deutsche Soldaten sind gefallen und bis zu 900.000 Zivilisten elend an der ›Heimatfront‹ gestorben, weil die gegnerischen Staaten die Rohstoff- und Lebensmittelzufuhr blockieren. Hinzu kommt 1918 eine Grippepandemie.
Düster sind die Aussichten für die deutsche Generalität vor allem seit die USA 1917 in den Krieg eingetreten sind. Aber noch gibt es in der OHL Hoffnung. Denn nach dem Machtantritt der Bolschewiki im Oktober 1917 unterzeichnet Russland einen separaten Friedensvertrag mit Deutschland. Gleichzeitig wird Italien nachhaltig militärisch geschlagen. So kann die OHL eine Entscheidungsoffensive an der Westfront planen, die nur gelingen kann, solange die US-Verstärkungen noch nicht voll zur Geltung kommen. Unter Aufbietung aller Reserven endet diese ›Große Schlacht in Frankreich‹ im August 1918 mit der deutschen Niederlage.

Frieden – wenn der Kaiser abdankt

Umgehend sollen jetzt Friedensverhandlungen eingeleitet werden. Aber mit dem deutschen Kaiser wollen die Siegermächte nicht verhandeln. Es kommt zu einer Verfassungsänderung und Kaiser Wilhelm II. tritt einen Teil seiner Macht ab. Er ernennt den liberalen Aristokraten Max von Baden am 3. Oktober 1918 zum Reichskanzler. Eine parlamentarische Regierung, erstmals unter Einbeziehung der SPD, wird gebildet. Sie untersagt umgehend jegliche Offensivhandlungen, auch den U-Boot-Krieg, und setzt am 26. Oktober General Ludendorff ab. Doch der Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen zieht sich hin, weil US-Präsident Woodrow Wilson sie von der vollständigen Abdankung des Kaisers abhängig macht. Wilhelm II. aber klammert sich an seine Krone. Ebenso kann sich ein großer Teil des Offizierskorps nicht mit einer Niederlage abfinden.

Die Marineführung will weiterkämpfen

Vor allem trifft dies auf die Marineführung, die Elite des Kaiserreiches zu, die kaum zum Einsatz gekommen ist. Die Offiziere wollen sich nicht einfach ergeben und die Flotte ausliefern. Da bietet sich Ende Oktober 1918 eine letzte Gelegenheit zum Kampf. Mit dem Ziel, der schwer bedrängten Westfront Entlastung zu verschaffen, wird ein Kampfverband aus dem I. und III. Geschwader vor Wilhelmshaven zusammengestellt.

Woraufhin unter den nicht weiter informierten Mannschaften Gerüchte entstehen, als die Matrosen Wind von dem Unternehmen bekommen.

Die Matrosen machen nicht mehr mit

Es heißt, der Flottenvorstoß sei ein selbstmörderisches Vorhaben und durchkreuze die Anordnungen der Regierung. Mit wehender Fahne wollten die Offiziere untergehen und die Friedensverhandlungen durch einen letzten Verzweiflungsakt stören. Deshalb verweigern auf der Schilling-Reede, dem Bereitschaftsposten der Hochseeflotte vor Wilhelmshaven, die Mannschaften auf den Linienschiffen ›Thüringen‹ und ›Helgoland‹ beim Auslaufen den Dienst.

 

Erst als Torpedoboote und U-Boote drohen die Schiffe zu versenken, geben die streikenden Mannschaften auf. Damit ist der Flottenvorstoß gescheitert und die Schiffe sind gezwungen in ihre Heimathäfen zurückzukehren. Rund 600 Matrosen werden gefangen genommen, 400 von ihnen in Wilhelmshaven und in den umliegenden Kasematten eingesperrt.

Die drei Großkampfschiffe des III. Geschwaders ›Bayern‹, ›Markgraf‹ und ›König‹ ziehen sich nach Kiel zurück. Dort sollen die restlichen 200 Gefangenen in Militärgefängnisse kommen. Kurz vor dem Einlaufen werden auf der ›Markgraf‹ weitere 47 Matrosen als Rädelsführer verhaftet. Allen Gefangenen droht das Kriegsgericht – was ihre Kameraden nicht hinnehmen wollen. Um die Gemüter zu beruhigen, wird den Mannschaften großzügig Landurlaub gewährt. Nach Zerstreuung und Zeitvertreib ist aber nicht allen Matrosen zumute. Etwa 250 versammeln sich am Abend des 1. November im Gewerkschaftshaus. Nach kurzer Debatte wird beschlossen, der Forderung nach Freilassung der Gefangenen am nächsten Tag um 19.30 Uhr mit einer Demonstration Nachdruck zu verleihen. Da die Polizei von dem Vorhaben erfährt, befiehlt Gouverneur Souchon, das Gewerkschaftshaus am 2. November für Marineangehörige zu sperren. Polizisten riegeln das Gebäude ab.

Von der Solidarität mit den Gefangenen zum Aufstand

Einige hundert Matrosen irren daraufhin durch die Stadt, bis sich schließlich circa 500 Menschen, meist Matrosen und Angehörige von Landmarineeinheiten, aber auch Vertrauensmänner der USPD, im Vieburger Gehölz im Süden Kiels versammeln. Die 1917 aus der SPD hervorgegangene USPD ist das Sammelbecken aller Kriegsgegner und Oppositionellen. Verschiedene Redner, darunter Karl Artelt, ergreifen das Wort.
Der 1890 geborene Karl Artelt aus Magdeburg, seit 1908 Mitglied der SPD, wird als Maschinenbauer mit Beginn des Krieges in die Germania-Werft in Kiel abkommandiert. Es folgt der Übertritt zur USPD. Im Jahr 1917 wird Artelt wegen »revolutionärer Tätigkeit unter den Matrosen und Werftarbeitern« zu sechs Monaten Festungshaft verurteilt. Anschließend kommt er in Flandern an die Front, wird aber nach einem halben Jahr als gefragter Spezialist in die Torpedobootsreparaturwerft nach Kiel zurückbeordert.
Neben Karl Artelt ist Lothar Popp die zweite Persönlichkeit der USPD in Kiel. Popp, Jahrgang 1887, lebt als Kleinhändler in Hamburg und ist ein pazifistisch eingestellter Sozialdemokrat. Seit 1912 SPD-Mitglied, wechselt auch er im Krieg zur USPD. 1915 wird er zum Militär eingezogen und Anfang 1917 als kriegsuntauglich entlassen. Als Schlosser wird er wenig später zur Germania-Werft in Kiel dienstverpflichtet und während des Januar-Streiks 1918 zum Vorsitzenden des Kieler Arbeiterrates gewählt. Nach dem Streik muss Popp eine Freiheitsstrafe von zwei Monaten verbüßen. Fortan bleibt er ohne feste Anstellung in Kiel und ist dort Vorsitzender der USPD. Bei seiner Rede am Abend des 2. November fordert Artelt neben der Freilassung der Inhaftierten die Niederringung des Militarismus sowie die Entmachtung der herrschenden Klasse.

Lothar Popp und andere USPD-Mitglieder treten ebenfalls in Erscheinung. Gemeinsam ruft man zu einer großen Volksversammlung am nächsten Tag am gleichen Ort auf. Zwar beobachten Polizisten, getarnt in Zivil, diese Versammlung, aber weder Polizei noch Militär greifen ein. Erst auf dem Rückweg tritt eine Kompanie Marinesoldaten aus der naheliegenden Waldwiesen-Kaserne den abziehenden Matrosen entgegen. Aber diese Kompanie ist ihren Kameraden wohlgesonnen.

Versuche die Bewegung zu unterdrücken schlagen fehl

Am selben Abend erstattet die Polizei dem Stadtkommandanten und Kapitän zur See Wilhelm Heine in dessen Privatwohnung Bericht von den Entwicklungen in der Stadt. Anwesend ist außerdem Konteradmiral Hans Küsel, Chef des Stabes der Ostseestation. Gouverneur Wilhelm Souchon, der erst seit drei Tagen im Amt ist, wird nicht hinzugezogen. Ergebnis der Unterredung ist eine allgemeine Urlaubssperre für Sonntag. Zusätzlich werden in der Nacht weitere 57 Matrosen der ›Markgraf‹ verhaftet.
Am Sonntagvormittag gibt es ein erneutes Treffen, diesmal ist der Gouverneur anwesend. Es wird beschlossen, um 16 Uhr Stadtalarm auszulösen, der die Matrosen auf die Schiffe und in die Kasernen befiehlt. Trommeln und Pfeifen geben den Alarm um 15.30 Uhr bekannt. Aber viele Matrosen ignorieren die Anordnung und machen sich auf den Weg zum Exerzierplatz im Vieburger Gehölz. Etliche Marinesoldaten und Zivilisten schließen sich an. Bis 18 Uhr haben sich circa 5.000 Menschen versammelt.
Einige Redner versuchen sich Gehör zu verschaffen und wenig später, der Abend zieht heran, setzt sich die Menge in Bewegung. Ihr Ziel ist die Marine-Arrest-Anstalt in der Feldstraße. Die Matrosen wollen ihre inhaftierten Kameraden befreien und anschließend das Offiziercasino stürmen. Immer mehr Menschen reihen sich in den Demonstrationszug ein.

Auf ihrem Weg liegt das Lokal Waldwiese, das als Hilfskaserne dient. Die kleine Waldwiesenkaserne wird von der Masse einfach überrollt. Einige dort Arrestierte werden befreit und Waffen erbeutet. Nachdem der Gouverneur von den Vorgängen unterrichtet ist, befiehlt er, der Demonstration »mit allen Mitteln entgegenzutreten« und »rücksichtslos von der Waffe Gebrauch zu machen.« Aber welche Einheiten sind noch loyal?

Das letzte Aufgebot von Befehlsempfängern versagt

Als verlässliche Truppe gilt die Ausbildungskompanie der Torpedo-Division, zumeist Rekruten und Offiziersanwärter. Kurzerhand wird die Einheit bewaffnet. Während Hals über Kopf zusammengesuchte Befehlsempfänger zur Sicherung von Gouverneurssitz und Arrestanstalt unterwegs sind, erreichen die Demonstranten gegen 18.30 Uhr den Bahnhof. Bei einem Gedränge gerät eine Frau unter eine Straßenbahn. Von diesem Unglück bekommen die meisten Demonstranten nichts mit. Sie ziehen mit Gesang und Parolen weiter in Richtung Marine-Gefängnis.
Es ist bereits dunkel, als die Menge, angeführt von untergehakt gehenden Matrosen, kurz vor 19 Uhr von der Brunswiker Straße in die Karlstraße abbiegen will. Vier Gaslaternen stehen an der Kreuzung. Doch ihr Licht kann die Szene, die sich etwas weiter in der Karlstraße abspielt, nur spärlich erhellen. Dort stehen 20 Schutzpolizisten auf der Straße und wollen den Weg versperren.
Als die Demonstration um die Ecke kommt und Sprechchöre tausender Kehlen in den Häuserzeilen widerhallen, verlieren die Polizisten die Nerven und türmen.

Doch 20 Schritte weiter steht der kriegsversehrte Leutnant der Reserve Oskar Steinhäuser mit 30 Soldaten auf der Karlstraße. Etwa zehn Schritte tritt der Leutnant vor seine Patrouille und hebt die rechte Hand.

Die vorderen Reihen der Matrosen stoppen ab, es wird ruhiger, und Steinhäuser erklärt, dass er Befehl habe, schießen zu lassen und es im Interesse aller wäre, wenn es ihm erspart bliebe, ein solches Kommando zu geben. Die Lage scheint sich zu entspannen, Steinhäuser geht zurück, tritt hinter seine Soldaten. Aber die Masse schiebt die vorderen Reihen immer weiter auf die Soldaten zu.

Gedränge, Dunkelheit und aufgereizte Stimmung machen es unmöglich, einen klaren Überblick zu behalten. Einige wollen sich ohnehin nicht von der Handvoll Soldaten aufhalten lassen. So in die Enge getrieben, gibt Steinhäuser schließlich den Feuerbefehl.

Die Salve soll in die Luft gehen, doch ein Matrose wird in die Schulter getroffen. Sofort stieben die Demonstranten auseinander, einzelne erwidern das Feuer.

 

 

In diesem Moment bekommt Steinhäuser von hinten einen Schlag auf den Schädel und bricht zusammen. Sofort preschen einige mutige Demonstranten vor, reißen andere mit sich. Ohne Offizier wissen die Rekruten nicht, was sie tun sollen, werden unsicher und geben eine gezielte Salve ab. Schreie, Verletzte wälzen sich am Boden. Die Rekruten geraten in Panik und laufen davon. Einige schießen wohl noch einmal, auch Matrosen feuern.
Steinhäuser kommt in diesem Tumult wieder zu sich, rappelt sich auf und bekommt erneut einen Schlag auf den Kopf, stürzt und wird von heranstürmenden Matrosen mit Gewehrkolben und Fußtritten malträtiert.

Als er sich aufzurichten versucht, feuert ein Matrose mit einer Pistole auf ihn. Der erste Schuss geht fehl, der zweite trifft Steinhäuser in die Brust. Wenige Augenblicke später gelingt es einem Wachtmeister und einem Leutnant, dem besinnungslosen Steinhäuser zu Hilfe zu eilen.
Sofort gehen Matrosen auf die Männer los und schlagen sie zusammen. Der Leutnant wird von einem Kopfschuss getroffen. Erst das energische Eingreifen einer Krankenschwester sorgt dafür, dass von den dreien abgelassen wird. Einige Demonstranten tragen die Schwerverletzten in ein nahegelegenes Lokal. Sie überleben.
Plötzlich rast ein Löschfahrzeug der Feuerwehr, vom Gouverneur alarmiert, in den Tumult. Gleichzeitig taucht ein Zug eines Marine-Bataillons hinter der Demonstration auf und feuert auf die Beine der Menge. Wieder werden Demonstranten verwundet, die Matrosen zerstreuen sich in die Nebenstraßen – ein Pyrrhussieg für den Gouverneur. Zwar kann er den Sturm auf das Gefängnis verhindern, doch aus der Befehlsverweigerung der Matrosen ist nun eine aktive Rebellion geworden. Souchon glaubt zunächst noch, wieder Herr der Lage zu sein. Er gibt für den kommenden Tag den Befehl zum Auslaufen des III. Geschwaders.

Vom Aufruhr zur Revolution

Doch sieben Matrosen sind gefallen und 29 verwundet, von denen zwei wenig später sterben. Die Toten und Verwundeten erbittern ihre Kameraden umso mehr. Matrosen ziehen los, dringen in Waffenkammern ein. Sie besorgen sich Waffen und Munition.
Am Morgen des 4. November entgleitet der Führung die Macht. Gegen 10 Uhr liegen die Arbeiten auf der Germania-Werft und in der Torpedowerkstatt still. Das Auslaufen des III. Geschwaders verzögert sich. Auf den Schiffen meutern die Mannschaften.
Als gegen 13 Uhr der Kommandeur der großen Kaserne in der Wik, Kapitän zur See Rudolf Bartels, seine Division mit einer Ansprache von der Teilnahme an dem angekündigten Demonstrationszug in die Stadt abhalten will, ist er mit einem Mal mit einer Gruppe Matrosen konfrontiert. Sie teilen dem Kapitän mit, welche Forderungen dieser der politischen Führung zu übermitteln hat.
Der Sprecher der Matrosen ist Karl Artelt. Nach einer ersten Verhandlung um 15 Uhr zwischen Gouverneur Souchon und einer Matrosenabordnung unter Artelt, will der Befehlshaber die Wogen glätten, indem er auf die Forderungen der Matrosen- und Arbeiterdelegation eingeht: die Freilassung der Inhaftierten; jeglicher Flottenvorstoß unterbleibt; die Schießerei am Vorabend soll gerichtlich untersucht werden. Mehrere tausend Matrosen ziehen anschließend im Triumphzug zur Arrestanstalt und holen ihre Kameraden dort ab. Damit sind die Würfel gefallen.
Am Nachmittag des 4. Novembers wäre ein Eindämmen der Bewegung in Kiel nur noch durch einen massiven Militäreinsatz möglich. Den ganzen Tag über treffen militärische Einheiten in Kiel ein, die den Aufstand niederschlagen sollen. Doch die Soldaten laufen zum großen Teil über oder lassen sich von den Aufständischen entwaffnen. Schießereien bleiben die Ausnahme. Trotzdem werden bis zum 5. November noch einmal zehn Tote gezählt.

Die rote Fahne verkündet den Sieg

Symbole des Aufstands sind die mit dem Lauf nach Unten getragenen Gewehre, um zu zeigen, dass Waffen nur noch zur Verteidigung gebraucht werden, und die rote Fahne, die auf allen öffentlichen Gebäuden aufgezogen wird, so auch auf dem Kieler Schloss. Dort residiert Prinz Heinrich, der älteste Bruder des Kaisers und seit Jahrzehnten Repräsentant der Hohenzollern in Schleswig-Holstein. Am Morgen des 5. Novembers sieht der Prinz Pistolen auf sich gerichtet. Eine Abordnung der aufständischen Matrosen ist in seine Residenz eingedrungen und zwingt ihn, die Treppe auf den Turm hinaufzusteigen – und oben, für jedermann sichtbar, eigenhändig die rote Fahne der Revolution zu hissen.
Eine Episode, die Rechtsradikalen als Vorbild gilt, spielt sich ebenfalls an diesem Morgen ab. Zur Flaggenparade werden an diesem Tag auf allen Kriegs- und Hilfskriegsschiffen in Kiel rote Flaggen gesetzt. Nur die ›Schlesien‹ und die ›König‹ zeigen noch die Reichskriegsflagge. Während die ›Schlesien‹ schnell ausläuft und das Weite sucht, bleibt die ›König‹, das Flaggschiff des III. Geschwaders, im Dock. Es liegt hier zur Reparatur. Kapitän Carl Wilhelm Weniger verweigert dem Soldatenrat, die rote Fahne auf seinem Schiff zu hissen. Mit einigen Offizieren stellt er sich vor den Flaggenmast.
Es kommt zum Feuergefecht. Der erste Offizier, Korvettenkapitän Bruno Heinemann, und der Adjutant, Leutnant zur See Wolfgang Zenker, sterben unter den Kugeln der revoltierenden Matrosen. Dann weht die rote Fahne auch am Mast der ›König‹. Kapitän Weniger überlebt schwer verwundet. In der NS-Zeit werden zwei Zerstörer nach den Toten benannt werden.

Ein weiterer Offizier, der den Umsturz nicht überlebt, ist der Stadtkommandant von Kiel, Kapitän zur See Heine, der verantwortlich für das Blutvergießen vom 3. November ist. Er wird in der Nacht zum 6. November in seiner Wohnung von einer Matrosenpatrouille erschossen.
Für die Matrosen steht jetzt alles auf dem Spiel: Entweder gelingt es den Aufstand zu verbreiten, oder sie werden als Meuterer abgeurteilt enden. Spontan finden sich Gruppen zusammen, die sich ›Sturmvögel‹ nennen. Sie wollen die Flamme der Revolution in andere Städte tragen. Schließlich bestehen die ›Sturmvögel‹ aus mehreren tausend Mann, die binnen weniger Tage dafür sorgen, dass in Norddeutschland die Revolte auf mindestens 50 Städte übergreift und schnell auch das ganze Land erfasst. Am 8. November ruft Kurt Eisner in München den ›Freistaat‹ (Frei von Monarchie) Bayern aus.
Um überhaupt noch handlungsfähig zu sein, verkündet Max von Baden am 9. November eigenmächtig die Abdankung des Kaisers. Doch die Realität schafft ihre eigenen Fakten: An diesem Tag erreicht die Revolution Berlin, und der Kaiser macht sich nach Holland aus dem Staub.
Am 11. November unterzeichnet Matthias Erzberger als deutscher Regierungsvertreter die Waffenstillstandsbedingungen in Campiègne. Am 28. November, als es längst keine Relevanz mehr hat, schickt Wilhelm II. aus dem Exil seine offizielle Abdankungsurkunde nach Berlin. Mit dem Schriftstück kann niemand mehr etwas anfangen.
Die Novemberrevolution hat die Monarchie hinweggefegt, das Deutsche Reich ist eine Republik.

Die Todesschüsse – Startbahn West 1987

Bernd Langer und Horst Schöppner

Der 6. Jahrestag der Hüttendorfräumung war gut vorbereitet. Die militanten Gruppen aus dem Rhein-Main-Gebiet hatten sich abgesprochen. Alles lief wie geplant. Dann fielen im Wald 14 Schüsse. Zwei Polizisten waren tot. Danach war alles anders.

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ZDF-Feindpropaganda

Bilder der nächtlichen Straßenschlacht im Schanzenviertel während des G20-Gipfels, unterlegt mit theatralischen Weltuntergangsklängen, dazu eine dramaturgische Stimme aus dem Off: „Steinwürfe von Vermummten, Angriffe auf Polizisten, brennende Barrikaden, Geschäfte werden geplündert. Die radikale Linke sorgt für Ängste.“ So beginnt die ZDF-Dokumentation ›Radikale von Links – die unterschätzte Gefahr‹. Plötzlich und unvermittelt blitzt das Symbol der RAF auf. Von der größten Herausforderung nach dem Krieg für den deutschen Staat wird gesprochen; 33 ermordete Menschen sollen auf das Konto der RAF gehen. Nach deren Selbstauflösung im Jahre 1998 sei es dann ruhig geworden um die extreme Linke in Deutschland. Doch der Verfassungsschutz (VS) warnt – die Hemmschwelle sinke wieder und untermauert die Zahl steigender Gewalt von Links mit seinen eigenen Statistiken. Dieser Blickwinkel wird in der Dokumentation kontinuierlich beibehalten und auf einen eigenen journalistischen Standpunkt vollständig verzichtet. Es gibt nicht einmal den Versuch, einen Anschein von Neutralität zu wahren.

Während die Aussagen von Linken stets in Frage gestellt werden, nehmen Kommentare von Staatsschutz, Polizei und befragten ›Experten‹ breiten Raum ein. Diese verkünden die ›Wahrheit‹ und sind eins mit den Aussagen der Stimme aus dem Off.

„Was habt ihr denn erwartet?“, lautet der eine oder andere Kommentar nach der Ausstrahlung am 6. September. Zunächst mal einen anderen Film. Rainer Fromm, bislang bekannt für Recherchefilme im rechten Spektrum, suchte Anfang des Jahres Interviewpartner zum Thema linke Szene und Antifa. Herauskommen sollte eine Dokumentation über die radikale Linke und was sie heute bewegt. Entstanden ist jedoch ein demagogisches Machwerk. Die Interviews mit linken Aktivisten und Aktivistinnen dienen ausschließlich der Bebilderung tendenziöser Thesen.

Im ersten Beispiel heißt es: „Antifaschismus ist derzeit eines der Hauptthemen linker Extremisten.“ Als Beleg, dass diese nicht vor Gewalt im geistigen Gefolge der RAF zurückschrecken, dient eine Demonstrationen gegen die AfD im April 2017 in Köln. Während die Stadt sich angeblich im Ausnahmezustand befindet, wird ein Sprecher der Gruppe ›Nationalismus ist keine Alternative‹ gefragt, ob ihm verletzte AfD-Mitglieder nicht leid täten. Nach kurzem Zögern entgegnet er: „Nein!“ Diese Aussage ist geschickt vor das eigentliche Interview gesetzt in dem derselbe Sprecher anmerkt, dass die AfD gerade dabei sei völkischen Rassismus und Antisemitismus wieder salonfähig zu machen. Schnitt, neue Perspektive: Polizei marschiert auf, dazu erschallt die Stimme aus dem Off: „Das Ergebnis linker Gewalt beim Anti-AfD-Protest: zwei verletzte Polizeibeamte eine Festnahme“.

Ein solcher Ausgang reicht allerdings nicht aus, um das Bild von blutrünstigen Linksradikalen drastisch genug zeigen zu können. Nun folgen ein paar Filmschnipsel vom Remmidemmi bei der Einweihung der EZB im Juni 2015 in Frankfurt. Derart eingestimmt, holt der Kommentator aus: „Anders als bei Neonazis wird die Entwicklung des politischen Linksaußen wissenschaftlich kaum aufgearbeitet. Zum Schwerpunkt Linksextremismus hat Karsten Dustin Hoffmann promoviert. Er war Mitglied eines Forscherteams, dass die Wahrnehmung des politischen Extremismus in der Publizistik analysierte.“

Dieser wissenschaftliche Experte, der gleich zweimal im Film vorkommt, polemisiert dann vor allem gegen die Rote Flora in Hamburg. Dass Hoffmann Mitglied der Kreistagsfraktion der AfD in Rotenburg (Wümme) ist, bleibt dabei unerwähnt.

Dass aber die Linksradikalen überall mitmischen und Proteste für ihre Zwecke missbrauchen, gilt uneingeschränkt, auch ohne Belege, z.B. im Kampf gegen die Atomkraft, gegen die Startbahn-West und in Bezug aufs Wettrüsten – Kämpfe, die längst vorbei sind und heute keine Rolle mehr spielen. Verwunderlich ist es dann auch nicht mehr, dass Joschka Fischer eingeblendet wird. Ein ehemaliger Straßenkämpfer, der Außenminister wurde. Trotzdem waren die radikalen Linken mit einer rot-grünen Regierung unzufrieden. Um das zu erklären, kommt kein geringerer als der Extremismusforscher Udo Backes zu Wort – auch so ein ›neutraler‹ Experte vom rechten Rand.

Aber wo sind die militanten Linken heute zu finden? Erste Adresse ist Kiel, der Sitz von ›Fire and Flames‹. Zwei eingeblendete Aktivisten treten für eine andere, bessere Gesellschaft ein. Die Stimme aus dem Off erkennt jedoch: „Das Bessere – für sie – die Revolution gegen den Staat, in dem sie leben!“ Eine zutreffende Konkretisierung, nur wird die Revolution im Film durchweg als sinnlose Gewalt dargestellt und nicht als Motor der Geschichte.

Zum Glück hat der Verfassungsschutz die ständig steigenden Zahlen der Autonomen (und der noch gefährlicheren Postautonomen) im Blick. Besonders bedrohlich scheint die Interventionistische Linke zu sein, die sich, laut Kommentator, als Avantgarde versteht. Ihr wird von einem ›VS-Experten‹ attestiert, dass sie durch das Einüben von Sitzblockaden eine höhere Gewaltbereitschaft erreicht hätte.

Wieder schwenkt die Kamera zu eindeutigen Bilder der Gewalt. Jetzt steht Leipzig-Connewitz im Blickpunkt. Erneut das inzwischen bekannte Muster, die Linken-Landtagsabgeordnete Jule Nagel sagt keine falschen Sachen, jedoch gehen ihre Aussagen in einem Gerangel zwischen Antifas und Polizei unter. Dazu die Stimme aus dem Off: „Die Abgeordnete Nagel sieht die Gewalt bei den Polizisten. Die Polizei als Buhmann, eine verbreitete Weltsicht.“

Nun mutiert der Dokumentarfilm endgültig zu einem Propagandastreifen. Im Schweinsgalopp geht es durch die Geschichte; von der Französischen Revolution über die Russische zur Kulturrevolution Mao-Tse-Tungs. Wir werden belehrt: Die Linken, besonders die radikalen Linken haben der Welt nur millionenfachen Tod und Verderben gebracht. Dass Autonome in Abgrenzung zu autoritär-kommunistischen Strömungen/Regimen bzw. den K-Gruppen überhaupt erst in den Siebziger Jahren entstanden sind, spielt für die Experten in dieser Dokumentation keine Rolle. Die heutige Antifa ist einfach in der historischen Abfolge von Stalin, Mao und Pol Pot, zu sehen. So ist es denn auch nicht mehr weit zu „Konzepten des Guerilla-Kampfes“, die angeblich bei den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg zum Tragen gekommen sind.

Das Geld für eine faktisch nicht existente Guerilla, die hier am Werk war, wird in linken Zentren, den „bundesweiten Sammelfeldern für Radikale“ beschafft. Auf einer Landkarte der BRD werden die linken Szene-Treffs öffentlich an den Pranger gestellt: Die Rote Flora in Hamburg, die Rigaer Straße 94 in Berlin, das JuzI in Göttingen, Conne Island in Leipzig, Autonomes Zentrum KTS in Freiburg, das Kafe Marat in München.

Schließlich führt die Dokumentation nach Berlin, wo sich das größte Zentrum der linken Szene befinden soll. Einige Aufnahmen vom 1. Mai 2017 werden gezeigt und die Deeskalationspolitik kritisiert. „Jahr für Jahr Randale. Und Jahr für Jahr zu wenig Aufmerksamkeit für linke Gewalt durch die Politik, klagt die Polizei vor Ort.“ Ein GdP-Sprecher erzählt, „dass wir verschiedene Straßen in der Stadt haben, wo Funkwagenbesatzungen, wo auch unsere Einsatzhundertschaften nicht mehr aussteigen.“ Diese Realitätsverzerrung impliziert den Ruf nach mehr Polizei und härterem Durchgreifen, weshalb nun auch noch der Koalitionsvertrag von rot/rot/grün in den Propagandabrei eingerührt wird. Der Vertrag geht auf zwei Seiten auf den Rechtsextremismus und den islamistischen Terror ein, aber kein Wort über ist über den bösen und gefährlichen Linksextremismus darin zu finden sind. Das ist beklagenswert für NPD, AfD und die rechten Vertreter anderer Parteien, die dann reichlich zu Wort kommen.

Gewissermaßen als Höhepunkt werden als Kronzeugen gegen linksradikale, autonome Gewalt Dieter Dehm und Sarah Wagenknecht ins Feld geführt, die offensichtlich zu allem etwas zu sagen haben. Obendrein präsentiert uns die Doku ein Modelabel, das Baby-Strampler mit RAF-Logo feilbietet. Spätestens hier müsste klar sein, dass dieses Emblem zur Pop-Ikone geworden ist und nur noch als Marketing-Gag funktioniert. Aber nein, selbst aus Modeschnickschnack wird versucht, eine Bedrohung zu konstruieren.

Als Satiresendung könnte die Doku sicher Preise abräumen, aber es handelt sich leider um einen rechtslastigen Staatsschutzstreifen – ZDF-Feindpropaganda.

Der Text erschien in gekürzter Fassung mit der Überschrift „Polizei marschiert auf – Alle Gewalt geht vom Fernsehen aus: Wie das ZDF linken Protest bekämpft .“ in der Wochenendausgabe, 16./17. September 2017, in der Jungen Welt.